Granit Xhaka
Schweizer Superkraft
10. Nov. 2025, 16:10 Uhr

Granit Xhaka trotzt mit Aufsteiger AFC Sunderland seinem Ex-Klub Arsenal wichtige Punkte ab. Der Schweizer Kapitän begeistert die Premier League. Seine Entwicklung haben maßgeblich Mikel Arteta und Xabi Alonso geprägt.
Als Granit Xhaka nach dem Abpfiff einige seiner früheren Teamkollegen des FC Arsenal umarmt hatte, wollte er sich noch persönlich von Piero Hincapié verabschieden. Der Mittelfeldspieler des AFC Sunderland hatte mit dem Abwehrmann in den vergangenen zwei Saisons bei Bayer Leverkusen zusammengespielt und 2023/24 die deutsche Meisterschaft ohne eine einzige Niederlage erreicht. Im Sommer wechselte Xhaka für 15 Millionen Euro nach Sunderland, während Hincapié zu Arsenal ging. Am Wiedersehen hatte Hincapié deutlich weniger Freude als Xhaka: Er versetzte dem Schweizer Rekordnationalspieler einen leichten Tritt ans Schienbein und schubste ihn schelmisch weg.
Der Grund: Xhaka hatte maßgeblichen Anteil daran, dass der FC Arsenal nach zehn Pflichtspielsiegen in Serie am Samstagabend im Stadium of Light an der Nordostküste Englands wichtige Punkte in der Meisterschaft liegen ließ.
Sunderland trotzte dem Tabellenführer der Premier League ein aus dessen Sicht frustrierendes 2:2 (1:0) ab. Auf den letzten Metern des Spiels gelang dem eingewechselten früheren Leipziger Stürmer Brian Brobbey der Ausgleich für die Gastgeber, die damit als Aufsteiger weiterhin in der Spitzengruppe bleiben. Zuvor hatte der in Arsenals Nachwuchsakademie ausgebildete, allerdings nie bei den Profis eingesetzte Verteidiger Daniel Ballard Sunderland in Führung gebracht, ehe Bukayo Saka und Leandro Trossard das Spiel zwischenzeitlich zugunsten Arsenals gedreht hatten.
Zwar war Xhaka an der Entstehung der beiden Treffer seiner Mannschaft nicht direkt beteiligt, doch erneut fungierte er als Mann des Spiels. Kaum eine Aktion läuft bei Sunderland ohne ihn. Er ist Leitfigur und Strippenzieher zugleich in einem der jüngsten Teams der Premier League. Für seine Leistungen erhält Xhaka Woche für Woche Lob von allen Seiten – von Trainern, Spielern, Experten, Fans und Medien. Der 33 Jahre alte Routinier stand bislang in allen Partien über die volle Distanz auf dem Platz, markierte ein Tor, bereitete drei weitere Treffer vor, gehört zu den laufstärksten Spielern der Liga und weist eine der höchsten Balleroberungsquoten aus. Mit seiner Umsicht, Ballsicherheit und Zweikampfstärke denkt und organisiert er das Spiel Sunderlands.
Seine Aktionen wirken so durchdacht wie die seiner beiden Mentoren: Mikel Arteta und Xabi Alonso, beide einst selbst Strategen im Mittelfeld, ehe sie Trainer wurden. Mit Arteta arbeitete Xhaka dreieinhalb seiner sieben Jahre bei Arsenal zusammen, mit Alonso zuletzt in Leverkusen. Beide prägten ihn zum Spitzenspieler – Arteta wahrscheinlich stärker als Mensch, Alonso stärker als Fußballer. Als Arteta bei Arsenal übernahm, stand Xhaka unmittelbar vor dem Aus im Verein. Kurz zuvor hatte er die Nerven bei einer Auswechslung verloren und sich mit dem eigenen Publikum angelegt. Der Baske überredete ihn zu bleiben. Er habe versucht, Xhaka das Gefühl zu geben, „geliebt und wertgeschätzt“ zu sein, erklärte Arteta. Es gelang ihm, aus dem impulsiven und temperamentvollen Xhaka einen besonnenen und verantwortungsvollen Profi zu machen: Seit vier Jahren hat sich der früher wiederkehrend vom Platz geflogene Antreiber im Klubfußball keine rote Karte mehr erlaubt.
Unter Alonso reifte Xhakas Spielverständnis nochmals – und wohl auch der Entschluss, später selbst Trainer zu werden. Im Hinblick auf dieses angestrebte Ziel entschied er sich trotz sportlich und finanziell lukrativerer Alternativen für Sunderland. Er wolle dort „Momente des Leidens, der Solidarisierung erleben“, begründete er seinen Schritt. Solche Erfahrungen lassen sich gemeinhin nur im Abstiegskampf machen, und in diesen war er bislang noch nirgendwo in seiner Laufbahn involviert. Auch in Sunderland ist das nun allerdings nicht der Fall – insbesondere seinetwegen.
Trotz des umfassenden Kaderumbaus mit 15 Zugängen ist Sunderlands Team unter Xhakas Führung erstaunlich zusammengewachsen. „Er ist wie ein zweiter Trainer“, sagt Chefcoach Régis Le Bris über seinen verlängerten Arm auf dem Platz. Gleich nach seiner Ankunft ernannte der Franzose Xhaka zum Kapitän, da dieser „jeden Tag die Standards setzt“. Dank der konstruktiven Weitergabe seiner Erfahrung hat sich Xhaka rasch den Respekt der Mitspieler erworben. Der von der AS Roma gekommene Offensivmann Enzo Le Fée schwärmt über Xhaka, dieser sei „mehr als nur ein Spieler“: Er kümmere sich um alles und habe der Mannschaft seinen Charakter aufgeprägt.
Ähnlich äußert sich Reinildo Mandava, Zugang von Atlético Madrid. Es sei ein „Traum“, gemeinsam mit Xhaka zu spielen, sagt er – denn dieser sehe das Spiel mit anderen Augen, weshalb jeder von seinen taktischen Hinweisen profitiere. Dazu kommt Xhakas ausgeprägte Siegermentalität, die der Stürmer Wilson Isidor hervorhebt: „Wenn die Qualität im Training nicht stimmt, wird er laut.“ Als Beispiel nennt er den talentierten Teenager Chris Rigg, den Xhaka „auf Linie gebracht“ habe. Als Rigg nachlässig wurde, forderte Xhaka eine andere Einstellung – mit Wirkung, wie Isidor erzählt.
All das macht Xhaka zu einem „der wertvollsten Transfers“ der Premier League in diesem Sommer, wie auch Arsenals Arteta anerkennend sagt. Sein ehemaliger Spieler gehöre zu denjenigen, die den Spirit eines gesamten Vereins verändern können: „Das ist eine echte Superkraft.“ Genau das ist nun beim AFC Sunderland eingetreten. Der Verein, dem die meisten Experten ein hartes Premier-League-Jahr prophezeit hatten, befindet sich mit bereits 19 Punkten aus elf Spielen auf einem sehr guten Weg zum Ligaverbleib. Xhakas gute Laune war nach dem Spiel gegen Arsenal spürbar: Die Stichelei von Piero Hincapié nahm er mit Humor – und klopfte ihm auf die Schulter.
Wie ein zweiter Trainer
Granit Xhaka übertrifft beim AFC Sunderland sämtliche Erwartungen und steht für die Renaissance des Klubs, der überraschend auf dem vierten Platz steht. Der frühere Kapitän von Bayer Leverkusen erhält Lob von allen Seiten.
