England schlägt Kroatien
Rodeo der Wowboys
18. Juni 2026, 10:56 Uhr

Zwei Tore von Harry Kane, ein wiedererstarkter Jude Bellingham und ein ganz neuer Stil: England gelingt beim 4:2 gegen Kroatien ein furioser Turnierstart – auch dank der Halbzeitansprache von Thomas Tuchel.
Bei seiner Vorstellung als englischer Nationaltrainer vor eindreiviertel Jahren hatte Thomas Tuchel dem Mutterland des Fußballs einen „direkten, physischen und offensiven Stil“ versprochen. Dieser solle die Spielweise der Klubs in der Premier League „reflektieren“, sagte er damals. Und nun? Geriet das Auftaktspiel der Engländer bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft zu einer Art Best-of-Version der Premier League.
Die Three Lions besiegten den vergangenen WM-Dritten Kroatien 4:2, wobei die Partie bei konsequenterer Chancenverwertung auf beiden Seiten auch 8:4 hätte enden können. Die Darbietung war die englische Version eines texanischen Rodeos. Dabei spiegelten die Treffer – erzielt vom zweimal erfolgreichen Harry Kane, Jude Bellingham und dem eingewechselten Marcus Rashford – mustergültig die zuletzt wichtigsten Entstehungsformen von Toren in der heimischen Liga wider: Elfmeter, Ecke, Steilpass, Konter.
Zunächst verursachte Kroatiens Spielführer Luka Modric bei seiner fünften WM einen Strafstoß, als er nach einer Ecke ohne wirkliche Torgefahr den schneller reagierenden Noni Madueke am Bein erwischte. Kane übernahm, schob den Ball nach rechts – und scheiterte! Allerdings hatte Torwart Dominik Livakovic die Torlinie zu früh verlassen, sodass die Ausführung wiederholt werden musste. Erneut schoss Kane ins selbe Eck, diesmal entschied sich Livakovic jedoch für die falsche Seite. Damit spielte es keine Rolle mehr, dass Kane in dieser zwölften Minute den Ball mit der Innenseite auf sagenhafte 122 Kilometer pro Stunde beschleunigt hatte.
Sein zweites Tor erzielte Kane per Kopf nach einer Eckenvariante. Die Kroaten verteidigten ausschließlich im Raum, darunter zwei vorgerückte Spieler, die die einlaufenden Engländer blocken sollten. Als Gegenmaßnahme lockten John Stones und O’Reilly mit gegensätzlichen Laufwegen die zwei Wachposten nach links und rechts, sodass sich zwischen ihnen im Strafraum eine Lücke auftat, in die Kane stürmte. Er ließ den Ball kraftvoll wie präzise über seinen Scheitel ins Netz gleiten (42.).
Für den Höhepunkt des Spiels sorgte Bellingham zwei Minuten nach der Halbzeitpause. Mit einem wunderbaren Schlenzer über das halbe Spielfeld bediente Elliot Anderson seinen berühmten Kollegen, der auf dem weiten Weg zum Tor zwei Gegenspieler abschüttelte und dann Livakovic mit einem gekonnten Flachschuss aus spitzem Winkel überwand.
Nachdem die Kroaten die beiden Kane-Treffer zuvor durch die zwei Stürmer Martin Baturina (36.) und Petar Musa (45.+5) jeweils ausgeglichen hatten, hielt Livakovic nach Bellinghams Treffer mit fulminanten Paraden seine Mannschaft im Spiel: gegen O’Reilly, Anthony Gordon, Ezri Konsa und auch noch zweimal innerhalb von Sekunden gegen Kane. Nach genau einer Stunde wurde auf den Stadionmonitoren die Statistik eingeblendet: 18:4 Torschüsse für England. Die Zuschauer quittierten es mit Raunen, ebenso wie die folgende Auswechslung von Modric.
Modrics Gefühl für das Spiel und seine Finesse waren kaum zur Geltung gekommen – weil die Engländer den spielstarken Kroaten einen Schlagabtausch aufzwangen. Letztere waren ihren Gegnern körperlich deutlich unterlegen. Das zeigte sich nicht nur bei den englischen Ecken, die beinahe durchweg Torgefahr ausstrahlten, sondern auch in den direkten Duellen. Den Engländern gelang es mit ihrer hohen Intensität immer wieder, die Kroaten unter Druck zu setzen und selbst nach eigenen Fehlpässen rasch wieder in Ballbesitz zu kommen.
