FC Arsenal im Titelrennen

Die schönsten Worte seit „I have a dream“

12. Mai 2026, 17:12 Uhr

Weil West Hams Pablo mit der Hand den Unterarm von Torwart David Raya nach unten drückt, kommt es in der Premier League zum bislang weitreichendsten VAR-Eingriff - zugunsten des FC Arsenal. (Foto: Javier Garcia / Shutterstock)
Weil West Hams Pablo mit der Hand den Unterarm von Torwart David Raya nach unten drückt, kommt es in der Premier League zum bislang weitreichendsten VAR-Eingriff - zugunsten des FC Arsenal. (Foto: Javier Garcia / Shutterstock)

Tief in der Nachspielzeit sorgt der VAR im Spiel gegen West Ham United für eine Wendung – und spielt Arsenal damit im Titelrennen mit Manchester City in die Karten. Die Szene ruft bei einigen Beobachtern sogar Erinnerungen an eine legendäre Rede hervor.

Von Sven Haist, London

Der Monitor am Spielfeldrand, auf dem Schiedsrichter Christopher Kavanagh die spielentscheidende Szene überprüfte, war zu klein, als dass alle hätten mitverfolgen können, was darauf zu sehen war. Vierzehn Spieler – je sieben von West Ham United und dem FC Arsenal – standen dicht nebeneinander hinter Kavanagh, wie in einer Kinoreihe. Im Hintergrund verharrte Arsenals William Saliba in der Hocke, als bete er zum Fußballgott. Würde der Ausgleichstreffer von West Hams Callum Wilson in der fünften von sechs Nachspielminuten Bestand haben – oder nicht?

Insgesamt vergingen vier Minuten und 17 Sekunden, darunter siebzig Sekunden, in denen Kavanagh die Bilder sichtete, ehe die endgültige Entscheidung fiel. Der Referee zeichnete das VAR-Rechteck in die Luft und sprach über sein geöffnetes Mikrofon in die Stille des London Stadiums hinein: „After review: West Ham number 19 committed a foul on the goalkeeper“ – West Hams Nummer 19 hat ein Foul am Torhüter begangen. Die Folge: Das Tor wurde zurückgenommen. Im Sky-Studio scherzte Arsenals früherer Torjäger Ian Wright, Vorzeigefigur im Kampf gegen Rassismus, dies seien die „schönsten Worte“ gewesen, die er seit Martin Luther Kings „I have a dream“-Rede gehört habe.

Seit der Einführung des Video Assistant Referee (VAR) zur Spielzeit 2019/20 in England hatte es in der Premier League keine derart richtungsweisende Überprüfung gegeben. Der Beschluss vom Sonntagabend beeinflusste gleichermaßen das Titelrennen wie den Abstiegskampf. Arsenal gewann dank des einzigen Treffers von Leandro Trossard in der 83. Minute mit 1:0 und hat den Gewinn der ersten Meisterschaft seit 22 Jahren weiterhin in alleiniger Hand. Der Vorsprung beträgt fünf Punkte auf Manchester City, das zu diesem Zeitpunkt ein Spiel weniger absolviert hat. Am anderen Ende der Tabelle bleibt West Ham zwei Spieltage vor Saisonende auf einem Abstiegsplatz hängen und kann nur noch Tottenham Hotspur überholen, um die Klasse zu halten. Alle übrigen gefährdeten Vereine – Crystal Palace, Leeds United und Nottingham Forest – werden in der nächsten Saison definitiv in der Premier League spielen.

Tatsächlich evaluierte Referee Kavanagh den maßgeblichen Zweikampf insgesamt 17 Mal. Nach einer Ecke entstand im Fünfmeterraum Arsenals ein „Royal Rumble“, wie die englische Öffentlichkeit das intensive Gedränge und Geschubse in Anlehnung an eine gleichnamige Wrestling-Großveranstaltung bezeichnete. Auf beiden Seiten waren derart viele unterschiedliche Vergehen zu erkennen, dass die Szene in jeden Schiedsrichterlehrgang aufgenommen werden müsste. Die nach Regelwerk ausschlaggebenden Fouls in unmittelbarer Ballnähe ereigneten sich an Arsenals Torwart David Raya.

