Oliver Glasner und Crystal Palace
Wutrede gegen die eigene Klubführung
20. Jan. 2026, 00:08 Uhr

Oliver Glasner kritisiert das Management von Crystal Palace für mangelndes Anspruchsdenken. Anlass ist der Verkauf des Kapitäns Marc Guehi zu Manchester City. Mit seiner Kritik belegt der Trainer, warum er zum Saisonende bei Palace aufhört.
Hätte Steve Parish so aufgebracht reagiert wie Oliver Glasner, wäre dieser jetzt wohl nicht mehr Trainer von Crystal Palace. Doch nach einer der turbulentesten Wochen in der Geschichte des beschaulichen Londoner Vorstadtvereins bewahrte der Vorsitzende und Anteilseigner die Ruhe. Am Sonntagmorgen suchte Parish das klärende Gespräch mit Glasner, nachdem der Österreicher tags zuvor nach dem 1:2 bei Sunderland in einer Schimpftirade die Vereinspolitik öffentlich angeprangert hatte. Als Ergebnis stand: Glasner bleibt im Amt – vorerst zumindest.
Seine Ausführungen dürften ebenso in die Vereinsannalen eingehen wie die beiden Pokalerfolge, die er dem bis dahin titellosen Crystal Palace seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren beschert hat – den FA Cup in der Vorsaison und den anschließenden Community Shield (Supercup). Sein Zorn auf Parish und die übrigen Mitglieder des Managements hatte sich über Monate aufgebaut. Nach der erfolgreichen Vorsaison hatte es Palace, obwohl durch den Cup-Triumph erstmals für den Europapokal qualifiziert, versäumt, den Kader adäquat zu verstärken. So startete der Klub mit einem Aufgebot in die Saison, das angesichts der Vielzahl an Spielen deutlich zu klein war. Zunächst lief es zwar noch passabel, aber vor einem Monat setzte der Einbruch ein: Ermüdungserscheinungen wurden offensichtlich, weil mangels Alternativen nahezu immer dieselbe Startelf auflief. Hinzu kamen Verletzungen und Abstellungen für den Afrika-Cup.
Inzwischen wartet Crystal Palace seit zehn Partien auf einen Sieg und ist in der Premier League in die untere Tabellenhälfte abgerutscht. In diese Serie fallen das Aus im League-Cup-Viertelfinale gegen Arsenal kurz vor Weihnachten sowie die jüngste Blamage als Titelverteidiger im FA Cup gegen einen Sechstligisten. Die Krise wollte der hoch ambitionierte Glasner, der sich selbst im SZ-Gespräch zu Saisonbeginn als „rastlos, fast getrieben“ bezeichnete, nicht allein seiner tapferen Mannschaft und seinem Trainerteam anlasten. Deshalb machte er nach dem Spiel in Sunderland in mehreren Interviews deutlich, wo er die wahren Ursachen sieht: gravierende Versäumnisse auf dem Transfermarkt und mangelndes Anspruchsdenken im Verein.
Bisher habe er „stets den Mund gehalten“, so Glasner, aber jetzt sei es an der Zeit, die Spieler zu schützen. „Wir werden völlig im Stich gelassen und bekommen keinen Rückhalt“, kritisierte er die Klubführung. Es sei „schwer zu überleben“, wenn der Mannschaft zweimal „das Herz herausgerissen“ werde: zunächst durch den Weggang des Spielmachers Eberechi Eze zu Arsenal im August, nun durch den Verkauf des Kapitäns Marc Guéhi an Manchester City, der zuvor angekündigt hatte, seinen am Saisonende auslaufenden Vertrag nicht mehr zu verlängern.
Während die knapp 100 Millionen Euro aus den Transfers laut Parish für die finanzielle Situation des Vereins unerlässlich sind, stört Glasner insbesondere der Zeitpunkt: Beide Verkäufe erfolgten jeweils an dem Tag vor einem Ligaspiel. „Warum nicht nächste Woche?“, zürnte er, „wenn einige verletzte Spieler wieder fit wären.“ Das sei „das Schlimmste“, er habe „überhaupt kein Verständnis“ dafür und habe „so etwas in 30 Jahren Fußball noch nie erlebt“. Auf die Frage, wer genau verantwortlich sei, antwortete Glasner kurios-süffisant: „Das ist ziemlich klar: Ich habe keinen Spieler verkauft.“ Zum Hauptproblem wird, dass Palace für Guéhi bislang keinen Ersatz verpflichtet hat – wie schon zuvor bei Eze und den bereits im Sommer 2024 abgegebenen Schlüsselspielern Michael Olise (FC Bayern) und Joachim Andersen (Fulham).
Obwohl sich diese Transfers jeweils lange abzeichneten, wirkte das Management bei Palace bisweilen unvorbereitet und konnte die Weggänge erst verspätet einigermaßen kompensieren. „Wenn man erstmals europäisch spielt, wäre die richtige Antwort, zu investieren und nicht zu sparen – und wir haben gespart“, klagte Glasner. Außerdem ärgert ihn, dass dem seit 2013 in der Premier League vertretenen Klub der Ligaerhalt offenbar als Ziel ausreicht. Sobald dieser in Sicht ist (derzeit elf Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsplatz), trifft der Verein Entscheidungen wie im Fall Guéhi.
„Wenn sie damit einverstanden sind, ist es in Ordnung – es ist ihr Klub“, sagte Glasner lakonisch über die Anteilseigner, von denen der US-Amerikaner Woody Johnson mit 43 Prozent der Mehrheitsbesitzer ist. Die Spieler sind damit jedoch unzufrieden – und der Trainer auch. Aus diesen Gründen hatte Glasner Parish im vergangenen Oktober mitgeteilt, die angebotene Vertragsverlängerung auszuschlagen und Palace nach der Saison zu verlassen. Das Gespräch blieb zunächst vertraulich, damit der Klub in Ruhe die Nachfolge planen konnte – bis Glasner nun die Entscheidung am vergangenen Freitag offen kommunizierte, um „Klarheit“ zu schaffen.
Wie schon bei seinen Bundesliga-Stationen in Wolfsburg und Frankfurt sind Glasners Ambitionen bei Crystal Palace über die Möglichkeiten des Vereins hinausgewachsen. Der Klub konnte mit seinem schnellen Aufstieg nicht Schritt halten. Glasner gehört zu den begehrtesten ab Sommer verfügbaren Trainern, Spitzenklubs wie Manchester United buhlen um seine Dienste – auch wenn er aufgrund seines Erfolgsstrebens nicht immer leicht zu führen ist. Sowohl in Wolfsburg als auch in Frankfurt trennten sich beide Seiten nach zwei Jahren.
Trotz der unterschiedlichen Auffassungen kündigte Oliver Glasner an, die Saison bei Palace zu Ende führen zu wollen. „Niemals“ würde er von sich aus gehen, auch wenn sich die Personalsituation nicht verbessere, hob er kämpferisch hervor – sein Respekt vor den Spielern sei zu groß. Sein Ziel ist der Gewinn der Conference-League-Trophäe. Vorausgesetzt, beide Seiten können sich weiterhin arrangieren.
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