Königstransfer Viktor Gyökeres
Mit der Trikotnummer von Thierry Henry
17. Aug. 2025, 01:44 Uhr

Seit über zwei Jahrzehnten wartet der FC Arsenal auf die Meisterschaft, und ein echter Torjäger fehlte dem Team ebenfalls schon lange. Mit der Verpflichtung von Viktor Gyökeres hoffen die Fans nun, dass der Ex-St.-Pauli-Stürmer beide Bedürfnisse behebt.
Die Fans des FC Arsenal sehnen sich seit Jahren beinahe ebenso sehr nach einem konstant treffsicheren Torjäger wie nach dem Gewinn der englischen Meisterschaft. Aus Sicht vieler Anhänger hängt beides zusammen: das anhaltende Warten auf den ersten Ligatitel seit 2004 − und die unzureichend besetzte Position im Angriffszentrum. Zwar verfügte Arsenal häufig über renommierte Mittelstürmer wie Robin van Persie, Olivier Giroud, Alexis Sánchez oder Pierre-Emerick Aubameyang. Doch keiner von ihnen erreichte das Niveau von Thierry Henry, dem bisher letzten großen Titelhelden der Gunners.
Besonders in den vergangenen beiden Saisons, als das Team von Trainer Mikel Arteta jeweils Premier-League-Zweiter wurde – mit der besten Defensivbilanz aller Klubs –, trat das Fehlen eines echten Torjägers zutage. Entsprechend setzte Arsenal in diesem Sommer alles daran, einen passenden Stürmer zu verpflichten – und löste daher unter erheblichem finanziellen Aufwand kürzlich den schwedischen Nationalspieler Viktor Gyökeres, 27, aus seinem Vertrag bei Sporting Lissabon.
Der Wechsel zog sich in die Länge – weil sich beide Klubs auf keine Ablöse einigen konnten
Nach zähen Verhandlungen waren die Londoner bereit, eine Fix-Ablöse von 65,8 Millionen Euro zu zahlen. Durch leistungsabhängige Boni, die als realistisch erreichbar gelten, könnte der Betrag auf etwa 75 Millionen steigen. Um den Transfer gegen den Widerstand von Sporting durchzubringen – die Portugiesen beharrten auf der vertraglich fixierten Ausstiegsklausel über 100 Millionen Euro –, verzichtete der Gyökeres-Berater auf seine Provision. Der Spieler selbst blieb dem Trainingsauftakt in Lissabon fern und zeigte sich stattdessen auf Mallorca. Gyökeres wähnte sich dabei im Recht, weil ihm nach eigener Darstellung zugesichert worden sei, den Klub für eine deutlich geringere Summe verlassen zu dürfen. Sporting wies diese Version öffentlich zurück und soll daraufhin das Juli-Gehalt von Gyökeres (rund 350 000 Euro) einbehalten haben. Angesichts seines neuen Fünfjahresvertrags beim FC Arsenal mit mutmaßlich mehr als doppelt so hohen Bezügen dürfte Gyökeres dies verschmerzen können.
Mit 27 Jahren ist er nun erstmals in einer europäischen Topliga angekommen – nachdem seine Karriere zuvor vergleichsweise unspektakulär verlief: in der Heimat, in der U23 von Brighton & Hove Albion, beim FC St. Pauli, später bei Swansea City und Coventry City. Erst im Sommer 2023 ging er für 24 Millionen Euro zu Sporting Lissabon. Dort gelangen ihm 97 Tore in 102 Pflichtspielen, in der Vorsaison war die Quote besonders furios (54 Tore, 51 Einsätze) – darunter war ein Dreierpack gegen Manchester City in der Champions League.
