Ärger beim FC Liverpool

Salah legt ein Feuer

15. Dez. 2025, 15:36 Uhr

Mohamed Salah fühlt sich vom FC Liverpool im Stich gelassen. (Foto: David Rawcliffe / Propaganda Photo / Imago Images)
Mohamed Salah fühlt sich vom FC Liverpool im Stich gelassen. (Foto: David Rawcliffe / Propaganda Photo / Imago Images)

Mohamed Salah attackiert seinen Trainer Arne Slot und den FC Liverpool aus Unverständnis über seine Einsatzzeiten. Daraufhin streicht ihn der aus dem Kader gegen Inter Mailand gestrichen. Es bahnt sich eine Trennung an.

Von Sven Haist, London

Welche Wucht eine Äußerung von Mohamed Salah entfalten kann, zeigte sich bereits im April 2024. Damals raunte der Weltstar des FC Liverpool nach einem Unentschieden bei West Ham United, bei dem er erst spät eingewechselt worden war, den Reportern einen vielsagenden Satz zu: „Wenn ich spreche, wird es ein Feuer geben.“ Mehr sagte Salah nicht, sodass Trainer Jürgen Klopp, dessen Abschied zum Saisonende bereits feststand, die explosive Stimmungslage noch relativ leicht entschärfen konnte.

Am Samstagabend jedoch, nachdem der FC Liverpool trotz 2:0- und 3:2-Führung nur ein 3:3 beim Aufsteiger Leeds United erreicht hatte, beließ es der ägyptische Angreifer nicht bei Andeutungen. Aus Verärgerung über seine dritte Nichtberücksichtigung nacheinander machte Salah seinem Unmut siebeneinhalb Minuten lang auf spektakuläre Art Luft. Er sieht sich offenbar als Opfer des miserablen Saisonverlaufs seines Vereins, der in den jüngsten 15 Spielen nur drei Siege errungen hat.

Im Kern ging es Salah um drei Punkte: den persönlichen Umgang mit ihm, den Trainer Arne Slot und seine Perspektive im Verein. Aus seiner Sicht habe Liverpool ihn „vor den Bus geworfen“ und zugesagte „Versprechen“ nicht eingehalten, beklagte Salah. Dabei zog er einen etwas merkwürdig anmutenden Vergleich mit seinem internationalen Konkurrenten Harry Kane vom FC Bayern, der für sein Empfinden bei Durststrecken mehr Rückendeckung aus Klubumfeld und Medien erhalte. Einen solchen Respekt verlange auch er, kritisierte Salah. Dass Slot zumindest verbal keine Gelegenheit auslässt, ihn zu loben, ließ er unbeachtet. Und Durststrecken bei Harry Kane?

Missfallen bereitet Salah offenbar die fehlende Geduld mit ihm und auch, dass er als einziger Stammspieler nach den peinlichen Pleiten gegen Nottingham und Eindhoven aus der Startelf genommen wurde. Spieler mit vergleichbarer Formschwäche – Kapitän Virgil van Dijk, Verteidiger Ibrahima Konaté oder Offensivmann Cody Gakpo – behielten hingegen ihren Platz. Als Rechtfertigung führte Salah seine enormen Verdienste um den FC Liverpool an, darunter nie dagewesene 47 Torbeteiligungen in der Vorsaison, mit denen er sein Team fast im Alleingang zur Meisterschaft geführt hatte. „Ich habe es mir verdient, nicht mehr jeden Tag um meine Position kämpfen zu müssen“, betonte er.

Diese Haltung erklärt, warum er auch seinen Trainer scharf kritisierte und detailliert auf die Beziehung zu ihm einging. Bisher habe er mit Slot stets eine solide Basis gehabt, doch „plötzlich besteht gar kein Verhältnis mehr“, so Salah. Zudem ließ er die Bemerkung fallen, dass ihn offenbar „jemand nicht mehr im Verein haben will“. Einen konkreten Namen nannte er auch auf Nachfrage nicht. Vielmehr stellte Salah dramatisch einen kurzfristigen Abschied in den Raum – wohl wissend, dass sein öffentlich platzierter Rundumschlag genau dazu führen könnte.

Er habe seine Eltern bereits gebeten, zum Premier-League-Heimspiel am Samstag gegen Brighton ins Stadion zu kommen, berichtete er, da er nicht abschätzen könne, wie es für ihn im Verein weitergehe. Von der kommenden Woche an nimmt Salah mit der ägyptischen Nationalelf am Afrika Cup teil; bei einer Rückkehr nach dem Turnier im Januar bestünde die Möglichkeit eines Wechsels. Sein im Frühjahr verlängerter Vertrag läuft noch bis Juni 2027. Auf mögliches Interesse aus Saudi-Arabien ging er nicht ein.

