Korea-Kapitän Heung-min Son
Der Fußballer, den alle mögen
17. Juni 2026, 17:39 Uhr

Heung-min Son schafft das scheinbar Unmögliche: Der Stürmer wird in Korea verehrt, in England geliebt und selbst in Mexiko gefeiert. Zwei frühere Weggefährten erklären, was den WM-Star so besonders macht – und wie er einst Ruud van Nistelrooy als Mentor überzeugte.
Heung-min Son könnte beim Vorrundenspiel zwischen Mexiko und Südkorea am Donnerstag fast für beide Mannschaften auflaufen. Der Captain der Koreaner erfreut sich in Mexiko seit der Fussball-WM 2018 aussergewöhnlicher Beliebtheit: Damals stellte er mit seinem Tor gegen Deutschland sicher, dass Mexiko die nächste Runde erreichte.
Die Anekdote steht für die uneingeschränkten Sympathien, die dem 33-jährigen Torjäger entgegengebracht werden. Son zählt zu den wenigen Fussballern weltweit, auf die sich die Anhänger unterschiedlichster Nationen einigen können. Obwohl er gemessen an seiner Qualität erst vergleichsweise spät einen Titel gewann – 2025 die Europa League mit Tottenham Hotspur, dazu Gold mit der Nationalelf bei den Asienspielen 2018, was ihm einen verkürzten Wehrdienst einbrachte –, zählt Son zu den bekanntesten Spielern dieser WM.
Nach seinem Abschied von Tottenham vor einem Jahr buhlten verschiedene Fussballmärkte um ihn, ehe er sich für den Los Angeles FC entschied. Seine Strahlkraft verdeutlicht eine derzeitige Werbekampagne von McDonald’s, für die er neben Fussballgrössen wie David Beckham und Thierry Henry verpflichtet wurde. Anruf bei den früheren Weggefährten Marcell Jansen und Michael Oenning. Beide begegneten Son auf seiner ersten Profistation beim Hamburger SV – Jansen als Spieler, Oenning als Trainer. Son kam als 16-Jähriger während eines Austauschprogramms zum HSV und setzte sich auf Anhieb durch. «Ich habe nie einen Spieler gesehen, der mit beiden Füssen auf höchstem Niveau gleich gut ist wie Sonny», sagt der frühere DFB-Nationalspieler Jansen.
Als Verteidiger lieferte sich Jansen im Training unzählige Duelle mit Son. Wegen dessen Kombination aus enormer Antrittsschnelligkeit und Beidfüssigkeit habe er ihn allein praktisch kaum stoppen können, sagt er. Am meisten beeindruckte ihn jedoch, dass Son bei Torschüssen und Flanken nahezu beliebig zwischen rechtem und linkem Fuss wechselte. Tatsächlich hält Son in der Premier League die Bestmarke für Beidfüssigkeit: In zehn Jahren erzielte er 127 Ligatore für Tottenham, 74 mit rechts und 49 mit links. Kein anderer Spieler mit vergleichbarer Trefferquote weist eine solch ausgeglichene Bilanz auf. Als Antonio Conte einst als Trainer bei den Spurs übernahm, fragte er Son verblüfft: «Was ist dein Lieblingsfuss – rechts oder links?»
Diese Fähigkeit hat sich Son in unzähligen Übungsstunden während seiner Kindheit antrainiert. Seine Disziplin und sein Ehrgeiz sind ebenso bekannt wie die unablässige Aufsicht seines Vaters, der ihn in dieser Hinsicht geradezu unbarmherzig drillte. Das bestätigt auch Oenning, der in Hamburg miterlebte, wie Son nach dem Training regelmässig weiter an seiner Technik feilte. Das mag überraschen, beurteilt man Son allein nach seinem stets lockeren Auftreten abseits des Platzes. Son sei eine «Frohnatur, ein unglaublich positiver Charakter, der Menschen wirklich mag», sagt Oenning – und führt dies mitunter auf seine Mutter zurück, ebenfalls ein «sehr warmer Mensch».
Mit seiner zugänglichen und respektvollen Art integrierte sich Son rasch in die Mannschaften. Vor seinem ersten Profitraining sagte ihm Oenning scherzhaft – so berichtet er es –, er solle jeden Ball zum Teamkollegen Ruud van Nistelrooy spielen, der damals ebenfalls das HSV-Trikot trug. Als Son kurz darauf zu Beginn des Trainingsspiels einen Treffer erzielte, lief er schuldbewusst direkt zu van Nistelrooy und entschuldigte sich bei ihm. Die Anekdote bringt Oenning zum Lachen: «Typisch Sonny!» Son gewann die Zuneigung von van Nistelrooy, der zu einem Mentor für ihn wurde. Der Niederländer schrieb damals in einem Social-Media-Beitrag über ihn: «Riesiges Talent! 18 Jahre [. . .] Nehmt euch in acht vor ihm.»
Inzwischen hat Son ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt. Seine anfängliche Zurückhaltung zeigte sich etwa bei einer Fahrradtour: Er traute sich nicht zu sagen, dass er noch nie auf einem Fahrrad gesessen hatte, und musste deshalb auf den ersten Metern mehrfach absteigen. Nach einer Zwischenstation bei Bayer Leverkusen gelang ihm bei Tottenham der internationale Durchbruch – als kongenialer Sturmkollege von Harry Kane. Trotz Angeboten von Jürgen Klopps Liverpool hielt er seinem Klub selbst in schwierigen Zeiten die Treue. Er wurde zum Publikumsliebling bei den Spurs – und weit darüber hinaus. Die Erklärung liefert Oenning: «Sonny steht für sauberen Fussball, fair und sich nie aufdrängend.»
Zwar erreicht Son nicht mehr konstant sein früheres Leistungsniveau, aber er bleibt der Schlüsselspieler des koreanischen Nationalteams. Zwei Tore fehlen ihm noch, um dann mit 58 Treffern mit dem bisherigen koreanischen Rekordtorschützen Cha Bum Kun gleichzuziehen. Sollte ihm dies nun ausgerechnet gegen die Mexikaner in Guadalajara gelingen, würden sich wohl selbst die mexikanischen Fans mitfreuen.
Ende des Titelfluchs
Tottenham Hotspur gewinnt das Finale in der Europa League gegen Manchester United mit 1:0 und holt damits zum ersten Mal seit 17 Jahren wieder einen Titel. Der Siegtreffer nach einem Eigentor passt zum zähen Spielverlauf.
