FC Liverpool gegen Atlético Madrid
Die Wut entlädt sich an einem Fan
18. Sep. 2025, 18:47 Uhr

Diego Simeone unterliegt mit Atlético Madrid 2:3 beim FC Liverpool. Nach dem Gegentor in der Nachspielzeit verliert der Trainer die Nerven und kassiert die rote Karte – nachdem er sich mit einem Fan anlegt. Liverpool baut dagegen eine beeindruckende Serie aus.
Diego Simeone näherte sich dem Vierten Offiziellen an der Seitenlinie und zeigte wiederholt den rechten Mittelfinger. Der Ärger des Trainers von Atlético Madrid richtete sich nach dem Siegtreffer des FC Liverpool in der Nachspielzeit dieses Champions-League-Fights jedoch nicht gegen das Schiedsrichtergespann – sondern gegen einen Zuschauer auf der Haupttribüne. Der Mann, der hinter der Trainerzone der Spanier saß, soll ihn mit der besagten Geste und weiteren primitiven Beleidigungen bedacht haben, erklärte der Argentinier später. Wahrgenommen hatte Simeone all das, als er frustriert vom Spielfeld weglief und auf dem Weg zur Bank den Blick Richtung gegnerischer Anhänger hob. Es folgten eine wortreiche Konfrontation und ein Gerangel.
Simeone und der Fan standen sich gegenüber – Letzterer mit aufgerissenem Mund –, bis Ordnungskräfte dazwischengingen und den aufgebrachten Coach zurückdrängten. Und just als Simeone doch noch einmal loskeifen wollte, versperrte ihm die Barriere der Sicherheitsleute den Weg. Das passte zu einem Abend voller Hindernisse für Atlético. Die Empörung des Argentiniers legte sich freilich nicht, als er beim Versuch der Selbsterklärung auch noch des Platzes verwiesen wurde. Referee Maurizio Mariani aus Italien sanktionierte Simeones Wutausbruch mit einer roten Karte – er wertete ihn als unsportliches Verhalten.
In dieser Szene des 55-Jährigen kulminierte das Duell zwischen Liverpool und Atlético am ersten Spieltag der Ligaphase. Dabei gab es auch sonst einiges zu erzählen. Die Partie war schließlich von zwei beeindruckenden Comebacks geprägt: Atlético glich einen 0:2-Rückstand aus – und Liverpool konterte seinerseits den späten 2:2-Ausgleich mit dem fulminanten Kopfballtor von Kapitän Virgil van Dijk. Der erzwang nach einer Ecke in der zweiten Minute der Nachspielzeit den 3:2-Endstand. Beinahe hätte Atlético in der letzten Aktion des Matches abermals zurückgeschlagen, als der ehemalige Leipziger Alexander Sörloth im Strafraum frei zum Kopfball kam. Seinem Versuch fehlte jedoch jener Esprit, den Simeone verkörpert hatte – nur war der ja nicht mehr auf dem Platz mit dabei.
Durch die Pleite an der Anfield Road verfestigte Atlético Madrid den Fehlstart in diese Saison, nachdem man in der spanischen Liga in den ersten vier Spielen nur einen Sieg errungen hatte. Der Verlauf des Spiels trug ebenfalls nicht zur Beruhigung Simeones bei, entsprechend gereizt saß er hernach in der Pressekonferenz. Als er zur Konversation mit den Schiedsrichtern gefragt wurde, antwortete er bloß mit einem scharfen „No“ – und verließ den Raum.
Zuvor hatte er immerhin seine Sichtweise zu den Tumulten dargelegt. Er sei während des gesamten Spiels angegangen worden, auch nach dem späten Gegentor. Wenn es Kommentare gebe, Rassismus oder Beleidigungen, könne man sich als Trainer durchaus wehren – auch wenn das nie gut sei, sagte er. Denn auch er sei ein Mensch. Konkrete Details nannte Simone in seinen Anschuldigungen nicht. Auf die genaue Art der Beleidigungen werde er nicht eingehen, da er sich „nicht in diese Diskussion einmischen“ wolle: „Die Probleme der Gesellschaft lassen sich nicht in einer Pressekonferenz lösen.“ Er hoffe jedoch, dass sich Liverpool als Verein in diesem Bereich verbessere und es Konsequenzen für die Person gebe, wenn sie identifiziert werde. Die Boulevardzeitung Sun bezeichnete ihn angesichts seiner Klagen mit einem Wortspiel als „Simemoany“ – im Englischen bedeutet „moany“ so viel wie das saloppe „Mimimi“ im Deutschen. Dennoch räumte Simeone ein, dass seine Reaktion „nicht gerechtfertigt“ gewesen sei. Er habe den Fan im Gerangel ebenfalls beleidigt: „Ich muss ruhig und auf meinem Platz bleiben.“
Immerhin gelang es ihm durch den Vorfall, den Fokus von der Darbietung seines Teams zu verlagern. Zwar pries der Trainer zu Recht die Moral und die Beharrlichkeit seiner Spieler, die mit dem Doppelpack von Marcos Llorente (45.+3/81.) belohnt wurden. Doch im Grunde konnten die Gäste im Vergleich zu früheren Duellen kaum mithalten. Bereits nach vier Minuten lenkte Andrew Robertson einen Freistoß von Mohamed Salah zur Führung ab, zwei Minuten später erhöhte Salah sehenswert per Einzelaktion. Zu diesem Zeitpunkt drohte Atlético ein Debakel.
Das Spiel von Liverpool verwässerte allerdings in der Überlegenheit, ähnlich erging es dem Team von Arne Slot zuletzt in den Ligaspielen gegen Bournemouth und Newcastle, als man ebenfalls komfortable Führungen aus der Hand gegeben hatte. So entstand die kuriose, aber beeindruckende Serie, dass Slots Team nun in fünf Spielen in Serie den Siegtreffer in der 83. Spielminute oder später erzielte.
„Ich war nie zu hundert Prozent sicher, dass es diesmal gut ausgeht“, gestand Slot, aber er wisse, seine Spieler könnten dank ihrer Fitness jederzeit noch mal zulegen. Dies hängt auch mit der enormen Qualität des Kaders zusammen, die es Slot ermöglichte, Spieler wie Hugo Ekitiké einzuwechseln. Der Stürmer saß erstmals von Beginn an auf der Bank, weil sich Rekordeinkauf Alexander Isak gemeinsam mit Florian Wirtz im Angriff bewähren durfte. Sowohl mit Isak als auch mit Ekitiké harmonierte der Deutsche prächtig, was ihm ein Sonderlob seines Trainers einbrachte. Wirtz sei derjenige gewesen, der am meisten Chancen kreiert habe, fand Slot.
Von solchen Spitzenspielern hat Atlético Madrid inzwischen nur noch wenige. Der Druck auf Coach Simeone steigt, wenn er in dieser Saison mal wieder um Titel mitspielen will. In der Ligaphase der Champions League hat der Klub eine der schwersten Auslosungen erwischt. Im nächsten Heimspiel geht es gegen Eintracht Frankfurt – ohne ihn. Er wird dann gesperrt fehlen.

