Marathon in London
«1:59:30 WR SUB2»
14. Mai 2026, 23:41 Uhr

Sabastian Sawe rennt in eine neue Dimension. Der 31-jährige Kenianer triumphiert in 1:59:30 Stunden beim Marathon in London – und unterbietet den alten Rekord um 65 Sekunden. Er ist der Mensch, der bei einem offiziellen Rennen unter zwei Stunden bleibt.
Kurz bevor Sabastian Sawe als erster Läufer die Ziellinie des Marathons in London erreichte, wechselten die Fernsehkameras die Perspektive. Sie zeigten den Kenyaner nun frontal aus einiger Entfernung aus dem Zielbereich, nicht mehr in Nahdistanz. So waren zugleich Sawe und die offiziell mitlaufende Zeit zu sehen, eingerahmt auf einem Werbebogen über der Ziellinie. Bei der Überquerung der Ziellinie zeigte dieser 1:59:30 an – eine Stunde, 59 Minuten und 30 Sekunden: Ein Weltrekord, der während vieler Jahrzehnte als nahezu unvorstellbar gegolten hatte.
Sawe ist der erste Mensch, der die historische Strecke über 42,195 Kilometer in einem anerkannten Wettbewerb unter zwei Stunden bewältigte. Zuvor hatte sein Landsmann Kelvin Kiptum die nun um 65 Sekunden verbesserte Bestmarke im Oktober 2023 aufgestellt. Wenig später kam Kiptum bei einem Autounfall in der Heimat zusammen mit seinem Trainer ums Leben.
Er kam, er «Sawe», er siegte – so würdigten zahlreiche Medien die Leistung des derzeit weltbesten Langstreckenläufers. Das Wortspiel lag in doppelter Hinsicht nahe: zum einen, weil Sawe erst im Dezember 2024 seinen ersten Marathon absolvierte und bis dahin an bedeutenden internationalen Rennen kaum in Erscheinung getreten war; zum anderen, weil die Sprengung der scheinbar unerschütterlichen Zwei-Stunden-Betonmauer zum jetzigen Zeitpunkt als verfrüht galt.
Vor dem Rennen am Sonntag hatte Sawe zwar mit einem Lächeln erklärt, er könne bestehende Grenzen angreifen. Doch in der Öffentlichkeit war eher vom Streckenrekord in London oder von einer marginalen Verbesserung des Weltrekords die Rede gewesen – nicht von einem Lauf in eine neue Dimension. Es sei ein Tag, an den er sich erinnern werde, sagte Sawe, erschöpft und zugleich überwältigt, im Sieger-Interview auf einer TV-Veranda.
Sawe, 31 Jahre alt, rang sichtlich um Worte, die BBC-Reporterin sprach beinahe mehr als er selbst. Er dankte den Zuschauern an der Strecke für ihre Unterstützung. Die Errungenschaft gehöre deshalb nicht ihm allein, sondern ganz London, sagte er. Als er auf die Zielgerade – die Londoner Prachtallee The Mall, die sich vom Buckingham Palace bis zum Trafalgar Square erstreckt – eingebogen sei und die Zeit gesehen habe, sei er von Euphorie getragen worden. Trotz seinem Vorsprung liess er nicht nach und hielt das Tempo bis zum Schluss hoch. Erst wenige Meter vor dem Ziel breitete er jubelnd die Arme aus.
Beeindruckend war, wie Sawe sich das Rennen eingeteilt hatte: Von Kilometer zu Kilometer steigerte er sich, allen Strapazen zum Trotz. Bei Rennhälfte lag er noch zehn Sekunden über dem bisherigen Rekord, ehe er auf die Zwischenzeit von 60:29 eine surreale zweite Rennhälfte mit einer Zeit von 59:01 folgen liess. Dabei kam ihm zugute, dass er lange von seinen Konkurrenten gefordert wurde. Eine Vorentscheidung fiel erst nach rund 30 Kilometern, als sich Sawe und der äthiopische Marathon-Debütant Yomif Kejelcha aus einer Spitzengruppe mit sechs Athleten lösten.
Es entwickelte sich ein atemberaubendes Kopf-an-Kopf-Duell, bis sich Sawe etwa anderthalb Kilometer vor dem Ziel auf Höhe des London Eye entscheidend abzusetzen vermochte. Auch der Zweitplatzierte, Kejelcha, der das Ziel nur 11 Sekunden nach Sawe erreichte, blieb unter der Zwei-Stunden-Marke. Und selbst der Dritte, Jacob Kiplimo, knackte in 2:00:28 den bisherigen Weltrekord.
Für Sawe, der alle seine bisherigen vier Marathons in Valencia, London, Berlin und erneut in London gewonnen hat, ist dies selbstredend der grösste Erfolg seiner Karriere. An Leichtathletik-Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen ist er nie in Erscheinung getreten. Damit tritt er gewissermassen in die Fussstapfen seines berühmten kenyanischen Landsmanns Eliud Kipchoge, der die Marathonszene bis wenige Jahre vor seinem Rücktritt 2025 dominiert hatte. Kipchoge war es auch, der 2019 demonstrierte, dass eine Zeit unter zwei Stunden möglich ist. Damals bewältigte er den Marathon in 1:59:40 Stunden – allerdings unter laborähnlichen Bedingungen. Der Lauf wurde nicht als offizieller Wettkampf anerkannt, da Kipchoge von durchgehend wechselnden Tempomachern unterstützt wurde und von direkter Verpflegung profitierte.
Sawes Fabelleistung ist das Ergebnis eines Zusammenspiels aus Talent, perfekter Ausrüstung und dem ideal sonnigen, angenehm milden Frühlingswetter in London. Schon früh wurden Ausdauer und Speed in seiner Kindheit erkannt; einer seiner Lehrer sagte zu ihm: «Laufen ist nicht nur Begabung, es ist dein Glück und deine Zukunft.» Zudem weckten die Erfolge seines Onkels Abraham Chepkirwok, der 2008 für Uganda an den Olympischen Spielen in Peking teilnahm, seinen Ehrgeiz.
Chepkirwok erwies sich als wichtiger Wegbegleiter Sawes auf dem Weg an die Weltspitze: Er verschaffte ihm zunächst Zugang zu Laufcamps auf 2400 Metern Höhe in Iten, Kenya, und später über Kontakte aus seiner eigenen Karriere einen Platz in der renommierten Trainingsgruppe 2Running Club. Über Einsätze als Tempoläufer und den Wechsel auf die Marathondistanz gelang Sawe schliesslich der internationale Durchbruch.
«Er ist ein stiller Killer», sagte Sawes Berater Eric Lilot vor dem London-Marathon, «aber sobald er auf die Strasse tritt, wird er zur Bestie.» Seine Krallen sind dabei im übertragenen Sinn ein brandneues Paar Laufschuhe. Sawes Ausrüsterfirma entwickelte ein spezielles Modell mit einem Gewicht von angeblich nur 99 Gramm. Es sei «noch schneller» als die letzte Version, kündigte Sawe an. Nach dem Rennen hielt er den weissen Schuh wie eine Trophäe in der Hand. Mit schwarzem Edding hatte Sawe darauf seine Bestzeit notiert: «1:59:30 WR SUB2» – WR steht für Weltrekord, SUB2 für unter zwei Stunden.
