Fifa und WM-Tickets 2026

WM-Tickets für fast eine Million Dollar

07. Jan. 2026, 13:44 Uhr

Tickets für eine Million Dollar? Auf der neuen Wiederverkaufsplattform der Fifa können die Fans die Preise selbst bestimmen. (Foto: Fabio Ferrari/LaPresse/Imago Images)
Tickets für eine Million Dollar? Auf der neuen Wiederverkaufsplattform der Fifa können die Fans die Preise selbst bestimmen. (Foto: Fabio Ferrari/LaPresse/Imago Images)

Mit einer Verkaufsplattform für WM-Tickets erschließt sich die FIFA eine Einnahmequelle und legalisiert de facto einen illegalen Markt. Die Folgen sind explodierende Preise. Die Premier League versucht dagegen, den Tickethandel einzudämmen.

Von Sven Haist, London

Im Herbst meldete der Weltfussballverband (Fifa), dass bereits mehr als eine Million der insgesamt viereinhalb Millionen Tickets für die Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko im ersten Losverfahren verkauft worden sei. Wie viele der glücklichen Gewinner tatsächlich in den Stadien sitzen werden, bleibt wegen der hohen Reise- und Visakosten jedoch fraglich. Zudem hat die Fifa selbst einen bisher beispiellosen Anreiz geschaffen, die erworbenen Tickets gewinnbringend weiterzuverkaufen. Erstmals erlaubt die Organisation den Fans, den Preis für ihre Tickets auf der offiziellen Wiederverkaufsplattform der Fifa selbst festzulegen. Bei früheren Weltmeisterschaften war das strikt untersagt: Karten konnten dort nur zum ursprünglichen Wert weitergegeben werden, zuzüglich meist geringer Gebühren von höchstens zehn Prozent.

Im regulären Primärverkauf kosten Eintrittskarten für Vorrundenspiele der WM je nach Kategorie zwischen 60 und 620 Dollar. Für den Final in New Jersey verlangt die Fifa zwischen 2030 und 6730 Dollar, wobei die günstigste Kategorie kaum verfügbar ist. Noch nie waren die Preise höher in der Geschichte der Fussball-Weltmeisterschaft. Das führt dazu, dass Tickets bereits jetzt zu teilweise astronomischen Preisen feilgeboten werden – obwohl erst 28 der 48 Teilnehmer feststehen und die Begegnungen noch gar nicht ausgelost sind. Es wirkt, als habe die Fifa die berühmte Büchse der Pandora geöffnet. So liegt der Einstiegspreis für Finalkarten der ersten Kategorie – in der es am meisten Plätze gibt – zurzeit bei knapp 25 000 Dollar. Noch extremer sind die Preise für den zweiten Halbfinal in Atlanta: Für eine Einzelkarte der zweiten Kategorie wird bis zu fast eine Million Dollar verlangt.

Solche Phantasieangebote dürften in der Regel belächelt und ignoriert werden, doch ausschliessen lässt sich trotzdem nicht, dass sich Käufer finden – sei es aus finanzieller Überlegenheit oder aus PR-Gründen. Laut Schätzungen gibt es weltweit rund 23,4 Millionen Menschen mit einem Vermögen von mindestens einer Million Dollar. Wenn nur ein kleiner Teil davon Interesse an einem WM-Final hätte, würde dies die Stadionkapazität von 82 500 Plätzen bei weitem übersteigen.

Die Fifa verteidigt das neue Verkaufssystem mit dem Verweis auf den insbesondere in den USA kaum regulierten und schwer kontrollierbaren Zweitmarkt. Oft greifen Händler oder Privatpersonen auf umstrittene Online-Ticketbörsen zurück, um Eintrittskarten für begehrte Sportveranstaltungen mit grosser Rendite zu veräussern. Allerdings sind diese Plattformen mit unkalkulierbaren Risiken verbunden, etwa durch undurchsichtige Zusatzgebühren und zweifelhafte Verkäufer. Und fast immer verstösst der gewinnorientierte Weiterverkauf gegen die Auflagen der Veranstalter.

Nun dürfte die Fifa durch die offizielle Wiederverkaufsplattform die Kontrolle über einen Grossteil der Zweitmarkt-Transaktionen gewinnen – und damit auch zwielichtige Konkurrenzanbieter schwächen und teilweise verdrängen. Mit edlen Motiven ist diese faktische Legalisierung des Schwarzmarkts jedoch kaum verbunden. Zum einen locken die unbegrenzten Preise Geschäftemacher und Spekulanten an, die mit Fussball wenig zu tun haben, sich aber durch den Tickethandel grossen Profit versprechen. Zum anderen geraten weniger wohlhabende Fans in einen Gewissenskonflikt: Sie könnten versucht sein, ihre Begeisterung zugunsten finanzieller Überlegungen hintanzustellen. Zumal es risikolos erscheint, auf einen zahlungsbereiten Käufer zu hoffen und im Zweifel doch selbst ins Stadion zu gehen.

Die als gemeinnützig eingetragene und sich zum Wohl des Fussballs verpflichtende Fifa profitiert selbst erheblich von den Zweitverkäufen: Sowohl Verkäufer als auch Käufer müssen jeweils 15 Prozent des vereinbarten Preises an den Verband abtreten. Einigen sich die Parteien beispielsweise auf ein Geschäft über 10 000 Dollar, erhält die Fifa insgesamt 3000 Dollar – also fast ein Drittel des Gesamtvolumens. Kurzum: Je höher die Vereinbarungen ausfallen, desto stärker profitiert die Fifa. Laut «The Athletic» entspricht die Kommission ungefähr dem Niveau anderer Zwischenhändler.

Das Vorgehen der Fifa steht in starkem Widerspruch zu Engagements wie jenem der Premier League, die den Spielbetrieb der ersten englischen Liga organisiert und gemeinsam mit den Vereinen intensiv versucht, den unautorisierten Tickethandel einzudämmen. Die Klubs entwickeln digitale Systeme, die Kartenmissbrauch beim Betreten des Stadions anzeigen.

In einer BBC-Reportage verlautbarte Brighton & Hove Albion, man habe auf diese Weise bei einem Heimspiel jüngst 285 rechtswidrig weiterverkaufte Tickets gesperrt und zwölf Dauerkarteninhaber ausfindig gemacht, die von der Ticketvergabe in Zukunft ausgeschlossen würden. Zwar ist der Weiterverkauf von Fussballtickets in Grossbritannien illegal, doch die meisten Plattformen operieren aus dem fernen Ausland. Zu ihnen zählt auch das in Chicago ansässige Unternehmen ­Vivid Seats, zu dessen Direktoren Todd ­Boehly gehört. Der Amerikaner ist zugleich Eigentümer des Chelsea FC.

Das Geschäft mit Tickets ruft in der Öffentlichkeit regelmässig scharfe Kritik hervor – nicht nur bei treuen Fussballfans. Kürzlich forderte der New Yorker Bürgermeisterkandidat ­Zohran Mamdani eine Preisobergrenze für WM-Tickets. In der Praxis der Fifa sieht er eine weitere Erschwernis des Stadionzugangs, sie komme einer Gentrifizierung der Stadionbesucher gleich. Aus Kostengründen ist es fast nur noch wohlhabenden Fans möglich, die Spiele live zu verfolgen. Während der Fussball, einstmals ein Arbeitersport, längst zum Big Business geworden ist, scheint sich nun auch die Zusammensetzung der Zuschauer in den Stadien zu verändern.

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