Niclas Füllkrug bei West Ham United

Teures Missverständnis

11. Nov. 2025, 19:42 Uhr

Immer wieder wird Niclas Füllkrug von Verletzungen zurückgeworfen und konnte auch deswegen die Erwartungen bei West Ham United bisher nicht erfüllen. (Foto: Ed Sykes / Sportsphoto / Imago Images)
Immer wieder wird Niclas Füllkrug von Verletzungen zurückgeworfen und konnte auch deswegen die Erwartungen bei West Ham United bisher nicht erfüllen. (Foto: Ed Sykes / Sportsphoto / Imago Images)

Nach seinem Muskelbündelriss im Oberschenkel arbeitet Niclas Füllkrug am nächsten Comeback. Es könnte seine letzte Chance bei West Ham United sein – und auch im Hinblick auf die WM 2026. Sein Berater spricht von einem möglichen Abschied im Winter.

Von Sven Haist, London

Von Niclas Füllkrug ist derzeit wenig zu sehen. Der charismatische deutsche Nationalstürmer veröffentlichte zuletzt vor dreieinhalb Wochen kommentarlos ein Foto von sich auf Instagram. Es zeigte ihn auf dem Trainingsgelände seines Premier-League-Klubs West Ham United – in lässiger Freizeitkleidung. Kein Zufall: Denn der 32-Jährige ist aktuell erneut verletzt. Zu Beginn des vergangenen Länderspielblocks im Oktober zog sich der gebürtige Hannoveraner im Training seines Vereins einen Muskelbündelriss im Oberschenkel zu und fällt seither aus. Die Verletzung verhinderte nicht nur eine mögliche Nominierung für das DFB-Team durch Bundestrainer Julian Nagelsmann, sondern bedeutete auch den nächsten schweren Rückschlag für seine Ambitionen in England.

Nach seinem Wechsel von Borussia Dortmund zum Malocherklub West Ham im Sommer 2024 für rund 30 Millionen Euro konnte Füllkrug die hohen Erwartungen im Londoner East End bislang nicht erfüllen. In 27 Einsätzen – dreizehn davon in der Startelf – gelangen ihm für seine Verhältnisse lediglich drei Treffer und zwei Vorlagen. In dieser Spielzeit wartet er sogar noch auf eine erste Torbeteiligung. Seine Bilanz passt zur trüben Lage des Vereins: Mit zehn Punkten aus elf Spielen steht West Ham auf einem Abstiegsplatz in der Premier League. Die „Hammers“ haben bereits einen Trainerwechsel hinter sich. Ende September ersetzte der kurz zuvor bei Nottingham Forest entlassene Portugiese Nuno Espírito Santo den Engländer Graham Potter, der selbst erst zu Jahresbeginn übernommen hatte.

Die Misere des Klubs, der vor anderthalb Jahren noch von den Europapokalplätzen geträumt hat, spiegelt sich in Füllkrug. Seine Verpflichtung sollte die seit Jahren andauernde Suche nach einem verlässlichen Torjäger beenden. Stattdessen wurde der Angreifer zum nächsten Problemfall – und reiht sich womöglich in die lange Liste missglückter Transfers der Londoner ein. Laut dem Portal „Hammers News“ hat West Ham seit dem Einstieg des Mehrheitseigners David Sullivan im Jahr 2010 bereits 57 Stürmer unter Vertrag genommen.

In der Vorsaison fehlte Füllkrug zunächst die Fitness nach der EM 2024, dann zwang ihn eine Achillessehnenentzündung fast die gesamte Hinrunde zum Zuschauen. Als er über den Jahreswechsel langsam in Form zu kommen schien, zog er sich wieder eine Oberschenkelblessur zu und musste den Rasen humpelnd verlassen. Erst im letzten Saisonviertel kehrte er zurück, konnte jedoch kaum überzeugen – vermutlich auch, weil es seine Teamkollegen gar nicht mehr gewöhnt waren, einen Strafraumstürmer wie ihn zu bedienen. Statt Flanken auf den 1,89 Meter großen Füllkrug zu schlagen, setzte West Ham meist auf Konter. Der Frust war dem Ex-Borussen anzusehen; nach einem Remis kritisierte er öffentlich die Mentalität seiner Mitspieler. Die Äußerung bezeichnete er später als „nicht richtig“.

Entsprechend hofften Füllkrug und West Ham auf einen gemeinsamen Neustart. Die Vorbereitung verlief vielversprechend, Füllkrug sagte, er fühle sich „so gut wie schon lange nicht mehr“. Doch nach dem schwachen Saisonauftakt war die Kritik schnell zurück. Trotzdem hielt der neue Coach Espírito Santo an ihm fest – bis zur neuerlichen Zwangspause. What bad luck … „Rückblickend muss man sagen: Der Transfer hat nicht funktioniert. Da müssen wir nichts schönreden”, resümierte Füllkrugs Berater Thorsten Wirth. Er sprach dabei von einem „negativen Momentum“ und stellte zudem kalkuliert in Aussicht, ein Abschied im Winter könnte trotz Vertrags bis 2027 plus Option auf eine weitere Saison „Sinn machen“. Seither wird über Füllkrugs Zukunft ständig spekuliert. Vor allem deutsche Klubs gelten als mögliche Interessenten.

In jedem Fall ist die Situation für beide Seiten unbefriedigend. Füllkrug kann sich auf der Insel nicht beweisen und verliert im Rennen um einen WM-Platz 2026 an Boden. West Ham wiederum zweifelt zunehmend an der Verlässlichkeit des Spielers. Der Klub kann es sich kaum leisten, Füllkrug weiter durchzuschleppen: Zum einen fehlt Ersatz, zum anderen zählt Füllkrug mit einem geschätzten Gehalt im mittleren einstelligen Millionenbetrag zu den Bestverdienern im Team.

Immerhin: Trainer Espírito Santo erklärte vor einigen Tagen, Füllkrug mache „Fortschritte“ und absolviere Teile des Mannschaftstrainings. Man sei daher zuversichtlich, dass der Stürmer nach der Ligaunterbrechung sein Comeback geben könnte. Eine neue Chance also für Niclas Füllkrug, sich endlich wieder auf dem Platz zu zeigen. Und vielleicht auch, um doch noch bei West Ham United Fuß zu fassen.

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