BVB verliert in Tottenham
Pleite gegen den englischen Tabellenvierzehnten
22. Jan. 2026, 20:38 Uhr

Selbst gegen das kriselnde Tottenham Hotspur verliert Borussia Dortmund. Es ist die nächste Niederlage gegen einen englischen Klub. Das internationale Niveau scheint viel höher zu sein als in der Bundesliga.
„Ich habe keine Angst vor den Engländern. Auch in der Premier League kommen nur vier Vereine in die Champions League“, sagte Hans-Joachim Watzke vor zehn Jahren selbstbewusst. Der frühere Geschäftsführer von Borussia Dortmund, seit November Präsident des Klubs, revidierte diese Einschätzung allerdings schon anderthalb Jahre später wieder. Die Konkurrenz von der Insel, so Watzke damals, komme „mit 280 Stundenkilometern auf der linken Spur mit Lichthupe angerauscht und will uns überholen“. Diese Prognose, vor allem mit Blick auf Manchester City und Liverpool formuliert, hat sich längst bewahrheitet. Die Premier-League-Spitzenklubs sind dem BVB deutlich enteilt – und in ihrem Windschatten tauchen inzwischen weitere Verfolger aus England auf.
Nach der Pleite bei Manchester City vor zweieinhalb Monaten verloren die Dortmunder am Dienstagabend das nächste richtungsweisende Rennen in der Ligaphase der Champions League gegen einen englischen Vertreter – diesmal gegen Tottenham Hotspur, den aktuellen Tabellenvierzehnten der Premier League. Das 0:2, das bei besserer Chancenverwertung der Spurs auch ein 1:4 wie in Manchester hätte werden können, setzt eine Serie fort, die sich aus Dortmunder Sicht wie ein Unfallbericht liest: sechs Niederlagen aus den vergangenen sechs Partien gegen Tottenham, bei einem Torverhältnis von 3:11. Hinzu kommen aus den vergangenen zehn Jahren – in denen die Borussia konstant in der Königsklasse vertreten war – fünf Pleiten und ein Remis gegen Manchester City sowie das Achtelfinal-Aus gegen Chelsea vor drei Jahren. Einzig gegen Newcastle United konnte sich der deutsche Spitzenverein behaupten: vor zwei Jahren in der damaligen Gruppenphase, ehe man später bis ins Finale vordrang und dort Real Madrid unterlag.
So schmerzhaft wie die jüngste Niederlage gegen Tottenham war jedoch kaum eines dieser Ergebnisse. Der BVB rutscht damit ins Brachland der Tabellenlandschaft ab und droht, wie schon in der vergangenen Spielzeit, die direkte Qualifikation für das Achtelfinale zu verpassen. Dafür wäre ein Platz unter den besten acht Teams nötig. Dabei haben die schwer kriselnden Spurs nur zwei ihrer bisherigen elf Heimspiele in der Premier League gewonnen – gegen Burnley und Brentford – und traten gegen Dortmund aufgrund von Verletzungen, Sperren und fehlenden Spielberechtigungen mit lediglich elf Feldspielern im Kader an, von denen wiederum einige angeschlagen waren. Spurs-Trainer Thomas Frank, über dessen Entlassung vor der Partie in einer Krisensitzung diskutiert worden war, wechselte nur zwei Mal; unter anderem kam der 17 Jahre alte Profidebütant Jun‘ai Byfield zu seinem ersten Einsatz.
Doch die (personellen) Probleme der Gastgeber wusste die Borussia nie zu nutzen. Nach Toren von Tottenhams Kapitän Cristian Romero (14. Minute) und Dominic Solanke (37.) war die Partie de facto früh entschieden. Begünstigt wurde dies durch eine strittige Szene in der 26. Minute: BVB-Linkaußen Daniel Svensson sah nach auf VAR-Intervention die rote Karte, nachdem er bei einer Grätsche vom Ball abgerutscht war und seinen Gegenspieler anschließend unglücklich mit offener Sohle an der Wade getroffen hatte. Trainer Niko Kovac wollte den Platzverweis später nicht in den Mittelpunkt rücken – zu unterlegen hatte sich seine Elf schon zuvor präsentiert. Er kritisierte nach dem Spiel insbesondere Einsatzbereitschaft und Mentalität.
