Langes BTL-Interview mit Oliver Glasner
„Crystal Palace hat Maximum noch nicht erreicht“
20. Aug. 2025, 18:41 Uhr

120 Jahre lang hat Crystal Palace keinen Titel gewonnen, dann kam Oliver Glasner, 50. Im BTL-Interview erklärt der Österreicher seine Erfolgsprinzipien, warum er seinen Spielern wie Kindern begegnet – und warum er rastlos, fast getrieben ist.
BTL: Herr Glasner, nach Ihren beiden Pokalsiegen im Wembley-Stadion (FA Cup, Community Shield) haben Sie scherzhaft vorgeschlagen, Crystal Palace solle dort künftig seine Heimspiele austragen. Was macht dieses Stadion für Sie so besonders?
Oliver Glasner: Unsere Bilanz (lacht) – und die vielen Palace-Fans auf den Rängen! Wembley gehört für mich zu den eindrucksvollsten Stadien, die ich gesehen habe: der Dachbogen, die Atmosphäre, die Historie. Wenn man mit dem Mannschaftsbus in die Tiefgarage fährt, spürt man sofort die Fußballtradition dieses Ortes.
Und was macht den Selhurst Park aus – die eigentliche Heimat von Crystal Palace?
Ganz klar die Nähe zum Spielfeld. Die Fans sitzen so nah dran, dass sie Spieler, Trainer und Betreuer berühren können. Diese unmittelbare Verbindung ist einmalig – auch wenn ich während des Spiels kaum etwas von der Stimmung mitbekomme, weil ich so fokussiert bin, dass ich nichts außerhalb des Spielfelds wahrnehme.
Wie ist es Ihnen gelungen, einen Klub, der in 120 Jahren keinen Titel gewonnen hatte, ins Wembley zu führen?
Für mich beginnt alles mit Beobachten, Verstehen, Zuhören. Man muss die Spieler kennenlernen, die Kultur des Vereins – und natürlich auch die des Landes. England ist nicht Kontinentaleuropa, das habe ich in den letzten anderthalb Jahren deutlich gemerkt. Ich bringe von meinen vergangenen Stationen gewisse Grundwerte mit, aber ich kann nicht einfach alles übertragen. Es braucht präzise Analysen, viele Gespräche und das Einfordern von Prinzipien. Das klingt nicht glamourös, ist aber effektiv.
Was genau fordern Sie von Ihren Spielern?
Eine klare Haltung, eine Mentalität, die sich nicht mit „nur 90 Prozent“ zufriedengibt. Wenn wir verlieren, will ich sehen, dass die Spieler richtig angefressen sind – selbst in Trainingsspielen. Ich will, dass wir mehr wollen und uns selbst immer wieder herausfordern. Ich bin da rastlos, fast getrieben: Der Erfolg macht süchtig, ich hinterfrage mich ständig und will mich verbessern. Das macht es nicht immer leicht mit mir. Manchmal sagt jemand: „Genieße doch mal den Moment.“ Aber so bin ich eben. Wer den Maßstab für sich hoch setzt – im Sport wie im Leben –, der kann viel erreichen. Ich will herausfinden, was in uns steckt, wo unsere Grenzen sind. Und ich bin sicher: Crystal Palace hat das Maximum noch nicht erreicht.
Wie hat der Klub auf Ihre Ambitionen zu Beginn reagiert?
Ich habe offen gesagt: Wenn das Ziel ist, jede Saison irgendwo zwischen Tabellenplatz elf und fünfzehn zu landen, bin ich nicht der Richtige. Das halte ich langfristig nicht aus. Aber die Klubverantwortlichen versicherten mir: „Wir wollen Crystal Palace weiterentwickeln.“ Das hat mich überzeugt. Ich habe die Mannschaft im Vorfeld analysiert und das Potenzial gesehen. Außerdem hatte ich sofort das Gefühl, dass die Spieler bereit für neue Impulse sind. Der Verein war damals angeschlagen – und wenn es nicht läuft, ist die Bereitschaft für Veränderung größer. Wie in der Medizin: Solange man gesund ist, ignoriert man Ratschläge. Geht es einem schlecht, nimmt man fast jedes Mittel.
Was haben Sie konkret verändert?
