Türkei-Star Arda Güler im Portrait

Der Liebling aller Türken

20. Jun 2024, 16:41 Uhr

Arda Güler schießt die Türkei zum Sieg gegen Georgien und sich selbst in die Herzen der Landsleute. (Foto: Marc Niemeyer)
Arda Güler schießt die Türkei zum Sieg gegen Georgien und sich selbst in die Herzen der Landsleute. (Foto: Marc Niemeyer)

Arda Güler schießt die Türkei mit einem Traumtor zum Sieg gegen Georgien und wird der jüngste Spieler, der bei seinem EM-Debüt traf. Das Supertalent von Real Madrid ist die große Hoffnung der Türkei. Ihm wird eine Weltkarriere wie Mesut Özil prophezeit. Allerdings kam er bei Real in der Vorsaison kaum zum Einsatz.

Von Sven Haist, Dortmund

Am Dienstagabend erzielte der Fussballer Arda Güler für die Türkei ein Traumtor, mit dem er seinen Landsleuten den ersten Sieg an dieser EM bescherte. Das Goal wirkte wie eine Kopie von Gülers erstem Länderspieltreffer vor einem Jahr. Mesut Özil drückte seinen Gemütszustand in einem Post aus. Der deutsche Weltmeister türkischer Herkunft, der vor einiger Zeit seinen Lebensmittelpunkt nach Istanbul verlegt hat, schrieb in den sozialen Netzwerken: «Ardaaaaaaa . . .!!!» Seiner Freude fügte Özil ein Edelstein- und zwei Feuer-Zeichen hinzu sowie die türkische Nationalflagge mit dem Halbmond.

Mesut Özil feiert das Tor des türkischen Talents Arda Güler.

So erleichtert dürften sich in diesem Moment viele Türken gefühlt haben. Der Kommentator des TV-Senders TRT 1 plärrte ebenfalls den Vornamen Gülers ins Mikrofon und jubelte euphorisiert wie die türkischen Fans im Dortmunder Stadion. Die üblicherweise schwarz-gelb gefärbte Südtribüne, auf der die BVB-Anhänger die Heimspiele ihres Klubs verfolgen, glich einer roten Wand.

Arda Güler sei der türkische Segen, schreibt Spaniens Marca

Die Leute feierten den Offensivspieler Güler von Real Madrid, der sich und sein Land mit einem unwiderstehlichen Effetschuss zum 2:1 gewissermassen auf den Halbmond schoss. Wie eine grosse Liebe schmachteten sie ihn an. Der 19-Jährige löste Portugals Cristiano Ronaldo als jüngsten beim eigenen EM-Debüt treffenden Torschützen der Geschichte ab. Auch die Medien lobten Güler. Er sei der türkische Segen, kommentierte Spaniens Sportzeitung «Marca», und der «Guardian» titelte: «Güler bringt den Donner, während die Türkei den Sturm überlebt.» Damit spielte die britische Zeitung nicht auf die beachtliche Leistung der Georgier an, die mit gepflegtem Offensivfussball ihren Teil zum bisher besten EM-Match beitrugen. Sondern auf den sintflutartigen Regenschauer, der vor der Partie auf die Stadionbesucher niedergeprasselt war.

Als bester Spieler der Partie rundete Güler die Darbietungen der international renommierten EM-Neulinge ab, die die erste Spielrunde dominierten. In gleichem Stil hatten zuvor Gülers Altersgenossen Jude Bellingham (England), Lamine Yamal (Spanien) und die Deutschen Florian Wirtz und Jamal Musiala aufgetrumpft.

Dass der Hype um Arda Güler die Begeisterung über die Leistungen früherer mit der Türkei verbundener Spitzenspieler übersteigt, liegt an seiner Herkunft. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern Özil, Nuri Sahin und den Altintop-Brüdern Halil und Hamit, die allesamt in Deutschland geboren wurden, stammt Güler aus der zentralanatolischen Grossstadt Ankara. Mit 14 Jahren zog er in die Akademie von Fenerbahce Istanbul und unterschrieb ein Jahr später seinen ersten Profivertrag. Mit 16 debütierte Güler dann für «Fener» in der ersten Liga; die Ausnahmebegabung war früh erkennbar.

