England vor dem WM-Auftakt

Ein Kuschelkader für den zweiten Stern

17. Juni 2026, 17:28 Uhr

Thomas Tuchel bereitet seine Mannschaft auf die WM vor. (Foto: Cristobal Herrera / Imago Images)
Thomas Tuchel bereitet seine Mannschaft auf die WM vor. (Foto: Cristobal Herrera / Imago Images)

Thomas Tuchel verzichtet auf Glanz und Glamour und verichtet auf mehrere prominente Spieler. Stattdessen setzt er auf dem Weg zum Titel auf einen Kuschelkader. Doch sind seine Three Lions bissig genug für den Titel?

Von Sven Haist, Dallas

Immer wieder klatschte Thomas Tuchel energisch in die Hände, am Ende trommelte er vor Freude sogar mit den Handflächen auf eine Kühlbox in der Mannschaftskabine. Die Qualifikation für die Weltmeisterschaft hatte den deutschen Coach des englischen Nationalteams sehr bewegt, obwohl er in seiner Trainerkarriere bereits bedeutende Wettbewerbe gewonnen hat, wie 2021 die Champions League. Er könnte nicht stolzer sein, rief Tuchel den Spielern zu, als das Turnier erreicht war, schließlich sei es sein Kindheitstraum gewesen, einmal zu einer WM zu fahren. Seine Ansprache schloss der 52-Jährige mit einer unmissverständlichen Ankündigung: „Wir werden dieses Ding in Amerika rocken!“

Ein Dreivierteljahr später beginnt nun Tuchels American Childhood Dream – mit der kniffligen Auftaktpartie gegen Kroatien (Mittwoch, 22 Uhr) in Arlington, wo das Stadion des offiziellen Spielorts Dallas steht. Mit dabei sind nahezu alle englischen Spieler, die bereits beim entscheidenden Qualifikationssieg in Lettland mitwirkten. Diese Auswahl hatte sich damals schon abgezeichnet, als nach Tuchel auch Kapitän Harry Kane das Wort ergriff und seinen Kollegen einschärfte, dass wachsende Beziehungen im Team eine besondere Mannschaft ausmachen. Er habe das Gefühl, sagte Kane, für die WM entwickle sich eine „gute Verbindung“. Diese Einschätzung hätte auch von Tuchel stammen können. Der Trainer und sein Torjäger pflegen ein so vertrauensvolles Verhältnis, als würden sie sich schon viel länger kennen als seit ihrer gemeinsamen Saison beim FC Bayern – wobei Tuchel wohl betonen würde, er habe nicht unwesentlich dazu beigetragen, dass Kane 2023 nach München kam.

In Englands WM-Aufgebot schafften es jedenfalls lediglich drei Spieler, die nicht schon mindestens einem der maßgeblichen Länderspielkader im September oder Oktober 2025 angehört hatten: der Senkrechtstarter Nico O’Reilly (Manchester City), der Last-Minute-Joker Ivan Toney (al-Ahli/Saudi-Arabien) und Jude Bellingham von Real Madrid. Weitere personelle Veränderungen, so Tuchels Kalkül, hätten den im vergangenen Herbst entstandenen Teamspirit gefährden können.

Die Spitzenspieler Phil Foden, Cole Palmer, Trent Alexander-Arnold und Harry Maguire, die im vergangenen Herbst formschwach oder verletzt waren, blieben auch danach weitgehend außen vor und wurden konsequent nicht für die WM berücksichtigt. Zudem verzichtete Tuchel überraschend auf den renommierten Linksverteidiger Luke Shaw. Für diese Nichtnominierungen wurde er von einschlägigen Medienportalen und Internetforen zum „meistgehassten Mann Englands“ erklärt – ein Urteil, das allerdings aufgrund der Vielzahl an Topspielern, die zwangsläufig nicht alle zur WM mitfahren konnten, gewissermaßen schon vor der Kaderbekanntgabe feststand.

Seine Entscheidungen als Trainer der Three Lions verteidigt Tuchel gegen jedwede Kritik wie ein Löwenvater. Um nicht der Vorliebe der englischen Fußballöffentlichkeit für Glanz und Glamour nachzugeben, könnte ihm die EM 2004 als Mahnung gedient haben. Damals verfügte England über vier herausragende Mittelfeldspieler – David Beckham, Paul Scholes, Steven Gerrard und Frank Lampard –, die Trainer Sven-Göran Eriksson alle in die Startelf integrierte. Sie standen dann alle auf dem Feld wie majestätische Löwen – und nahmen einander das Sonnenlicht. Auf der Jagd nach der EM-Trophäe scheiterten sie im Viertelfinale an Portugal.