Seine Mannschaft habe den Spurs „nichts entgegenzuhalten gehabt“, sagte er. In der ersten Halbzeit gewann der BVB nur 36 Prozent der Zweikämpfe – „verdammt wenig“, wie Kovac verärgert urteilte. Mit solchen Werten könne man „auf diesem Niveau gar nichts“ erreichen. Tottenham habe schlicht das Nötige getan, analysierte er, und das habe „gereicht, um uns zu besiegen“. Nach dem Platzverweis reagierte Kovac taktisch, stellte von einer Dreier- auf eine Viererkette um, revidierte diese Entscheidung jedoch zur Pause wieder, um zu den „gewohnten Abläufe“ zurückzukehren. Zuvor hatte Innenverteidiger Nico Schlotterbeck beim zweiten Gegentor einen gravierenden Stellungsfehler begangen, als er sich zu weit aus der Abwehr herausziehen ließ. Für mehr Stabilität sorgte zur Halbzeit die Einwechslung des angeschlagenen Kapitäns Emre Can, der das überforderte Mittelfeld um Felix Nmecha und Jobe Bellingham ordnete.
Bei der Ursachenforschung rückte Sportdirektor Sebastian Kehl die Einstellung der Spieler in den Fokus. „Wir müssen aufpassen, nicht in eine Situation zu geraten, in der wir es laufen lassen“, sagte er. Die Kritik überrascht insofern, als sie impliziert, dass der BVB in der Hinrunde jene Stringenz gezeigt habe, die nun fehle. Dabei wirken die Auftritte im neuen Kalenderjahr geradezu wie eine nahtlose Fortsetzung des vergangenen Halbjahrs: Zwei Siege und ein Remis festigten zwar vorerst Platz zwei in der Bundesliga hinter dem FC Bayern, doch international fügen sich die Niederlage in Tottenham und die zuvor ebenfalls enttäuschenden Darbietungen gegen Juventus Turin, Manchester City und Bodö/Glimt zu einer beunruhigenden Gesamtsituation.
Anders als Kehl beschrieb Kovac die Lage grundsätzlicher. Zwar betonte auch er die vorhandene Qualität („daran müssen wir nicht zweifeln“), fügte jedoch direkt an, dass international „ein sehr viel höheres Niveau“ herrsche als in der Bundesliga. Bisweilen wirkt es, als habe der BVB die internationale Konkurrenz zu sehr außer Acht gelassen, während sich der Klub darauf konzentrierte, sich als deutsche Nummer zwei zu etablieren. In der Bundesliga ist diese Position inzwischen stabil besetzt. Im Europapokal allerdings wächst der Druck von Saison zu Saison. In den vergangenen zehn Jahren erreichte Dortmund vier Mal das Viertelfinale. Um diesen Status zu halten, müsste der Klub insbesondere einige finanzstarke englische Konkurrenten hinter sich lassen. Die sind jedoch längst nicht mehr nur mit vier Vereinen vertreten, wie Watzke einst annahm, sondern seit der Reform der Champions League häufig mit fünf – in dieser Saison sogar mit sechs, da sich Tottenham über den Gewinn der Europa League qualifizierte. Aktuell deutet vieles darauf hin, dass alles sechs englischen Vereine in der Vorrundentabelle vor dem BVB landen werden.
Am letzten Spieltag gegen Inter Mailand geht es für die Dortmunder nun darum, zumindest einen Platz unter den ersten 16 Mannschaften zu sichern. Das würde ein Play-off-Rückspiel für das Achtelfinale im eigenen Stadion ermöglichen – und vielleicht auch die Chance, englischen Gegnern noch einmal aus dem Weg zu gehen.