Die EM ist bisher ein Turnier der Debütanten

Der Stolz auf das Supertalent setzte die ausgeprägten Rivalitäten im türkischen Klubfussball ausser Kraft. Güler wird der Erfolg überall gleichermassen gegönnt. «Er ist der Liebling aller Türken», sagt Kenan Kocak im Telefongespräch mit der NZZ. Kaum ein anderer kennt Arda Güler so gut wie Kocak, weil er ihn zwei Jahre als Assistent der türkischen Nationalmannschaft begleitet hat. Er half mit, dass Güler schon mit 17 zum Nationalspieler wurde. Seitdem wird dem Jungen in der Türkei, das im Fussball traditionell nichts ausser Überschwang und Untergang zu kennen scheint, eine Weltkarriere prophezeit. Er wurde schnell mit Özil verglichen – und als er immer besser wurde, sogar mit Lionel Messi. Kocak sagt diplomatisch, Güler sei in jedem Fall der talentierteste türkische Spieler seit vielen Jahrzehnten.

Wie die genannten Ausnahmekönner ist auch Arda Güler Linksfuss und agiert überwiegend als Spielmacher oder über die rechte Seite. Er hat eine feine Ballbehandlung und verfügt über ein umfassendes Spielverständnis. Gülers Orientierungsfähigkeit in engen Räumen suche seinesgleichen, findet Kocak. Durch seinen niedrigen Körperschwerpunkt und die filigranen Bewegungen ist er auch im Dribbling kaum zu stoppen. Am meisten beeindruckt den ehemaligen Hannover-Trainer allerdings die Reife des Spielers: Wie er mit dem Rummel um seine Person umgehe, sei bemerkenswert, sagt Kocak. Trotz dem Ruhm trete Güler innerhalb des Teams nie abgehoben auf. Er sei schüchtern und respektvoll, und dennoch selbstbewusst.

Bisher kam Arda Güler bei Real Madrid selten zum Einsatz

Im Sommer 2023 aktivierte Real Madrid die Ausstiegsklausel in Gülers Vertrag. Angeblich soll der Klub auf Drängen des Spielers zu den festgeschriebenen 17,5 Millionen Euro Ablöse noch ein paar Millionen hinzugefügt haben. Der Wechsel nach Spanien nach nur 51 Profispielen in der Heimat erinnerte an den Norweger Martin Ödegaard, der sich 2015 mit noch weniger Erfahrung den Königlichen angeschlossen hatte. In der Hinrunde kam Güler, auch aufgrund einer Verletzung am rechten Innenmeniskus, zu keinem Einsatz. Auch in der Rückrunde hatte er beim Champions-League-Sieger einen schweren Stand. Er kam letztlich nur auf zwölf Pflichtspiele – keines davon in der Königsklasse.

Reals Trainer Carlo Ancelotti versuchte die Ungeduld in der Türkei zu beschwichtigen, indem er verlautbarte, Arda Güler habe nicht die Einsatzzeit erhalten, die er eigentlich verdient gehabt hätte. Kocak sagt, Güler könne in Madrid zwar auf Weltklasseniveau trainieren, doch ein junger Profi benötige regelmässig Spielpraxis. Dass Güler bisher nicht wie erhofft zum Zug gekommen ist, liegt nicht daran, dass er dem Druck nicht standhält. Den ist er von Fenerbahce gewohnt. Vielmehr ist der Konkurrenzkampf bei Real riesig. In der Vorsaison musste er sich gegen Vinicius, Rodrygo und Bellingham behaupten. Nun stösst Frankreichs Weltmeister Kylian Mbappé zum Team.

Mesut Özil mahnt seine Landsleute zur Geduld

Kürzlich ermahnte Özil, der von 2010 bis 2013 selbst bei Real spielte und später mit Güler für Fenerbahce kickte, die Türken in der «Marca» zur Geduld mit ihrem Landsmann. Er sei sicher, die Zeit von Arda Güler werde irgendwann kommen, sagte Özil. Womöglich ist sie mit dem ersten Turniertreffer für die Türkei bereits angebrochen.

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