Jude Bellingham und Thomas Tuchel

Weltstar auf dem Prüfstand

12. Nov. 2025, 18:44 Uhr

Jude Bellingham muss sich unter Trainer Thomas Tuchel im Nationalteam neu beweisen (Foto: Paul Terry / Sportimage / Imago Images)
Jude Bellingham muss sich unter Trainer Thomas Tuchel im Nationalteam neu beweisen (Foto: Paul Terry / Sportimage / Imago Images)

Thomas Tuchel lässt sich als englischer Nationaltrainer von großen Namen nicht beeindrucken. Besonders deutlich spürt dies der Weltstar Jude Bellingham von Real Madrid. Er muss sich in den Länderpsielen gegen Serbien und Albanien ins Team zurückarbeiten.

Von Sven Haist, London

Vor einer Woche verkündete Thomas Tuchel die Rückkehr von Jude Bellingham ins englische Nationalteam. Angesichts der Reputation des Real-Madrid-Offensivstars klingt dies wie eine Selbstverständlichkeit. Doch bei den vergangenen Länderspielen hatte der deutsche Trainer bewusst auf Bellingham verzichtet – auf den größten Namen in der Mannschaft, noch vor dem bescheidenen Kapitän Harry Kane vom FC Bayern. Damals lehnte Tuchel, 52, den Wunsch des Spielers ab, nach einer auskurierten Schulterverletzung sofort wieder nominiert zu werden. Eine solche Konstellation hatte es seit Bellinghams Debüt für England Ende 2020 nie gegeben. Bis dahin stand er stets im Aufgebot – es sei denn, er war verletzt oder wurde einvernehmlich geschont.

Tuchels Entscheidung war ein deutliches Signal – sowohl an den 22 Jahre alten Bellingham als auch an andere englische Ausnahmespieler, die aufgrund von Formschwankungen oder Verletzungen fehlten: Phil Foden (Manchester City), Cole Palmer (Chelsea), Jack Grealish (Everton) und Trent Alexander-Arnold (Real Madrid). Unter Tuchel haben sie bislang keinen leichten Stand. Ein Dreivierteljahr vor der WM zählen für den Coach vor allem zwei Faktoren: aktuelle Form und Teamfähigkeit. Letztere hatte zuletzt mitunter gelitten und ist einer der Gründe, weshalb Tuchel auf Routiniers wie Jordan Henderson und Dan Burn setzt. Beide sind fußballerisch zwar nicht auf dem Niveau ihrer jüngeren Kollegen, übernehmen aber zentrale Rollen in der Mannschaftsführung. Tuchel verlangt konsequent Leistungsbereitschaft ebenso wie mannschaftsdienliches Verhalten.

Nach der souveränen WM-Qualifikation als erste europäische Nation – sechs Siege in sechs Spielen, null Gegentore – hat Tuchel eine nahezu ideale Konkurrenzsituation geschaffen: Die Stars sind die Herausforderer. „Was wir aufgebaut haben, ist sehr wertvoll, das werden wir nicht aufs Spiel setzen“, sagt Tuchel über seine eingespielte Mannschaft. Das bedeutet: Bellingham und Foden müssen sich in den letzten zwei Länderspielen des Jahres 2025 – am Donnerstag gegen Serbien und am Sonntag gegen Albanien – frisch beweisen. Tuchel betonte, dass es „absolut keine Garantien“ für irgendeinen Profi gebe. Grealish und Alexander-Arnold fehlen weiterhin, Palmer ist verletzt.

Dabei teilte Tuchel sowohl Bellingham als auch Foden unmissverständlich mit, dass er beide als Spielmacher sieht – andere Positionen sind für sie erst mal nicht vorgesehen. Die aktuelle Formation der Engländer sieht aber

nur einen klassischen Zehner vor, sodass die zwei Spitzenfußballer zu direkten Konkurrenten werden. Überraschenderweise steht derzeit noch Morgan Rogers von Aston Villa vor ihnen. Dieser hatte sich während der Abwesenheit der Granden mit beachtlichen Leistungen etabliert. Tuchel lässt Bellingham und Foden somit noch ein wenig zappeln – und kann sich diese Geduld leisten, denn seine bisherigen Trainererfolge verleihen ihm auf der Insel großes Ansehen.

Tuchel sucht bewusst die Reibung mit seinen exponierten Spielern, allen voran mit Bellingham. Im Juni kritisierte er die Schattenseiten von Bellinghams Siegermentalität, die manchmal etwas „abstoßend“ wirken könne. Die Äußerung sorgte für Aufsehen, weil das englische Wort „repulsive“ stark negativ konnotiert ist. Der Trainer entschuldigte sich persönlich bei Bellingham und stellte öffentlich richtig, dass der Ausdruck „unbeabsichtigt“ gewählt worden sei und keine versteckte Botschaft enthalten habe. Die Erläuterung hörte sich glaubwürdig an – auch, weil Tuchel grundsätzlich sehr anerkennend über Bellingham als Spieler und Mensch spricht. Trotzdem verdeutlichte er damit, woran sein Spieler zu arbeiten hat. Er wolle Bellinghams Feuer keinesfalls herunterdimmen, betonte aber, dass solche Eigenschaften manchmal selbst für Mitspieler „einschüchternd“ sein könnten. Um die Wogen zu glätten, kündigte Tuchel an, dass für „besondere Spieler stets besondere Regeln“ gelten könnten – und Jude Bellingham gehöre zu diesen. Trotz seines jungen Alters hat er bereits 44 Länderspiele für die Engländer absolviert, so viele wie kein anderer Landsmann zum selben Zeitpunkt der Karriere. Hinzu kommen beachtliche Erfolge, wie der Champions-League-Titel mit Real Madrid 2024. „Jude hat einfach das gewisse Extra“, das auch das Nationalteam definitiv benötigt, erklärt Tuchel versöhnlich. Deshalb er sei „sehr glücklich“, dass Bellingham und Co. nun wieder im Team dabei sind. Seine Erwartung an sie ist klar: „Tragt zum Teamerfolg bei!“

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