Lauren James bei der Frauen-EM

„Wir sind wie beste Freunde“

22. Juli 2025, 21:46 Uhr

Kaum vom Ball zu trennen: Englands Lauren James im Duell mit zwei Schwedinnen. (Foto: Philipp Kresnik / Imago Images)
Kaum vom Ball zu trennen: Englands Lauren James im Duell mit zwei Schwedinnen. (Foto: Philipp Kresnik / Imago Images)

Lauren und Reece James mischen die Fußballwelt auf: Beide spielen für England, sind Leistungsträger – und ein Duo, das es so im Profisport kaum je gegeben hat. Während Reece die Klub-WM gewann, könnte Lauren bei der EM reüssieren. Reece sagt über seine Schwester: „Sie ist technisch besser als mancher Profi in der Premier League.

Von Sven Haist, London

Lauren James und Reece James bilden im Spitzenfussball ein einmaliges Duo. Sie zählen auf ihren Positionen zur internationalen Elite. Beide spielen für die englische Nationalmannschaft und können bereits eine beachtliche Titelsammlung vorweisen. Kürzlich führte Reece, 25, den Chelsea FC – für den auch seine jüngere Schwester kickt – als Captain an der Klub-WM. Zur gleichen Zeit erreichte Lauren, 23, mit England den EM-Viertelfinal. Am Dienstagabend geht es für die Titelverteidigerinnen im Halbfinal gegen Italien (21 Uhr). Zwar hat es immer wieder berühmte Geschwisterpaare gegeben – doch nie in dieser Konstellation von Schwester und Bruder. Vergleichbare Beispiele lassen sich nur in anderen Sportarten finden, etwa bei Dinara Safina und Marat Safin im Tennis.

Der Durchbruch gelang Lauren James in ihrem ersten grossen Turnier, der WM 2023: Sie glänzte mit drei Toren in der Vorrunde, war auf dem Weg zum Shootingstar – bis sie im Achtelfinal die rote Karte sah, nachdem sie ihrer Gegenspielerin auf den Rücken getreten war. England kam trotzdem weiter. Weil sich kurz darauf in einem Ligaspiel ein vergleichbarer Vorfall ereignete – diesmal stieg sie der Schweizerin Lia Wälti auf den Knöchel –, wurde Lauren das Opfer von rassistischen Anfeindungen. Ihrem älteren Bruder Reece war es zuvor ähnlich ergangen. James’ Mitspielerin Jess Carter machte am Sonntag ebenfalls öffentlich, Opfer von rassistischer Hetze im Internet geworden zu sein. Carter kündigte an, ihre Social-Media-Aktivitäten vorerst ruhen zu lassen, um sich selbst zu schützen.

Lauren James sei eine tägliche Inspirationsquelle für ihn, sagt Bruder Reece

Den Beschimpfungen trotzen die Fussballerinnen mit bemerkenswertem Selbstbewusstsein. Lauren sagt, Hass treibe sie nur weiter an und sie versuche, dagegen ihre Füsse sprechen zu lassen. Also ihre Fähigkeiten auf dem Platz. Sie engagiert sich mit Initiativen, die sich für mehr Diversität im Frauenfussball einsetzen. Ihre Persönlichkeit drückt sich auch im Umgang der Geschwister untereinander aus, die Beziehung ist von Respekt und Herzlichkeit geprägt; von Rivalität ist nichts zu spüren. «Wir sind wie beste Freunde», so erklärt Lauren das Verhältnis zu ihrem Bruder. Sie gratulieren sich gegenseitig zu Erfolgen und posieren mit den gewonnenen Pokalen des jeweils anderen. Reece betonte, er sei «unglaublich stolz» auf Laurens Karriere – sie sei für ihn eine tägliche Inspirationsquelle.

