Malick Thiaw bei Newcastle United
Newcastles nächster Leuchtturm
15. Dez. 2025, 16:22 Uhr

Nach seinem Wechsel von der AC Mailand hat sich Malick Thiaw bei Newcastle United zu einem der besten Verteidiger der Premier League entwickelt. Der Ex-Schalker hat fast keine Schwächen in seinem Spiel. Das macht ihn auch zu einem Stammelfkandidat für die DFB-Elf.
Die beiden Kopfballtreffer für Newcastle United beim Auswärtssieg in Everton wirkten auf den ersten Blick, als stammten sie vom Scheitel Nick Woltemades. Der deutsche Nationalstürmer ist für Tore aller Art zuständig, er teilt sich mit sieben Pflichtspieltreffern den Spitzenplatz in der klubinternen Torschützenliste mit Harvey Barnes, obwohl er nach seiner späten Verpflichtung erst einen Monat nach Saisonstart debütierte. Vor anderthalb Wochen war es aber dessen DFB-Teamkollege Malick Thiaw, dem überraschend ein Doppelpack gelang. Für den Verteidiger waren es die ersten beiden Tore in Diensten seines neuen Fußballklubs, nachdem er im Sommer für 35 Millionen Euro aus seinem Vertrag bei der AC Mailand herausgekauft worden war. Die Treffer rundeten seine bisherigen Auftritte ab – Thiaw ist an der englischen Nordostküste ein ähnlich weit scheinender Leuchtturm wie Landsmann Woltemade.
Über die Qualitäten von Thiaw, 24, und Woltemade, 23, staunt die Premier-League-Öffentlichkeit derzeit achtungsvoll. Die beiden Namen waren in England zuvor kaum bekannt. Nun stehen die zwei Deutschen vor dem Champions-League-Auswärtsspiel bei Bayer Leverkusen am Mittwochabend (21 Uhr, Dazn) stellvertretend für den Aufschwung von Newcastle United. Der Traditionsverein hat sich inzwischen von seinem schlechten Saisonstart erholt und sich mit drei Siegen in vier Ligaspielen immerhin auf Tabellenrang zwölf vorgearbeitet. Die Europapokalplätze liegen in Reichweite. Es fehlen nur vier Punkte auf das viertplatzierte Crystal Palace. In der Champions League könnte bereits ein Sieg in Leverkusen genügen, um mit dann zwölf Punkten die Achtelfinal-Playoffs im Februar zu erreichen.
Während Woltemade in der Regel für Tore zuständig ist, verhindert Thiaw diese gekonnt. Er gilt momentan als heißester Abwehrspieler der Liga. In den vergangenen 16 Pflichtspielen kam der gebürtige Düsseldorfer, der in der Jugend auch kurz für Bayer Leverkusen spielte, ehe ihm bei Schalke 04 der Durchbruch bei den Profis gelang, jeweils über die volle Distanz zum Einsatz. Dabei verdrängte er den routinierten Fabian Schär als rechten Innenverteidiger aus der Startelf. Der Schweizer hatte zuvor den Vorzug erhalten, bis er sich Mitte September im Spiel gegen den FC Barcelona eine Kopfverletzung zuzog – und von Thiaw ersetzt wurde.
Seitdem ist Thiaw, Sohn einer finnischen Mutter und eines senegalesischen Vaters, aus Newcastles Abwehr nicht mehr wegzudenken – und in seiner aktuellen Form ein ernsthafter Kandidat für einen Stammplatz in der DFB-Elf. In den letzten zwei Länderspielen des Jahres kam er jeweils nur zu Kurzeinsätzen. „Malick hat von allem ein bisschen in seinem Spiel“, lobt Klubtrainer Eddie Howe. Das trifft tatsächlich zu: Thiaw weist fast keine Schwächen auf. In der Premier League überzeugt er mit starken Zweikampf- und Kopfballwerten. Trotz seiner Körpergröße von 1,94 Metern verfügt er neben natürlicher Robustheit auch über eine gute Grundschnelligkeit – eine entscheidende Voraussetzung bei Newcastle, da Trainer Howe sein Team meist früh attackieren lässt und dadurch große Räume in der eigenen Spielhälfte zu verteidigen sind.
Wenn es um Stellungsspiel und Timing geht, macht Thiaw ohnehin kaum jemand etwas vor, auch wenn er noch zur jungen Abwehrgeneration zählt. Während seiner drei Spielzeiten in Mailand durchlief er die italienische Defensivlehre unter dem damaligen AC-Trainer Stefano Pioli, der selbst fast zwei Jahrzehnte lang Erfahrung in der Abwehrarbeit bei diversen italienischen Klubs gesammelt hatte. Vielleicht hat Thiaw in dieser Zeit auch Videos seiner berühmten Milan-Vorfahren Paolo Maldini und Alessandro Nesta studiert. In Newcastle heißt es, er habe zu Beginn von der Bank aus die Eigenheiten der Premier League allein durch genaues Beobachten verstanden. „Er ist sehr clever, bereitet sich gut auf die Gegenspieler vor und weiß, was auf ihn zukommt“, sagt Woltemade über seinen Mitspieler. Auch im Spielaufbau strahlt Thiaw Souveränität und Übersicht aus, kombiniert Spielwitz mit präzisen Pässen. Deshalb kann er sich derzeit gegen Schär behaupten, der genau in diesen Bereichen seine Stärken hat.
Auf diese Weise setzt Thiaw die Reihe der typischen Newcastle-Transfers fort: Der Klub steht im Ruf, etablierte, aber noch entwicklungsfähige junge Spieler zu sichten und zu verpflichten. In diese Kategorie fallen auch Kapitän Bruno Guimarães sowie Sandro Tonali, Anthony Gordon, Sven Botman und Barnes – was den vom saudischen Staatsfonds unterstützten Verein natürlich nicht daran hindert, auch Großtransfers wie den bis zu 90 Millionen Euro teuren Woltemade zu tätigen. Solche Wechsel bleiben bisher aber die Ausnahme, weil die Marketing- und Sponsoring-Einnahmen des Klubs noch nicht wie erhofft gewachsen sind, was das Transferbudget begrenzt.
So zog sich etwa der Wechsel von Thiaw, an dem Newcastle schon länger interessiert war, über mehrere Transferperioden hin. Die Verpflichtung habe sich wie „eine lange Jagd angefühlt, aber das Warten hat sich auf jeden Fall gelohnt“, sagt Trainer Howe. Erschwerend kam der Umbruch im Management hinzu: Nach dem Weggang von Paul Mitchell zum Saisonende agierte der Klub monatelang ohne Sportdirektor, bis Ross Wilson die Position im Oktober übernahm. Nun hat es den Anschein, als fügen sich die Dinge in Newcastle. Was auch an einer Aussage des neuen Geschäftsführers David Hopkinson deutlich wird: Sein Klub soll – gemäß dem ausdrücklichen Wunsch der Saudis – bis 2030 zu den „führenden Vereinen der Welt“ gehören. Für dieses Ziel werden sicherlich noch einige Treffer von Malick Thiaw benötigt – und deutlich mehr von Nick Woltemade.