Unter anderem die Trainingsstruktur: Statt zwei freien Tagen in der Woche gab es nur noch einen. Auch der Sonntag wurde zum Trainingstag statt zum Familientag. Das führt natürlich zu Diskussionen – in der Kabine und daheim. Aber ich erkläre immer das „Warum“ dahinter. Ich will verstanden werden. Und wenn es dann mal knirscht, kann ich auch klar und unnachgiebig sein. Manchmal sehe ich mich als Trainer wie ein Elternteil: Es gibt keine größere Zuneigung als die zu den eigenen Kindern – trotzdem muss man ihnen Grenzen aufzeigen, nicht um zu schaden, sondern aus Verantwortung. Ich kann mich nicht auf Spieler verlassen – schon gar nicht in entscheidenden Momenten auf dem Platz –, die regelmäßig zu spät kommen und sich nicht an Regeln halten.
Wie gehen Sie mit Ihren Spielern um?
Das ist sehr individuell. Jeder Spieler hat seine eigene Distanz, die er braucht. Die einen wollen Nähe, die anderen Abstand. Wenn man das nicht einhält, kann das schnell eine Abwehrhaltung auslösen. Ich arbeite seit 28 Jahren mit Dr. Werner Zöchling zusammen, einem Experten für Persönlichkeitsentwicklung. Dadurch habe ich gelernt, für jeden Spieler eine passende Beziehung aufzubauen. Mein Führungsstil basiert auf zwei Grundwerten: Respekt und Vertrauen. Nur eins davon reicht nicht – es gilt, die Balance zu finden.
Wann hatten Sie das Gefühl, dass Sie mit Crystal Palace auf dem richtigen Weg sind?
Der Charakter eines Teams zeigt sich in schwierigen Phasen: Wer schert aus? Wer sucht Schuldige? Bei uns gab es nach dem schwachen Start in der vergangenen Saison keine Schuldzuweisungen. Die Spieler waren unzufrieden, aber das Signal war: Nur wir selbst können den Karren aus dem Dreck ziehen – und wir schaffen das auch.
Sie haben nie Verletzungen, Spielerabgänge oder späte Transfers als Gründe genannt – warum?
Weil ich an das Sprichwort glaube: Gewinner suchen keine Ausreden. Wir haben die Situation als Herausforderung angenommen. Wer bei uns im Training gewesen wäre, hätte gedacht, wir stünden auf Platz eins – so gut war die Stimmung und die Arbeitsmoral. Intern herrschte nie Unruhe. Ich habe gespürt, wir werden die Kurve kriegen, denn die Qualität ist da. Aber wir hatten auch Spieler wie Ismaïla Sarr, der ein halbes Jahr kein Pflichtspiel bei Olympique Marseille bestritten hatte und ohne Mannschaftstraining zu uns kam. Da kann ich nicht erwarten, dass er zwei Wochen später voll funktioniert. Ich habe meinem Chairman gesagt: Wenn das funktioniert hätte, hättest du mich entlassen können – dann braucht es keinen Trainer.
Was macht Ihr Team aus?
Wir haben einen sehr großen, gefestigten Zusammenhalt und stehen füreinander ein. Das ist aus dem Leben abgeleitet: Das beste Gefühl ist, wenn man sich nicht allein fühlt, wenn man weiß, jemand steht unterstützend hinter einem. Dazu haben wir Spieler mit hoher Qualität und wunderbarem Charakter, die mannschaftsdienlich spielen – denn gewinnen kann man nur als Mannschaft.
Zum Beispiel?
Eberechi Eze – er ist ein Spieler, der aus dem Nichts ein Tor erzielen kann, das uns den Sieg bringt. Manchmal braucht es genau solche Impulse, ohne dass sich davor jeder Spieler taktisch perfekt verhalten hat und acht Doppelpässe gespielt wurden. Auch Michael Olise (inzwischen FC Bayern, Anm. d. Red.) hat das gezeigt: Er bringt alles mit, ist ein außergewöhnliches Talent. Ich war beeindruckt, wie er nicht nur mit seinen technischen Fähigkeiten am Ball überzeugt, sondern auch den Fußball versteht. Alles, was er sagte, war richtig. Er wusste genau, was er auf dem Platz tun muss.