Auf dem Platz würden Lauren und Reece ebenfalls ein starkes Gespann abgeben – sie agieren beide bevorzugt auf der rechten Seite: Reece als Aussenverteidiger, Lauren als Flügelstürmerin. Was sie verbindet, sind Kraft, Robustheit und Durchsetzungsvermögen in den Zweikämpfen. Lauren bringe eine Athletik mit, die man im Frauenfussball selten sehe, sagt ihre Teamkollegin Lucy Bronze. Und die Geschwister sind dank ihrem Ballgefühl Spezialisten für Flanken und Distanzschüsse. Dazu rufen Laurens Finten regelmässig Staunen hervor. Ihr Bruder sagt überzeugt: «Technisch ist sie besser als mancher Profi in der Premier League.» Aus englischer Perspektive gilt Lauren James, genannt «LJ», als Ausnahmespielerin des Turniers. Es umgebe sie «etwas ganz Besonderes», sagt Bronze.

Lauren James profitierte von den Trainerqualitäten ihres Vaters

Zum ersten Mal gegen den Ball trat Lauren gleichsam in dem Moment, als sie laufen lernte. Ihre älteren Brüder Joshua und Reece nahmen sie mit auf die Bolzplätze rund um das Familienhaus im Londoner Vorortbezirk Mortlake am Ufer der Themse, siebeneinhalb Kilometer vom Chelsea-Stadion entfernt. Ihre Kindheit drehte sich ausschliesslich um Fussball, selbst bei den Trainingseinheiten von Reece in Chelsea war sie zugegen und kickte für sich am Seitenrand – bis sie mit sechs Jahren von einem Klubvertreter Chelseas angesprochen und gefragt wurde, ob sie im Mädchenteam des Vereins spielen wolle.

Natürlich wollte sie das. Anders als Reece wechselte sie mit 13 Jahren aber zum Arsenal FC, der sie gescoutet hatte. Dort trainierte sie zunächst mit älteren Mädchen, als Teenager dann mit den Frauen und später in einem Team mit den Jungs – weil sie so gut war, dass es schwierig war, eine geeignete Mannschaft für sie zu finden. Der Frauenfussball in England bot jungen Spielerinnen damals noch nicht die Strukturen von heute. Bei ihrer Entwicklung profitierte Lauren von den Trainerqualitäten ihres Vaters Nigel James, der aus Grenada stammt. Nachdem Nigel die Hoffnung auf eine Profikarriere aufgegeben hatte, fokussierte er sich Anfang 20 auf die Trainerausbildung und eröffnete eine Fussballschule in London. Er betreibt sie noch heute.

Der Wechsel zu Manchester United habe sie reifen lassen, sagt Lauren James

Bei jeder Gelegenheit legte der Senior mit seinen Kindern Extraeinheiten ein, schleifte Balltechnik und organisierte Testspiele. Ebenso wichtig erschien seine Einsicht, nicht zu verbissen auf Lauren und Reece einzuwirken. Er achte zwar auf sie «wie ein Rottweiler», aber man müsse als Elternteil loslassen können, so beschrieb er seine Strategie im «Independent». Die Aussage stammt aus der Zeit, als Lauren James im Sommer 2018 mit 16 überraschend aus London zum neuen Frauenteam von Manchester United in die zweite Liga wechselte. Sie sah in dieser Konstellation eine bessere Chance, sich im Frauenfussball zu etablieren. Erstmals allein ohne Familie zu leben, habe sie als Person reifen lassen, so rekapitulierte Lauren James ihre Entscheidung später. Ohne diese Zeit wäre sie nicht so weit gekommen, sagte sie. Drei Jahre später kehrte sie dann zu Chelsea zurück, als hochgehandelte Fussballerin. Und nun ruhen Englands EM-Hoffnungen auf ihr.

«Ich kneife mich jeden Tag», gesteht Nigel James. Die meisten Eltern träumen davon, ein Kind im Nationalteam zu haben. Er hat zwei – und das erst noch in der Kombination von Tochter und Sohn.

Keep on reading

Am Ball bleiben