Tel und Palhinha bei Tottenham Hotspur

Fallrückzieher im eigenen Strafraum

12. Mai 2026, 16:56 Uhr

Zwischen Genie und Wahnsinn: Mathys Tel erzielt für Tottenham Hotspur die Führung und verursacht dann per Fallrückzieher einen Elfmeter im eigenen Strafraum. (Foto: Dylan Hepworth / Every Second Media)
Zwischen Genie und Wahnsinn: Mathys Tel erzielt für Tottenham Hotspur die Führung und verursacht dann per Fallrückzieher einen Elfmeter im eigenen Strafraum. (Foto: Dylan Hepworth / Every Second Media)

Zwei frühere Spieler des FC Bayern im Abstiegskampf bei Tottenham Hotspur: Mathys Tel trifft und verursacht kurios einen Elfmeter im eigenen Strafraum. Hoffnung macht den Spurs Leihspieler João Palhinha, dessen Zukunft offen ist.

Von Sven Haist, London

Roberto De Zerbi schien Mathys Tel diesen Moment der Unachtsamkeit zu verzeihen. Der Trainer von Tottenham Hotspur hielt seinen Offensivprofi bei dessen Auswechslung ungewöhnlich lange im Arm. Weder Tel, 21, noch der Klub hatten in der jüngeren Vergangenheit ernsthafte Erfahrungen mit dem Abstiegskampf gesammelt. Wie wenig Routine das Talent daher in solchen Situationen besitzt, wurde im Premier-League-Heimspiel gegen Leeds United deutlich: Mitte der zweiten Halbzeit wollte Tel, der nach einer halbjährigen Leihe im Vorsommer für 35 Millionen Euro fest vom FC Bayern nach London gewechselt war, den Ball per Fallrückzieher aus dem eigenen Strafraum befördern. Statt des Balls traf er Gegenspieler Ethan Ampadu mit dem rechten Fuß im Gesicht – Strafstoß für Leeds.

Zunächst hatte Schiedsrichter Jarred Gillett das Foulspiel übersehen, korrigierte seine Entscheidung aber nach Hinweis des Videoassistenten und Ansicht der Bilder. Leeds-Torjäger Dominic Calvert-Lewin verwandelte den Elfmeter (74. Minute) zum 1:1-Endstand. Durch die Punktverluste verpassten die Spurs die Gelegenheit, sich kurz dem Ende ihrer schwierigen Saison von den Abstiegsplätzen abzusetzen. Nach der Pleite des Konkurrenten West Ham United am Sonntag (0:1 gegen Tabellenführer Arsenal) konnte Tottenham den Vorsprung lediglich auf zwei Punkte ausbauen. Das Duell um den Klassenerhalt dürfte für die Spurs auf zwei Abschlussspiele hinauslaufen, die ähnlich dramatisch werden wie die Partie gegen Leeds. In der langen Nachspielzeit bewahrte Torwart Antonín Kinský seine Mannschaft mit mehreren starken Reflexen sogar vor einer Niederlage.

Zuvor hatte Mathys Tel die Spurs in Führung gebracht. Nach einer Ecke fiel ihm der Ball außerhalb des Strafraums vor die Füße, woraufhin er ihn aus dem Stand gefühlvoll zum 1:0 (50.) in den rechten oberen Winkel zirkelte. Der Treffer wirkte wie eine Befreiung – für Tottenham und für Tel selbst, der auch in dieser Saison kaum über die Rolle des Ergänzungsspielers hinauskommt, die ihn bereits drei Jahre lang in München begleitet hatte. Bei den Spurs wird Tel überwiegend auf der linken und rechten Außenbahn eingesetzt. Insgesamt hat er bisher elf Torbeteiligungen in 56 Pflichtspielen für Tottenham vorweisen – eine Bilanz, die die Ablösesumme bisher nicht rechtfertigt.

Sein Potenzial als dynamischer Stürmer blitzt zwar immer wieder auf, genauso aber seine Neigung zu leichtsinnigen Entscheidungen. Schon in der ersten Halbzeit dribbelte er mit einem Gegenspieler im Rücken von der Seite auf das eigene Tor zu. Um einen Ballverlust zu verhindern, versuchte er einen angeschnittenen Querpass durch den eigenen Strafraum, den ein Mitspieler gerade noch vor dem Gegner wegköpfeln konnte. Trainer De Zerbi mahnte Tel lautstark: „Calm! Calm!“ Ruhig! Trotzdem entschied sich Tel später zu dem folgenschweren Fallrückzieher. „Es tut ihm leid wegen des …“, setzte De Zerbi nach der Partie an. Eigentlich wollte der Italiener von einem „Fehler“ sprechen, brach den Satz aber ab – um den Begriff anschließend in anderem Zusammenhang dann doch zu verwenden. „Einem jungen Spieler kann in einer solchen Situation ein solcher Fehler unterlaufen“, erklärte er umständlich.

Tels mangelnde Reife steht im Kontrast zu Tottenhams João Palhinha, der bereits beim FC Bayern sein Mitspieler gewesen war. Der Portugiese ist der einzige Akteur im Kader, der zumindest annähernd Erfahrung mit Abstiegskampf in der Premier League besitzt: Von 2022 bis 2024 spielte er zwei Saisons beim damaligen Aufsteiger Fulham. Der Saisonverlauf des defensiven Mittelfeldspielers spiegelt die Entwicklung seines Klubs wider. Anfang August wurde Palhinha per Leihe mit Kaufoption (30 Millionen Euro) aus München verpflichtet. Sein Profil entsprach den Vorstellungen des damaligen Spurs-Trainers Thomas Frank, der Wert auf defensive Stabilität und Standardsituationen legte. In der Hinrunde gelangen Palhinha mehrere wichtige Treffer, Tottenham hielt Anschluss an die Spitzenränge.

Mit fortschreitender Saison jedoch nahm die Kritik an der fehlenden Spielidentität der Mannschaft zu. Palhinha, 30, wurde mit seiner verlässlichen, aber wenig attraktiven Spielweise zum Sinnbild der spielerischen Krise. Gerade jetzt allerdings, da vor allem Kampf und Widerstandskraft gefragt sind, gewinnt seine Präsenz wieder an Bedeutung. Mit seiner Robustheit und Zweikampfstärke verleiht er dem verunsicherten Team Sicherheit. Vor drei Wochen erzielte er bei Wolverhampton das entscheidende Tor – zum ersten Ligasieg der Spurs nach vier Monaten.

Der Saisonausgang hat unmittelbare Auswirkungen auf Palhinhas eigene Zukunft, die weiterhin offen ist. Unter De Zerbi zählt er zu den Stammspielern. Sollte Tottenham jedoch absteigen, dürfte der Klub kaum bereit sein, die mit den Bayern anvisierte Ablöse zu zahlen. Sein Vertrag in München läuft bis Juni 2028. Die Perspektive Tels scheint bei einem Ligaerhalt dagegen zumindest auf dem Papier gesichert: Vertraglich ist er bis 2031 an Tottenham gebunden und genießt das Vertrauen von De Zerbi. Der Trainer kündigte an, Tels missglückten Fallrückzieher nicht überzubewerten – und seinem Spieler lieber einen aufmunternden Kuss zu geben.

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