Gab es ein Schlüsselerlebnis?
Die zwei Niederlagen gegen Manchester City (2:5) und Newcastle (0:5) im vergangenen April waren bitter, aber sehr lehrreich. Zehn Gegentore in drei Tagen – da haben unsere Köpfe geraucht, wir haben wenig geschlafen. Daraus haben wir gelernt, bei uns zu bleiben. Das war auch im Supercup gegen Liverpool nach dem frühen Rückstand zu sehen: Wir haben nicht die Nerven verloren, sind dran geblieben und haben noch gewonnen.
Im FA-Cup-Finale besiegten Sie Manchester City, im Supercup Liverpool. Wie sah Ihr Vorgehen aus?
Wir schauen immer zuerst auf unsere Stärken: Wie können wir sie so einsetzen, dass wir die Schwächen des Gegners treffen? Wir müssen facettenreich agieren. Liverpool hat durch Neuzugänge enorme Geschwindigkeit und ein spielstarkes Mittelfeld. Wenn wir sie vorn zu früh attackieren, riskieren wir Räume hinten. Daher haben wir kompakt und weiter zurückgezogen agiert. Durch unsere Erfolge sind wir sehr selbstbewusst geworden. Die Spieler glauben an das, was wir tun. Ich bin überrascht, wie schnell die Entwicklung verlief. Aber ich sage immer: Es gibt viele One-Hit-Wonder. Deshalb wollen wir den Erfolg nachhaltig bestätigen.
Am Sonntag startet Crystal Palace beim FC Chelsea in die neue Premier-League-Saison. Ändert sich die Wahrnehmung als amtierender FA-Cup- und Supercup-Sieger?
Nein. In der Premier League wird jeder Mannschaft Respekt entgegengebracht – egal ob sie einen Titel gewonnen hat oder nicht. Die Liga ist zu ausgeglichen, die Qualität der Spieler und Trainer zu hoch. Wir respektieren Chelsea, und Chelsea respektiert uns.
Was macht die Faszination der Premier League aus?
In England wird in vielen Situationen, die in Deutschland als Foul gelten würden, einfach weitergespielt. Das verändert das Spielgefühl enorm. Schon in der ersten Woche wurden wir als Trainerteam darauf intensiv vorbereitet. Es gab ein zweistündiges Briefing, in dem uns vermittelt wurde: Die Leute kommen ins Stadion, weil sie Fußball sehen wollen. Deshalb sind die Schiedsrichter angehalten, nicht jeden Kontakt als Foul zu bewerten. Sie sollen das Spiel, so gut es geht, laufen lassen. Hier interessiert es keinen, ob es in der Champions League vielleicht eine etwas kleinlichere Auslegung gibt. Die englische Liga hat ihre eigene Identität – und das gefällt mir.
Welche Auswirkungen hat das auf die Matches?
Für viele neue Spieler in England ist das eine erhebliche Umstellung. Wenn zum Beispiel vier kleinere Fouls nicht gepfiffen werden, verliert man viermal den Ball und kassiert einen Konter. In Deutschland würde man viermal ein Foul bekommen, also viermal am Ball bleiben und weiter angreifen können. Das verändert die Dynamik des Spiels, das Verhalten der Zuschauer und erfordert zusätzliche Robustheit der Spieler in den Zweikämpfen.
Worauf freuen Sie sich in dieser Saison?
Auf alles, vor allem auf die Conference League, sofern wir die Play-offs gegen Fredrikstad FK aus Norwegen überstehen. Das wäre das erste Mal, dass Crystal Palace an einem europäischen Wettbewerb teilnehmen würde. Abgesehen von den Spielern, die zuletzt gekommen sind, hat hier keiner internationale Erfahrung vorzuweisen. Das macht diesen Moment für den Verein außergewöhnlich – und für unsere Fans sowieso. Sie würden erstmals mit ihrem Team durch Europa reisen. Wenn man auf einer Insel ohne richtige Nachbarstaaten lebt, hat das eine andere Bedeutung.
Haben Sie nicht gehadert, dass Ihr Klub wegen eines Verstoßes gegen die Multi-Club-Ownership-Richtlinien von der Europa League in die Conference-League-Play-offs relegiert wurde?
