Kick-and-Rush in der Premier League

Die Premier League entdeckt das alte Kick-and-Rush

08. Nov. 2025, 16:32 Uhr

Fußballklubs in der Premier League entdecken das alte Kick-and-Rush für sich. Nie zuvor gab es so viele lange Einwürfe und Tore nach Standards wie in dieser Saison. (Foto: Mark Leech Offside / Imago Images)
Fußballklubs in der Premier League entdecken das alte Kick-and-Rush für sich. Nie zuvor gab es so viele lange Einwürfe und Tore nach Standards wie in dieser Saison. (Foto: Mark Leech Offside / Imago Images)

Die Bedeutung von langen Bällen und Standards ist in der Premier Leauge so hoch wie nie. Damit wollen Fußballklubs gegen organsierte Abwehrreihen für Unordnung sorgen. Der FC Arsenal ist das prominenteste Beispiel.

Von Sven Haist, London

Die Begegnungen zwischen Manchester City und dem Liverpool FC glichen in den vergangenen Premier-League-Spielzeiten kleinen Fussballmessen. Die Spielstile der gegnerischen Mannschaften unter den Trainern Josep Guardiola und Jürgen Klopp schienen sich über Jahre zu ergänzen: Citys Ballbesitz-Fussball traf auf Liverpools Umschaltspiel. Sollten sich die Titelrivalen am Sonntag in Manchester jedoch nicht auf alte Muster aus der Vergangenheit besinnen, könnte das Spitzenspiel diesmal einen neuen Trend widerspiegeln – die Rückkehr zum alten englischen Kick-and-Rush.

Seit Saisonbeginn vollzieht sich in der stärksten Liga der Welt eine erstaunliche Renaissance auf dem Rasen. Die Klubs der Premier League entdecken Offensivtaktiken wieder, die eigentlich schon als Relikte galten. Dazu gehören weit und hoch nach vorne geschlagene Bälle, um schnell Torchancen zu erzwingen, ebenso wie Standardsituationen – Ecken, Freistösse, Elfmeter oder lange Einwürfe. Immer geht es darum, in der gegnerischen Abwehr Unordnung zu stiften und so die Wahrscheinlichkeit eines Treffers zu erhöhen. Trainer in England sprechen inzwischen davon, «Chaos kreieren» zu wollen.

Die Entwicklung wurzelt in den vergangenen zehn Jahren des europäischen Spitzenfussballs, die von Guardiola und Klopp massgeblich geprägt wurden. Beide trieben sich mit ihren gegensätzlichen Ansätzen gewissermassen gegenseitig zur Perfektion: Guardiola verfeinerte seine Struktur mit Ball, um Klopps Pressing zu umspielen und Konter zu vermeiden; Klopp wiederum schärfte die Positionierung und das Anlaufverhalten seines Teams, um Guardiolas Kombinationen zu unterbinden. So entstand praktisch ein taktisches Patt auf dem Platz – Tore fielen nur noch, wenn gravierende Fehler passierten.

Daran orientieren sich auch die übrigen Vereine, die sich vor allem defensiv auf ähnlich hohem Niveau organisierten. Offensiv war das schwerer nachzuahmen, weil dort individuelle Klasse eine viel grössere Rolle spielt. Klopp brachte die Situation einmal so auf den Punkt: «Das Schlimmste ist, gegen eine Mannschaft mit Weltklassespielern zu spielen, die alle tief im eigenen Strafraum verteidigen.»

Selbst die besten Angriffsreihen fanden da kaum noch ein Durchkommen. Als Erster reagierte Mikel Arteta, der Trainer des Arsenal FC, auf die wachsende Herausforderung. Er will die Dominanz von Manchester City und Liverpool brechen. Früh begann er, mit seiner Mannschaft Varianten für Ecken und Freistösse einzuüben und sie stetig auszubauen. Für diese Detailarbeit holte er Nicolas Jover, einen Spezialisten für Standardsituationen. Der in Berlin geborene und in Frankreich aufgewachsene Jover begann 2016 als reiner Standard­coach beim Brentford FC. Arteta, seinerzeit Assistent Guardiolas bei City, wurde auf ihn aufmerksam und setzte sich intern für seine Verpflichtung ein. Er habe einiges unternommen, um die damals skeptischen Verantwortlichen in Manchester zu überzeugen, sagte Arteta einmal. Später, 2021, holte Arteta Jover dann von Manchester City zu Arsenal.

Seitdem haben Arsenals Standards ein zuvor ungekanntes Level erreicht. Die ruhenden Bälle sind zu den verlässlichsten Vorlagen des Teams geworden, sie sind fast so gefährlich wie Elfmeter. Kommt es im Spiel zu einer Ecke oder einem Freistoss, frohlocken die Fans im Stadion: «Set piece again, olé, olé, olé»: wieder ein Standard. An den bisher zehn Spieltagen entstanden zwölf der achtzehn Tore Arsenals aus Standards, davon acht nach Ecken – stolze 66,7 Prozent. Diese Bilanzen bilden die Grundlage dafür, dass die Londoner derzeit mit sechs Punkten vor dem zweitplatzierten Manchester City an der Tabellenspitze stehen, Liverpool folgt dahinter mit einem Zähler weniger. Der Fokus auf Standards findet mittlerweile viele Nachahmer. Weil sie «so wichtig» geworden seien, müsse man dies kopieren und selbst anwenden, räumte Rúben Amorim, der Trainer von Manchester United, ein. Insgesamt werden zurzeit prozentual so viele Tore aus Standards erzielt wie nie zuvor.

Die Idee dahinter: Nah am eigenen Strafraum verteidigende Mannschaften können über das gesamte Spiel hinweg Ecken und Freistösse kaum grundlegend vermeiden. Deshalb geht es für viele Teams inzwischen ebenso sehr darum, bei den eigenen Angriffen Standards herauszuholen, wie direkt zum Abschluss zu kommen. «Wenn es wenig Raum und viel Dichte gibt, ist es schwierig, ein Tor zu erzielen», so erklärt Arteta seine Denkweise. Er will die Unberechenbarkeit nutzen, die sich ergibt, wenn der Ball unkontrolliert in die Spielertrauben im Strafraum fliegt.

Noch konsequenter betreibt dies der datenaffine Brentford FC: Die Mannschaft wirft nahezu jeden Einwurf in Strafraumnähe in hohem Bogen in den Torraum; am Seitenrand liegen Handtücher für die Spieler bereit, um den Ball vorher zu trocknen. Immer mehr Klubs wechseln in der Schlussphase sogar Spezialisten ein, die den Ball besonders weit einwerfen können. Klubs wie Brentford nutzen solche Mittel, um individuelle Unterschiede auszugleichen. Indem sie den Ball bei jeder Gelegenheit nach vorn wuchten, reduzieren sie das Spiel auf seine Grundtugenden – Zweikampf, Kopfball, Zufall. Der Manchester-City-Stürmer Erling Haaland klagte kürzlich, all das erinnere ihn an den Stoke City FC – jenen Klub, der einst in England berüchtigt war für seine rustikale und einfache Spielweise.

«Ich bin mir nicht sicher, ob ich heute ein Fussballspiel gesehen habe. Es war ein Standard nach dem anderen», fand neulich auch der Liverpool-Trainer Arne Slot. Wenn Manchester City und sein Team nun aufeinandertreffen, könnten beide versucht sein, auf die ungeliebten «long balls» zu verzichten. Allerdings würde es kaum verwundern, träte das Gegenteil ein – und dass auch dieses Match am Ende genau dadurch entschieden wird.

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