Mit seinen Aussagen löste Salah, 33, tatsächlich einen Flächenbrand aus, der selbst die beachtliche Krise seines Klubs vor der Champions-League-Partie bei Inter Mailand am Dienstagabend in den Hintergrund rückte. Diverse Medien berichteten am Montag live vom Abschlusstraining der Mannschaft auf dem Liverpooler Gelände. Alles drehte sich nur um eine Frage: Wird Slot seinem Spitzenspieler den gewagten Vorstoß nachsehen – oder ihn aus dem Kader streichen?

Slot reagierte, wie es ihm nach Salahs deutlichen Worten kaum anders möglich war, um seine Autorität zu wahren: Der Niederländer strich Salah für die Partie in Mailand aus dem Aufgebot. Zwar absolvierte Salah das Training ohne besondere Vorkommnisse und scherzte beim Aufwärmen mit einigen Mitspielern, reiste anschließend jedoch nicht mit zum Spiel. „Es war für mich überraschend, als ich seine Kommentare nach dem Spiel gehört habe“, sagte Slot auf der Pressekonferenz am Montagabend: „Meine Reaktion darauf ist klar, und deswegen ist er heute nicht bei uns.“

Angesichts der Tragweite dieser Entscheidung dürfte sich Slot mit dem Klub über den Umgang mit Salah abgestimmt haben. Das Resultat illustriert die Rückendeckung, die Slot trotz des fulminanten Absturzes nach wie vor im Verein genießt. Bei der Zusammenführung der alten Meisterelf und der für rund eine halbe Milliarde Euro neu verpflichteten Spieler leistete sich der Trainer nach einem gelungenen Saisonstart mehrere wenig überzeugende Aufstellungen, in denen er zum Beispiel wiederholt auf Rekordtransfer Alexander Isak setzte, obwohl dieser ohne jegliche Fitness am letzten Transfertag nach Liverpool gekommen war.

Dies dürfte nicht nur bei Salah den Eindruck erweckt haben, dass Status mehr zählt als Leistung. Während der aktuellen Negativspirale mangelt es dem Team auffallend an Einsatzbereitschaft, Konzentration und Wettbewerbsgeist. Dominik Szoboszlai bemängelte das nach dem Leeds-Spiel pointiert: „Wir dachten (nach dem 2:0), das Spiel sei bereits vorbei.“ Um die Zügel deutlich anzuziehen, hatte Slot vor anderthalb Wochen eben mit der Degradierung von Salah reagiert; die Maßnahme sollte Autorität signalisieren und den Konkurrenzkampf fördern. Der stolze Spieler hat sich das erwartungsgemäß nicht gefallen lassen.

Erst im April hatten sich der Klub und Salah auf einen neuen Vertrag geeinigt, inklusive eines Wochengehalts von 400 000 Pfund plus Bonuszahlungen, was ihn zu einem der absoluten Spitzenverdiener im englischen Fußball macht. Doch seine Leistungen entsprechen derzeit nicht seinem gewaltigen Salär. Salah leidet nach dem Weggang von Trent Alexander-Arnold zu Real Madrid unter wechselnden Spielpartnern auf seiner Seite, mehr noch leidet er unter dem tragischen Verlust des tödlich verunglückten Diogo Jota, dem er menschlich nahe war. Sportlich wird immer deutlicher erkennbar, dass Salahs Tempodribblings an Tempo verlieren, weshalb er seltener an den Gegenspielern vorbeikommt. Und natürlich haben auch die prominenten Offensivtransfers des Klubs – Alexander Isak, Florian Wirtz, Hugo Ekitiké – dazu geführt, dass das Spiel nicht mehr primär auf ihn ausgerichtet ist.

Auf die Frage, ob Salah bereits sein letztes Spiel für die Reds absolviert hat, fand Trainer Slot keine Antwort. „Ich habe keine Ahnung. Ich kann diese Frage zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten“, sagte Slot. Nach dem Spiel in Mailand werde sich der Verein „die Situation noch einmal ansehen“. Er sei aber „fest davon überzeugt, dass es für einen Spieler immer eine Möglichkeit gibt, zurückzukehren“.

Von den Fans hat sich Salah vorsorglich schon mal verabschiedet. Nach dem Leeds-Spiel ging er in die Kurve und legte seine Hand auf das Klubwappen.

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