Abstieg von Leicester City

So schnell stürzte noch kein Champion ab

14. Mai 2026, 23:29 Uhr

Zehn Jahre nach der Sensationsmeisterschaft in der Premier League steigt Leicester City in die dritte Liga ab. (Foto: Matt West / Shutterstock / Imago Images)
Zehn Jahre nach der Sensationsmeisterschaft in der Premier League steigt Leicester City in die dritte Liga ab. (Foto: Matt West / Shutterstock / Imago Images)

Von Zero zu Hero und zurück: 2016 wurde Leicester City sensationell englischer Meister. Der Klub bewies, dass im Spitzenfußball noch Wunder möglich sind. Jetzt steigt der Klub in die dritte Liga ab. Was ist passiert?

Von Sven Haist, London

Zehn Jahre nach der unwahrscheinlichsten Meisterschaft in der Historie der Premier League lebt die einzigartige Geschi­chte von Leicester City fort. Das jüngste Kapitel des einstigen 5000:1-Aussensei­ter­s, der sämtliche Wetta­n­bieter verzweifeln liess, ist jedoch alles andere als erinnerungswürdig: Ende April stieg der Klub in die dritte Liga ab.

Leicester City stürzt zum zweiten Mal in seiner 121-jährigen Geschichte in die Drittklassigkeit – ein historisches Ereignis im englischen Fussball. Innerhalb einer Dekade wurde noch nie ein Premier-League-Cha­mpion bis in die League One durchgereicht. Bisher waren die Blackburn Rovers die einzigen Titelinhaber, die sich nicht dauerhaft in der Premier League behaupten konnten. Für Leicester ging es von Zero zu Hero – und dann wieder zurück.

«Es schmerzt und macht traurig», sagt der frühere Captain Wes Morgan über das verblasste Erbe seiner Meistermannschaft. So dürften viele Fussballfans empfinden, die einst mit dem unscheinbaren Klub aus der englischen Landesmitte mitfieberten. Die Foxes – der Spitzname stammt aus einer regionalen Tradition in der Fuchsjagd – wurden zu den Idolen der Underdogs und lieferten den Beweis, dass selbst im berechenbar gewordenen Spitzenfussball noch Wunder möglich sind.

Leicesters Triumph dient bis heute als Referenz – gerade für Vereine wie den FC Thun, der nach dem Aufstieg in der letzten Saison selbst einen Durchmarsch hinlegte und nun Schweizer Meister wurde. Im Fussball spricht man längst von «doing a Leicester», wenn es um märchenhafte Sensationen geht.

Das Märchen von Leicester begann so: 2010 wurde der damalige Zweitligist von einem asiatischen Investorenkonsortium unter Obhut des thailändischen Milliardärs Vichai Srivaddhanaprabha für 45 Millionen Franken übernommen.

Zwei Jahre später ging der Klub vollständig ins Portfolio von King Power International über. Vichai hatte den Duty-free-Giganten einst aufgebaut und als Familienunternehmen geführt. Sein positives Geschäftskarma übertrug sich offenbar auf Leicester City. Die Foxes schafften 2014 den Aufstieg in die erste Liga – und befreiten sich in der folgenden Saison so verblüffend vom Abstiegskampf, wie es sonst wohl nur dem Entfesselungskünstler Harry Houdini gelungen wäre. Der Klub, der monatelang auf dem letzten Tabellenplatz war, gewann am Ende sieben von acht Ligaspielen.

Die Erfolgsserie setzte sich fort. Dabei erwiesen sich mehrere Spielerverpflichtungen in der Meistersaison 2015/16 wie die des Mittelfeldspielers N’Golo Kanté als entscheidend. Unter anderem auch der Schweizer Fussballer Gökhan Inler wurde geholt, der jedoch kaum eingesetzt wurde.

Auch ein Trainerwechsel trug zum Aufschwung des Klubs bei. Nach einem skandalösen Mannschaftsausflug nach Thailand, in die Heimat der Vereinsführung, musste der Trainer Nigel Pearson gehen. Für ihn kam Claudio Ranieri im Juli 2015. Der Italiener setzte auf einen pragmatischen Retrostil: stabile Verteidigung, schnelles Umschalten, gefährliche Standards und ein Geist wie unter Brüdern.

Mit charmantem Italo-Englisch, mit dem er geschicktes Understatement betrieb, hielt er den Druck von seinen Spielern fern. Einmal bezeichnete sich Ranieri scherzend als «Pinocchio» – weil er auf Reporterfragen Ausflüchte suchte und schwindelte, nichts von einer Vertragsverlängerung seines Stürmers Jamie Vardy gewusst zu haben. Damit repräsentierte er die vielleicht grösste Stärke seines Teams: sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.

Die Anekdote ist ebenso unvergesslich wie der Auftritt des italienischen Sängers Andrea Bocelli live im Stadion bei der Meisterfeier. Bocelli dichtete zu Ehren des Vereins sein «Time to Say Goodbye» in «Time to Win Again» um.

Heute mü­sste der Tenor über Leicester City wohl «Time to Lose Again» singen. Die Ursachen für den rasanten Niedergang – nachdem der Verein bereits 2023 abgestiegen war und den direkten Wiederaufstieg geschafft hatte – liegen in einer Verkettung unglücklicher Umstände. In gewisser Weise bilden sie das Gegenteil zu den vorherigen glücklichen Fügungen. Den Ausgangspunkt bildete der tödliche Helikopterabsturz des Chairmans Vichai im Oktober 2018 auf dem Stadiongelände. Das Erbe fiel überwiegend seinem zuvor schon im Klub engagierten Sohn Aiyawatt zu, der nun selbst richtungsweisende Entscheidungen treffen musste – mit damals 33 Jahren.

Aiyawatt versuchte, den Kurs des Vaters fortzuführen. Der sah vor, den Titelgewinn zu nutzen, um sich in der Spitzengruppe der Premier League zu etablieren. Statt kostengünstiger Transfers von eher unbekannten Spielern – aus denen die Meisterelf für eine Gesamtablöse von nur 25 Millionen Euro hervorgegangen war – verstärkte sich Leicester zunehmend mit kostspieligen Profis.

Zwar gewann man 2021 den FA Cup und erreichte ein Jahr später den Halbfinal der Europa League, doch zugleich verpassten die Foxes mehrmals die finanziell dringend benötigte Teilnahme an der Champions League. Die hohen Kosten liessen sich so kaum kompensieren – zumal die Corona-Pandemie den Konzern King Power finanziell stark belastete, was sich auch auf den Verein auswirkte.

Als Leicester in den Abstiegskampf geriet, waren weder die Spieler noch der damalige Trainer Brendan Rodgers darauf vorbereitet. Rodgers musste im April 2023 nach vier Jahren gehen, doch der Ligaerhalt gelang nicht. Die Folgen sind bis heute sichtbar: Der Klub lebt über seine Verhältnisse.

In dieser Saison verfügte Leicester City über den höchsten Etat der zweiten Liga sowie über ein Kader mit 1770 Premier-League-Einsätzen – und belegte dennoch den zweitletzten Platz. Die Tragik liegt darin, dass Leicester City einst vorgemacht hatte, wie sich mit bescheidenen Mitteln grosse Klubs bezwingen lassen. Nun stieg man als etablierter Verein selbst ab. Die Foxes stehen vor einem Neuanfang, doch zuvor kommt es noch zu einem Revival: Die alten Meisterlegenden sind Ende Mai zu Besuch – für einen «5000:1»-Benefizmatch.

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