Darts-WM im Alexandra Palace

Ally Pally bleibt WM-Hotspot

02. Jan. 2026, 17:38 Uhr

Wie Wembley im Fußball: Der Alexandra Palace hat sich zum Mekka des Darts entwickelt. (Foto: Every Second Media / Imago Images)
Wie Wembley im Fußball: Der Alexandra Palace hat sich zum Mekka des Darts entwickelt. (Foto: Every Second Media / Imago Images)

Trotz lukrativer Angebote aus Saudi-Arabien bleibt die Darts-WM mindestens bis 2031 weiter im Alexandra Palace. Der Standort hat sich unter den Pfeilwurfliebhabern aus England, Niederlande und Deutschland zu einem Hotspot entwickelt.

Von Sven Haist, London

Wenn es um Sport geht, bekommt Saudiarabien in der Regel, was es will. Der autoritär geführte Wüstenstaat am Persischen Golf, dessen Staatsfonds ungefähr eine Billion Franken verwaltet, präsentiert sich immer öfter als Gastgeber bedeutender Turniere, um sein Image im Rest der Welt aufzupolieren. Unter dem Kronprinzen Mohammed bin Salman hat sich das Land bereits die Austragung zahlreicher Wettbewerbe gesichert – in der Formel 1, in Golf, Tennis und Boxen sowie im Fussball mit dem Zuschlag für die WM 2034.

Doch die Darts-Weltmeisterschaft, an deren Ausrichtung Saudiarabien erhebliches Interesse signalisiert hat, bleibt dem Königreich verwehrt. Die Professional Darts Corporation (PDC), Teil des Geschäftsportfolios der privaten britischen Vermarktungsagentur Matchroom, gab pünktlich zum WM-Auftakt am Donnerstag bekannt, dass der wichtigste Darts-Anlass weiterhin jährlich im Londoner Alexandra Palace stattfinden wird; das erste Erstrundenspiel absolviert der Titelverteidiger Luke Littler.

Die Verträge mit dem bisherigen Austragungspartner, dem Alexandra Park and Palace Charitable Trust, sind um fünf Jahre bis 2031 verlängert worden. Die Entscheidung stellt eine deutliche Niederlage für Saudiarabien dar, das wohl das finanzstärkste Angebot unterbreitet hatte.

Um das Turnier weiterhin im Alexandra Palace abzuhalten, der seit 2008 kontinuierlich als Spielstätte dient, muss die PDC selbst kräftig investieren. Die Geschäftsführerin des Alexandra Palace, Emma Dagnes, sagte, dass Veranstaltungen wie die Darts-WM für eine gemeinnützige Einrichtung «unentbehrliche Einnahmen» generierten. Diese Mittel seien nötig, um die Instandhaltung des Gebäudes und Parks sowie Kultur- und Bildungsprogramme zu finanzieren, sagte sie.

Die Absage an Saudiarabien folgt einer klaren Kalkulation: Die PDC will den überraschenden und beeindruckenden Aufschwung des Darts um keinen Preis gefährden. Im Mittelpunkt steht die immense Beliebtheit des Alexandra Palace, den die Darts-Fans liebevoll «Ally Pally» nennen.

Dessen Bedeutung sei für die Sportart, was Wimbledon für das Tennis oder Wembley für den Fussball sei, sagt Matthew Porter, der Geschäftsführer der PDC. Der «Ally Pally» hat sich als Hotspot für Pfeilwurfliebhaber etabliert, in dem sich der sonst eher gediegene Saal rund um Weihnachten und Neujahr in ein britisches Pub mit Biertischen verwandelt: Während der Darts-Spiele wird gänzlich ungeniert getrunken, gefeiert und gegrölt – meistens in karnevalsartigen Kostümen, die den Anwesenden trotz Fernsehübertragungen Anonymität garantieren.

Solche Ausgelassenheit ist im konservativen Saudiarabien undenkbar. «Können wir Alkohol haben?», fragte der PDC-Vorsitzende Barry Hearn die Saudis nach eigenen Angaben vor einiger Zeit. Als sie verneinten, entgegnete der wortmächtige Hearn offenbar: «Dann könnt ihr auch kein Darts haben.» Die bewusst derbe Atmosphäre im «Ally Pally» ist eines der Hauptargumente für den Ticket-Kauf. «Wir sind die grösste Party der Welt», sagt Hearn bei jeder Gelegenheit über seine Veranstaltung. Zwar hat die Fussball-WM 2022 in Katar gezeigt, dass die Fans auch ohne Alkohol Spass haben können, doch erschwerend wäre bei einer Verlegung des jährlichen Darts-Höhepunkts die Logistik hinzugekommen.

Die grösste Fangemeinde liegt weiterhin in Grossbritannien, dem Ursprung von Darts, den Niederlanden und mittlerweile auch in Deutschland. Laut Berichten stammen an der bevorstehenden WM angeblich mehr als ein Drittel der Zuschauer aus Deutschland. Es ist kaum vorstellbar, dass in ähnlicher Zahl Fans aus Mitteleuropa über den Jahreswechsel nach Saudiarabien reisen würden. Die Kosten und der Aufwand wären wohl zu hoch, die Zeitdifferenz zu gross, zumal ein Besuch im «Ally Pally» immer auch einen Kurzaufenthalt in London beinhaltet.

Die Spekulationen über einen Standortwechsel waren wegen der begrenzten Kapazität des Alexandra Palace aufgekommen. Zurzeit passen knapp über 3000 Personen in die West Hall, die bis anhin für die drei Turnierwochen angemietet ist. Mit der Erweiterung des Teilnehmerfelds von 96 auf 128 Profis in diesem Jahr gibt es insgesamt 36 Einzel-Sessions, wodurch die Gesamtkapazität erstmals auf über 100 000 Zuschauer steigt.

Laut Hearn waren die verfügbaren Karten dennoch allesamt innert zehn Minuten vergriffen. Die Nachfrage sei «beinahe mit der von Glastonbury vergleichbar», einem besonderen Musikfestival in England, sagt Hearn. Deshalb treibe ihn die Sorge um, dass Anhänger, die immer wieder enttäuscht würden, ihre Aufmerksamkeit irgendwann vom Darts abwenden könnten.

Aus diesem Grund haben sich die Verantwortlichen der PDC und des Alexandra Palace auf einen Umzug innerhalb des Gebäudes geeinigt. Ab der WM im nächsten Jahr werden die Spiele in der wesentlich grösseren Great Hall im Zentrum des Palasts ausgetragen, die etwa 5000 Zuschauer fasst – eine Steigerung von mehr als 66 Prozent im Vergleich zur bisherigen Halle. So kann die PDC in Zukunft bis zu 180 000 Tickets verkaufen, was beachtliche Mehreinnahmen verspricht. Auf diese Weise lässt sich das neue Preisgeld von einer Million Pfund für den Weltmeister refinanzieren. Dieser Schritt sei «ein Meilenstein» für Darts, sagt Porter.

Und Saudiarabien? Die PDC möchte den lukrativen Markt keinesfalls verärgern. Hearn änderte kürzlich seine Sicht auf das Alkoholverbot im Land: Wenn man dort traditionell keinen Alkohol trinken dürfe, werde man die Gesetze respektieren. Als Kompromiss erhielten die Saudis den Zuschlag für ein neues Darts-Turnier Mitte Januar – es findet direkt nach der WM statt.

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