Anders als Eriksson, der seine Turniertaktik an die prominentesten Spieler angepasst hatte, lehnt es Tuchel ab, seine bewährte Formation mit vier Verteidigern, drei Mittelfeldspielern und drei Angreifern zu verändern. Das führt bisweilen zu einem Überangebot auf einzelnen Positionen. Um Rangeleien und Eitelkeiten vorzubeugen, sondierte Tuchel charakterliche Eigenschaften der Spieler ebenso sorgfältig wie deren sportliche Fähigkeiten. Dauerhafter Konkurrenzkampf ist erlaubt und vom Coach ausdrücklich erwünscht, allerdings nur, solange das Mannschaftsgefüge nicht darunter leidet. In Tuchels WM-Aufgebot, mit klar vorsortierten Hierarchien und Rollenzuteilungen, ist von größeren Querelen eher nicht auszugehen.

Stellvertretend dafür stehen die internen Duelle auf den drei Offensivpositionen hinter dem gesetzten Mittelstürmer Kane: Morgan Rogers (Aston Villa) und Bellingham, die um den Stammplatz auf der Zehn konkurrieren, sind Kindheitsfreunde; Rechtsaußen Bukayo Saka sagt über seinen Herausforderer Noni Madueke, mit dem er gemeinsam für Meister Arsenal spielt, dieser sei „wie ein Bruder“ für ihn. Und die beiden Linksaußen Marcus Rashford und Anthony Gordon sind wegen Gordons bevorstehendem Wechsel demnächst Teamkollegen beim FC Barcelona.

Die Frage ist nur: Sind Tuchels fast zum Streicheln einladende Three Lions bissig genug, um die Konkurrenz aus aller Welt auf Amerikas riesiger Fußballweide zu bezwingen?

Englands Optimismus speist sich aus der makellosen Qualifikation, insbesondere aus dem unter Druck errungenen, eindrucksvollen 5:0-Auswärtserfolg beim vermeintlich stärksten Widersacher Serbien. Dieses Ergebnis überstrahlte die folgenden schwachen Testspielauftritte im März, als Tuchels Team unter bewusstem Verzicht auf mehrere Stammspieler in Wembley weder Uruguay noch Japan besiegte. Zuvor hatte es schon eine Heimniederlage gegen Senegal gegeben. Entsprechend verwundert nahm die Nation jüngst zur Kenntnis, dass auch der WM-Co-Gastgeber Mexiko die Serben in einem Testspiel mühelos deklassierte (5:1), was das eigene 5:0 doch ein wenig relativierte. England wiederum schlug zuletzt während der WM-Akklimatisierungsphase in Miami Neuseeland (1:0) und Costa Rica (3:0). Danach ging es am vergangenen Samstag weiter ins Turnier-Hauptquartier nach Kansas City.

Einziger Aufreger in diesen Tagen war, dass sich Madueke gegen Costa Rica die Blöße gab, allein vor dem leeren Tor nur den Pfosten zu treffen. Dieses Missgeschick löste auch deshalb in England Verunsicherung aus, weil Tuchel zugleich vermeldete, dass der für die Startelf eingeplante Saka weiterhin an Achillessehnenproblemen leidet und derzeit wohl bislang nicht in der Lage ist, 90 Minuten zu bestreiten. Sakas Vertreter wäre Madueke – der erste Reflex auf der Insel war erwartungsgemäß die Frage, ob es nicht doch besser gewesen wäre, Palmer oder Foden zu nominieren. Das ließ allerdings außer Acht, ob sich diese beiden angesichts ihrer Form zum Saisonende die Torchance von Madueke überhaupt erarbeitet hätten. Palmer stürzte zuletzt mit Chelsea in der Liga fulminant ab, Foden war bei Manchester City nur Reservist.

Bis dato gehen Tuchels Überlegungen auf. Die Stimmung in seiner Mannschaft scheint ausgesprochen harmonisch zu sein – passend zu seinem wiederholt formulierten Wunsch nach „brotherhood“. Jetzt geht es aber auch darum, den sportlichen Traum aller Engländer zu erfüllen: nach genau sechs Jahrzehnten zum zweiten Mal Fußball-Weltmeister zu werden.

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