Stellvertretend für dieses Engagement stand Bellingham, der eines seiner besten Länderspiele absolvierte – gerade, weil er sich kompromisslos in den Dienst der Mannschaft stellte. Er hatte nach seiner verletzungsreichen Saison bei Real Madrid zuletzt wieder zunehmend zu Kräften und Form gefunden und den Vorzug vor Morgan Rogers erhalten. Nach fast jeder gelungenen Aktion hallten laute „Juuuude“-Rufe durchs Stadion. In Anlehnung an die sonst vom American-Football-Team Dallas Cowboys genutzte Spielstätte titelte die Sun: „Dallas Wowboys!“
Allerdings offenbarte die Partie auch die Schattenseiten von Tuchels Premier-League-Ansatz. Zum einen fehlte England in der ersten Halbzeit die Ballsicherheit, um die Partie zu kontrollieren. Aus einem Abspielfehler in der eigenen Hälfte resultierte der erste kroatische Treffer. Das zweite Ausgleichstor fiel wiederum nach einem feinen Chipball von Kroatiens Mario Pasalic, als sich die Engländer weit zurückgezogen hatten – womöglich, um Kräfte zu sammeln. Zwar hielten die Three Lions das hohe Spieltempo bis zum Abpfiff durch. Allerdings kam ihnen das klimatisierte Stadion entgegen.
Mit Blick auf den Turnierverlauf wird es für Tuchel darauf ankommen, die richtige Mischung zu finden. Gegen Kroatien beeindruckte er seine Spieler mit einer bleibenden Pausenansprache: Er nahm ihnen die Nervosität. Dies bestätigten hinterher Kane und Bellingham. „Wir sollen die Fesseln lösen, uns beruhigen und einfach loslegen. Was kann schon Schlimmes passieren? Zeigt der Welt, wer wir sein können“, sagte Tuchel laut Kane zum Team. Für solche Veränderungen hat Englands Football Association den deutschen Trainer verpflichtet. Seine Erfahrung auf Topniveau zahlte sich in Dallas aus. „Manchmal, wenn man es so perfekt wie möglich machen will, will man es am Ende zu sehr und denkt zu viel nach“, erklärte er.
Damit seine Mannschaft gegen Ende der Partie nicht erneut in Passivität verfiel, nahm Tuchel in der 72. Minute einen bemerkenswerten Wechsel vor: Er brachte in Rogers einen zweiten Spielmacher neben Bellingham für den angeschlagen Declan Rice. So standen trotz der Führung fünf Offensivspieler auf dem Platz, die Balance ging verloren – bis sich Tuchel sieben Minuten später korrigierte und Bellingham für einen Verteidiger vom Feld nahm. Anschließend verwaltete England den Vorsprung und sicherte den Sieg per Gegenstoß durch Rashford (4:2/85.). „Ich will nirgendwo anders in der Welt sein als hier“, sagte Tuchel später vor Freude strahlend. Sein erstes WM-Spiel sei für ihn „sehr emotional“ gewesen, nur ein Detail störte ihn: Wegen der unzähligen Fotografen direkt vor ihm habe er seine Spieler während der Nationalhymne „God Save the King“ nicht sehen können, was das Erlebnis „ein wenig geschmälert“ habe.
Nach dem erfolgreichen Turnierstart herrschte bei Spielern und Fans große Begeisterung. Sie können sich mit dem neuen Stil identifizieren, weil sie vieles wiedererkennen, was sie Woche für Woche in der Liga sehen. Kane und Bellingham hatten Tränen in den Augen, als sie vor den Fans standen und im Stadion der melancholische Oasis-Klassiker „Wonderwall“ erklang. Ihre Emotionalität ließ erahnen, welcher Druck auf ihnen gelastet hatte – und wie riesig nun die Erleichterung ist. Die BBC kommentierte, Fußball-England habe am Mittwoch eine Mannschaft gesehen, wie man sie seit Jahren vermisst habe: „Es war eine Freude, ihr zuzusehen.“


