Geheimfavorit Norwegen
Haaland und die starken Männer
17. Juni 2026, 17:47 Uhr

Nach 28 Jahren kehrt Norwegen auf die WM-Bühne zurück. Die Generation um Haaland gilt als die talentierteste in der Historie des Landes. Angeführt von der furchtlosen Verbandschefin Lise Klaveness, die sich mit der Fifa anlegt, bringt Norwegen alles mit, was einen Geheimfavoriten ausmacht.
Kurz vor der Fußball-WM veröffentlichte Norwegen ein Mannschaftsfoto – in historisierender Wikinger-Montur. Trainer Stale Solbakken und seine Spieler um die Ausnahmekönner Erling Haaland und Martin Ödegaard posierten mit ernsten Mienen am Ufer eines Flusses, ausgestattet mit Speeren, Schilden und Pfeil und Bogen. Im Hintergrund: alte Segelschiffe, steile Felsformationen und darüber ein gewittergrauer Himmel, der die bedrohlich wirkende Szenerie unterstreicht. Zwar brechen die Norweger – anders als ihre Vorfahren im Mittelalter – nicht zu Expansionszügen durch Europa auf. Die Inszenierung im Gewand der Nordmänner kommt dennoch einer Kampfansage an die Konkurrenz gleich: Die „Wikinger“ sind bereit, die Fußballwelt zu erobern.
Das Selbstbewusstsein gründet auf einer makellosen Qualifikation, in der sich Norwegen unter anderem gegen Italien durchsetzte und einen neuen Rekord aufstellte: acht Siege in acht Spielen, 37 Tore. Hinzu kommt der Aufschwung im Klubfußball, etwa durch das am Polarkreis ansässige Bodö/Glimt, das in der vergangenen Saison überraschend das Achtelfinale in der Champions League erreichte. Entsprechend groß sind die Hoffnungen im Land. Ex-Nationalspieler Kjetil Rekdal traut dem Team mindestens das Viertelfinale zu. Der Kader ist sportlich gut aufgestellt: Neben Haaland (Manchester City) und Ödegaard (FC Arsenal) zählen Alexander Sörloth (Atlético Madrid), Antonio Nusa (RB Leipzig) und der für Borussia Dortmund spielende Julian Ryerson zu den etablierten Kräften.
Von einer Rolle als Geheimfavorit will Solbakken, in Deutschland durch ein Kurzengagement beim 1. FC Köln in der Spielzeit 2011/12 bekannt geworden, dennoch nichts wissen. „Was du sagst, ergibt keinen Sinn“, bremste Solbakken Rekdal ein. Er will den Erwartungsdruck dämpfen. Die Vorrundengruppe ist anspruchsvoll, zum Auftakt geht es am Dienstag in Boston gegen Außenseiter Irak, anschließend warten Senegal und Frankreich. Zudem fehlt jegliche Turniererfahrung. Mehr als ein Vierteljahrhundert hatten sich Generationen norwegischer Nationalmannschaften vergeblich abgemüht, sich für Welt- oder Europameisterschaften zu qualifizieren. Zwölfmal stachen sie hoffnungsfroh in See, doch ihre Vorhaben kenterten regelmäßig mehr oder weniger spektakulär. Zuletzt nahm Norwegen 1998 an einer WM teil, davor auch nur 1938 und 1994; hinzu kommt die einzige EM-Teilnahme 2000. Von den meisten aktuellen Spielern war noch keiner geboren, als die Fußballer des Königreichs vor 28 Jahren das WM-Achtelfinale erreichten und dabei Brasilien schlugen. Solche Geschichten kennen Haaland & Co. nur aus Erzählungen, etwa von Solbakken, 57, der damals als Spieler mitgewirkt hatte.
Norwegens Wendepunkt verortet Landsmann Jan-Aarge Fjörtoft im Wechsel des damals erst 16 Jahre alten Ödegaard zu Real Madrid 2015. Auch wenn sich dieser dort nicht behaupten konnte, habe dies anderen Talenten gezeigt, dass „Ballkünstler auch aus Norwegen kommen können und das nichts mit der Nation zu tun hat“, sagte der frühere Frankfurt-Profi Fjörtoft. Entgegen der traditionell physischen Spielweise des Landes hat Solbakken einen attraktiven Offensivstil etabliert, der den Stärken der vielen aufstrebenden, technisch begabten Spielern entgegenkommt. Die Skandinavier können sowohl Konter- als auch Kombinationsfußball praktizieren – und haben dafür mit Haaland einen verlässlichen Vollstrecker. Der Rekordtorschütze seines Landes erzielte bislang 55 Tore in 50 Länderspielen.
Für ihn persönlich schließt sich mit der ersten WM-Teilnahme in Nordamerika ein familiärer Kreis, nachdem Vater Alf-Inge einst an der WM 1994 in den USA mitgewirkt hatte. Einen Sonderstatus im Team aufgrund seiner Leistungen und seiner Bekanntheit beansprucht Haaland dennoch nicht. Er stünde gemeinsam mit Captain Ödegaard vielmehr dafür, „mehr als alle anderen“ das Nationaltrikot tragen zu wollen, berichtet Fjörtoft – ein „Wahnsinnssignal“ sei das für das Team. Die tiefe Identifikation mit dem Land sorgt für zusätzliche Geschlossenheit. So meldet sich die Wintersportnation, die zuletzt auch in der Leichtathletik, im Tennis oder Gold Erfolge feierte, also auch im Männerfußball zurück; die Frauen zählen ohnehin zur Weltspitze.
Den zunehmenden sportlichen Einfluss nutzt Norwegens Fußball-Chefin Lise Klaveness seit geraumer Zeit, um auch auf politische Ungereimtheiten hinzuweisen. Zuletzt unterstützte ihr Verband eine offizielle Beschwerde gegen Fifa-Präsident Gianni Infantino, unter dessen Führung ein Friedenspreis an Donald Trump verliehen wurde. Die Fifa ist zur politischen Neutralität verpflichtet. Klaveness gab an, dies habe „einige politische Reaktionen“ ausgelöst, und kündigte trotzdem an, man werde diese Sache weiter vorantreiben. Ähnlich furchtlos will auch das Nationalteam auf dem Platz bei der WM agieren. Auf dem Wikinger-Bild hielt Ödegaard ein Elfenbeinrelikt in der Hand – gewissermaßen als Platzhalter für den Weltpokal.
Auf dem Wikingerschiff dem Pokal entgegen
Die Sehnsucht war so groß wie das weite Meer. Nach 28 Jahren gelingt Norwegen wieder die Teilnahme an einer WM. Statt mit kompakter Defensive bestechen Haaland, Ödegaard und Co. mit berauschendem Offensivfußball. Als Wendepunkt sieht Experte Fjörtoft einen Transfer vor zehn Jahren.