Am meisten beeindruckt die Wucht von Viktor Gyökeres
„Wahnsinn, Wahnsinn!“, schwärmt Andreas Bornemann über die Fähigkeiten des Angreifers. Der Sportchef von St. Pauli hatte Gyökeres einst in Brightons Akademie entdeckt und ihn zur Saison 2019/20 ausgeliehen. Schon damals, erinnerte sich Bornemann vor einiger Zeit am Telefon, habe der junge Schwede „recht viel von einem idealen Angriffsprofil“ mitgebracht – auch wenn zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar gewesen sei, dass Gyökeres mal als eine der „heißesten Offensivaktien“ gelten würde. Bei St. Pauli ging es für ihn vor allem darum, Spielpraxis zu sammeln und seine Entscheidungsfindung auf dem Platz zu schärfen. Auch das Zusammenspiel mit den Teamkollegen wurde gezielt trainiert. Die physischen und technischen Grundlagen hatte der 1,89 Meter große Stürmer damals schon im Gepäck: Tempo, Dynamik, Dribbelstärke, Abschlussqualität mit beiden Füßen – und eine bemerkenswerte Spielintelligenz.
Was Bornemann am meisten beeindruckte, war die körperliche Präsenz, mit der sich Gyökeres in Zweikämpfen behauptete und Räume zwischen den Gegenspielern attackierte. Das verleiht seinen Offensivaktionen eine unwiderstehliche Durchsetzungskraft – oft wirkt es, als würde er auf seine Gegner zustürmen und geradewegs durch sie hindurchbrechen. Er sei stets bereit gewesen, alles zu investieren, und habe sich nie aufhalten lassen, sagt Bornemann. Gyökeres sei „ungemein zielstrebig“ in seiner Spielweise, weil er auf Übersteiger und Umwege verzichte. Der Manager ist überzeugt: Gyökeres könne sich auf „jedem Niveau bei jedem Klub“ etablieren und müsse keinen Vergleich scheuen. Als Vorbild nannte Gyökeres einst seinen Landsmann Zlatan Ibrahimovic.
Viktor Gyökeres hat eine unscheinbare Karriere hinter sich – bis er bei Sporting durchstartet
Im Alter von 20 Jahren verließ Gyökeres seine Heimat. Er war in der renommierten Talentschmiede von IF Brommapojkarna bei Stockholm ausgebildet worden, aus der auch andere gute Fußballer wie Dejan Kulusevski (Tottenham Hotspur) hervorgingen. Die frühe Auslandserfahrung habe ihm besondere Eigenständigkeit verliehen, findet Bornemann. Gyökeres sei ein stiller, reflektierter Typ, sehr analytisch – keiner, dessen Innenleben sich leicht durchschauen lässt. Dazu passt sein inzwischen bekannter Torjubel: Mit aufgestellten Daumen und ineinandergelegten Fingern formt er eine symbolische Maske vor Mund und Nase. Die Bedeutung der Geste hat Gyökeres bis heute nicht erklärt, trotz wiederholter Nachfragen.
Bei Arsenal übernimmt Gyökeres die Rolle des gesetzten Mittelstürmers, die zuletzt Kai Havertz in Abwesenheit des verletzungsanfälligen Gabriel Jesus ausfüllte. Der deutsche Nationalspieler war trotz einer im Februar erlittenen Oberschenkelverletzung, die ihn fast für den Rest der Saison außer Gefecht setzte, Arsenals bester Liga-Torschütze – mit neun Treffern. Mit Gyökeres als Neuner eröffnen sich Trainer Arteta nun zusätzliche taktische Optionen: Havertz könnte an der Seite des Schweden stürmen, über links kommen oder ins Mittelfeld zurückkehren. Letzteres würde den Konkurrenzkampf dort weiter verschärfen: zwischen Havertz, Kapitän Martin Ödegaard, Declan Rice sowie den Zugängen Martin Zubimendi (von Real San Sebastián, 70 Millionen Euro) und Christian Norgaard (Brentford, 12 Millionen).
Insgesamt investierte Arsenal in dieser Transferphase bereits rund 225 Millionen Euro – ohne nennenswerte Weggänge. Der Druck auf Trainer Arteta, nun die Meisterschaft oder die Champions League zu gewinnen, steigt also. Ein mögliches Verfehlen dieses Saisonziels ließe nicht mehr mit dem Verweis auf einen fehlenden Goalgetter erklären. Viktor Gyökeres erhält bei Arsenal die Rückennummer 14 – die Nummer von Thierry Henry.

