Elfmeterschütze Harry Kane

Der 87-Prozent-Mann

01. Mai 2024, 19:34 Uhr

73 von 84 Elfmetern hat Harry Kane in seiner Karriere verwandelt: Auch hier trifft er gegen Real Madrid. (Foto: Steffie Wunderl / Imago)
73 von 84 Elfmetern hat Harry Kane in seiner Karriere verwandelt: Auch hier trifft er gegen Real Madrid. (Foto: Steffie Wunderl / Imago)

Harry Kane zählt zu den besten Elfmeterschützen der Welt. Als Reaktion auf seinen Fehlversuch im WM-Viertelfinale 2022 entwickelte der Engländer seine Technik weiter – indem er den Anlauf verzögert. Dies bekam nun auch Real Madrid zu spüren, obwohl Jude Bellingham versuchte, ihn abzulenken.

Von Sven Haist, London

Kurz vor dem Elfmeter lief Jude Bellingham auf den zur Ausführung bereitstehenden Harry Kane zu und redete sekundenlang auf ihn ein. Nur wenige Spieler kennen den Angreifer des FC Bayern so gut wie Bellingham, der seit Jahren gemeinsam mit ihm für die englische Nationalmannschaft spielt. Bellingham weiß daher, dass es derzeit kaum einen sicheren Elfmeterschützen im Weltfußball gibt als seinen Landsmann. Um Kane aus seinem gewohnten Ablauf zu bringen, versuchte Bellingham, ihn plötzlich zu irritieren. Doch der Torjäger ließ sich nicht davon ablenken – und verwandelte den Strafstoß genauso überzeugend wie kurz darauf Reals Vinicius Júnior zum 2:2-Endstand im Halbfinal-Hinspiel der Champions League.

Mit dem nervenstarken Elfmeter baute Harry Kane am Dienstagabend seine beeindruckende Serie von mittlerweile erfolgreichen 14 Strafstößen hintereinander aus, seine längste Serie als Profifußballer. In seiner Laufbahn hat der 30-Jährige laut dem Statistik-Portal Transfermarkt nun 73 Elfer verwandelt – bei nur elf vergebenen Strafstößen. Seine Quote liegt damit bei stattlichen 87 Prozent, höher als die ebenfalls ständig in dieser Disziplin antretenden Stürmer Cristiano Ronaldo und Lionel Messi. Derzeit liegt wohl nur Robert Lewandowski unter den bekannten Schützen knapp vor Kane, er kommt bei ähnlich vielen Elfern auf eine knapp 90-prozentige Erfolgsquote.

Harry Kane verwandelte alle seine vergangenen 14 Strafstöße

Kanes Treffsicherheit basiert auf dem immergleichen Vorbereitungsablauf auf einen Strafstoß und seiner außergewöhnlichen Schusstechnik. Die Präparation dient der Konzentration auf den Strafstoß, die dem Engländer hilft, mögliche störende Begleitumstände wie den Spielstand, die Bedeutung des Matches und die Manöver der gegnerischen Spieler sowie Torhüter auszublenden. Im Vergleich zu seinen Konkurrenten verzichtete Kane während des Anlaufs lange auf Täuschungen, seine Schrittfolge ist flüssig und zielstrebig. Er verlässt sich mehr auf die Härte und Präzision seines Schusses als darauf, den Torwart zu beobachten und auszutricksen.

Harry Kane erzählt, dass ihn die Ablenkungsversuche beim Elfmeter nicht aus dem Konzept gebracht haben.

Bei der Platzierung der Strafstöße wirkt es so, als würde Kane in wichtigen Momenten das vom ihm aus gesehene linke Eck bevorzugen. Es besitzt den Vorteil, dass er den Ball dorthin als Rechtsfuß eher mit dem Innenspann als der Innenseite treten kann, was der Geschwindigkeit des Schusses zugutekommt. Auf diese Art verwandelte Kane bei Englands WM-Viertelfinale 2022 im Duell mit dem französischen Torwart Hugo Lloris, seinem damaligen Mitspieler bei Tottenham Hotspur, den ersten von zwei Strafstößen innerhalb des Spiels.

Kanes mutmaßtlich bevozugte Ausführung: hart und präzise ins linke Eck

Allerdings birgt die Nichtberücksichtigung der Torwartbewegung die Gefahr, dass dieser sich frühzeitig für eine Ecke entscheidet und dadurch selbst platzierte Schüsse parieren kann. Weil Kane wohl ahnte, Lloris würde in besagtem WM-Spiel im zweiten Elfmeter-Duell seine mutmaßliche Lieblingsseite erahnen, visierte der Engländer statt des unteren das obere linke Toreck an. Er gab dem Ball mehr Power und Höhe mit als sonst – und donnerte ihn prompt über die Latte. Seitdem hat Kane in den folgenden anderthalb Jahren alle Pflichtspielelfmeter im Tor versenkt.

Als Reaktion auf seinen letzten Fehlschuss entwickelte Harry Kane seine Fähigkeiten vom Punkt weiter, indem er sich eine zusätzliche neue Technik aneignete: Er verzögert den Anlauf unmittelbar vor der Schussabgabe. Zwar vertraut Kane nach wie vor häufig auf die bewährte Ausführung, griff aber speziell in der Champions League zuletzt unerwartet für die Torhüter auf die alternative Variante zurück – mit großem Erfolg.

Lange Zeit verzichtete Harry Kane auf das Verzögern des Anlaufs – bis jetzt

Im Viertelfinale erwischte Kane den Torwart des FC Arsenal, David Raya, auf dem falschen Fuß. Raya orientierte sich schon während des Anlaufs in die von Kane oft anvisierte linke Ecke. Doch diesmal brach der Stürmer seinen Bewegungsablauf abrupt ab, blickte zu Raya auf und machte sich dessen Spekulation zunutze. So musste er nur noch problemlos den Ball in die andere rechte Ecke schieben.

Mit diesem Überraschungseffekt überrumpelte Kane jetzt auch Real-Keeper Andrij Lunin. Erneut verzögerte er seine Schrittfolge vor dem Treffpunkt des Balls, wartete das Verhalten von Lunin nach rechts ab und hatte anschließend keine Mühe mehr, den Ball diesmal in die linke Ecke zu setzen. Durch beide Optionen macht es Kane den Torleuten immer schwerer, seine Elfer zu parieren. Sie müssen nun gleich zwei Mal hintereinander richtig liegen: bei der Analyse des Anlaufs und bei der Wahl der Ecke.

Durch die neue Technik gleichen Kane-Elfer für Torhüter einem doppelten Glücksspiel

Das doppelte Lotteriespiel garantiert Kane eine noch höhere Trefferwahrscheinlichkeit. Denn verbleiben die Goalies bis zum Schluss in der Tormitte, hat der Angreifer die Gabe den Ball platziert ins Netz zu wuchten. Und wenn sie versuchen, den Schuss zu antizipieren, kann Kane durch die Verzögerung wiederum kontern und den Ball in die andere Richtung schicken.

Aus diesem Grund wollte Bellingham wohl die Selbstsicherheit von Harry Kane durch die gezielte verbale Beeinflussung attackieren. Allerdings hatte Kane auch darauf eine Antwort: Nach dem Spiel erzählte er, dass er zwar das Vorpreschen von Bellingham wahrgenommen habe, aber nicht dessen Aussage – womit er in gewisser Weise möglichen Nachahmern auch diese Chance zunichtemachte.

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