Der Spanier wollte den Ball mit beiden Händen in der Luft aufnehmen und wurde dabei gleich von zwei Gegenspielern bedrängt: von West Hams Jean-Clair Todibo, der ihn am Trikot zog, und von Stürmer Pablo („Nummer 19“), der seinen linken Arm über Rayas Brust führte und gleichzeitig mit ausgestreckter Hand dessen linken Unterarm nach unten drückte. Der Ball glitt dem Torwart durch die Hände und landete nach Salibas misslungener Klärungsaktion vor den Füßen von Wilson, der ihn ins Tor jagte. Videoreferee Darren England griff ein, da eine eindeutige Regelwidrigkeit vorlag – Kavanagh war die Sicht auf den entscheidenden Zweikampf auf dem Feld mutmaßlich versperrt geblieben.

Nach der Partie wollte kaum jemand die Richtigkeit der Entscheidung ernsthaft infrage stellen, nicht einmal der Verlierer. West Hams Trainer Nuno Espírito Santo, einst selbst Profitorwart in Portugal, richtete seinen Ärger stattdessen auf die Inkonsistenz der Unparteiischen bei vergleichbaren Situationen im Verlauf dieser Saison. Jeder fühle sich „verwirrt“, sagte er. Selbst die Schiedsrichter wüssten nicht mehr genau, was als Foul gelte. Mittelfeldspieler Tomas Soucek ergänzte: „In jedem Spiel macht Arsenal so viele Blockaktionen, so viele kleine Fouls. Und jetzt, da sie den Titel brauchen, bekommen sie das Foul plötzlich gepfiffen.“ Mikel Arteta lobte naturgemäß „den Mut“, die Entscheidung zu korrigieren. Arsenals Coach, sonst ein notorisch scharfer Kritiker der Referees, räumte ein, er habe in diesem Moment „wahrscheinlich erkannt, wie schwierig und groß die Aufgabe des Unparteiischen“ sei, wenn eine einzige Szene über das Schicksal zweier bedeutender Klubs entscheiden könne.

Die Zusammenarbeit zwischen Schiedsrichter und VAR war unter dem enormen Druck ein Musterbeispiel für die Notwendigkeit des Videobeweises. Er ermöglichte Kavanagh einen zweiten, ruhigen Blick auf die Tumulte im Strafraum. Trotz seiner starken Leistung in diesem komplizierten Spiel hätte ein folgenschwerer Fehler die Reputation des Referees beschädigen können. Der Fall zeigt, dass angesichts der Tragweite solcher Entscheidungen im milliardenschweren Fußballgeschäft keinem Unparteiischen zuzumuten ist, ohne derartige Hilfsmittel auszukommen.

Der Eckball mitsamt den wilden Rangeleien wirkte wie eine komprimierte Zusammenfassung dieser Saison, in der Standardsituationen in der Premier League so sehr im Mittelpunkt standen wie nie zuvor. Maßgeblich zurückzuführen ist dies auf den FC Arsenal, der sich auf ruhende Bälle spezialisiert hat. Fast hätte eine solche Situation früh für die Führung gesorgt, doch Trossard köpfelte den Ball lediglich ans Lattenkreuz. Kurz vor Trossards späterem Treffer bewahrte Torwart Raya seine Mannschaft dann vor einem massiven Rückschlag, als er mit einer sehenswerten Parade das 0:1 verhinderte. Er fuhr aus kürzester Distanz den linken Fuß wie ein Eishockey-Goalie gegen West Hams Mateus Fernandes aus.

Mit dem 1:0 hat der FC Arsenal das Nadelöhr im Titelkampf passiert. Vor der Partie hatte City-Trainer Pep Guardiola zum Ende seiner Pressekonferenz nach dem Heimsieg gegen den FC Brentford den Bergmannsgruß gezeigt und „Come on you Irons“ gerufen – Symbol und Schlachtruf von West Ham. Nun bleibt seinem Verein nur die Hoffnung, dass Arsenal entweder am kommenden Montag im Heimspiel gegen den bereits feststehenden Absteiger Burnley patzt oder am letzten Spieltag bei Crystal Palace. Das Vereinswappen von Palace ist der Adler.

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