Überhaupt nicht! Dieses Gefühl würde ich nicht zulassen. Natürlich denke ich, dass wir die Europa League verdient gehabt hätten – aber ich jammere nicht. Das ist immer noch eine großartige Geschichte für uns.
Ist der Kader für eine mögliche Zusatzbelastung im Europapokal ausgelegt?
Ich sehe das nicht als Belastung. Das habe ich auch so an die Spieler weitergegeben: Es ist eine Belohnung. Wer ein Fußballspiel als Belastung empfindet und lieber auf dem Trainingsplatz steht – hat etwas vollkommen falsch verstanden. Wenn ich den Terminkalender kritisiere, dann nicht, weil es zu viele Spiele sind, sondern weil die Wettkampfperiode insgesamt zu lang ist. Spieler können 60 Spiele im Jahr absolvieren – aber sie brauchen zwischendurch irgendwann mal eine Erholungspause, mental noch viel mehr als körperlich.
Palace konnte bisher, trotz hartnäckigen Wechselgerüchten, Leistungsträger wie Kapitän Marc Guéhi und Eberechi Eze halten. Allerdings kam mit dem früheren Stuttgarter Borna Sosa auch nur ein neuer Spieler dazu – für bescheidene 2,3 Millionen Euro. Damit gehört der Klub zu den zurückhaltendsten Akteuren auf dem Transfermarkt. Wie sehen Sie den Unterschied etwa zu den 300-Millionen-Investitionen beim FC Liverpool?
Das ist Fußball. Man muss wissen, wo man in der Nahrungskette steht. Der FC Liverpool hat ganz andere Möglichkeiten als Crystal Palace. Es wäre unfair, von uns dasselbe zu verlangen. Ich hätte nur ein Problem, wenn die Erwartung wäre, dass wir die Liga gewinnen müssen – denn das ginge nicht zusammen.
Woran merkt man, dass in der Premier League so viel Geld im Spiel ist?
An der Qualität der Spieler. Die besten wechseln dorthin, wo am meisten gezahlt wird. Und das ist in der Regel England. Ein Klub wie Bournemouth mit einem Stadion für etwas mehr als 11 000 Zuschauer hat vor einem Jahr seinen Torjäger Dominic Solanke für 65 Millionen Euro an Tottenham verkauft und dann Evanilson, die damalige Nummer 9 des FC Porto, für 37 Millionen verpflichtet – einen Spieler, den sich in Deutschland wohl nur zwei oder drei Vereine leisten könnten. Und Transfers, die in der Bundesliga lediglich Bayern München tätigen kann, stemmen hier sechs bis acht Klubs. Sich in diesem Umfeld zu behaupten, verlangt viel. Man muss als Trainer ständig besser werden, sonst ist man schnell weg.
Was ist Ihr Saisonziel?
Das hängt natürlich davon ab, wie die Transferphase noch verläuft. Wenn man ständig die besten Spieler verliert und nicht entsprechend ersetzt, wird es schwierig, das Niveau zu erhalten oder gar zu toppen. Ausgenommen der ersten acht Spieltage standen wir für den Rest der vergangenen Saison mindestens auf Rang sieben. Wenn das möglich ist, fehlen mir die Argumente, warum wir das nicht auch über die gesamte Spielzeit schaffen könnten.
Was muss passieren, damit sie Ihren Vertrag, der im Juni 2026 ausläuft, verlängern?
Meine Karriere hatte viele unerwartete Wendungen. Oft dachte ich, ich biege links ab – und plötzlich ging es dann doch nach rechts. Ich habe einen Leitsatz, den ich zu leben versuche, auch wenn es nicht immer gelingt: Carpe diem – nutze den Tag, lebe im Hier und Jetzt. Das sage ich auch den Spielern: Macht euch keine Gedanken darüber, was in drei Monaten ist. Das wissen wir ohnehin nicht. Aber alles heute können wir gestalten.
Wie lief die Weggabelung ab, als der FC Bayern Sie vor einem Jahr verpflichten wollte, aber der Klub Sie für unverkäuflich erklärte?
Alles schon vergessen! (lacht)
Könnten Sie sich vorstellen, mal einen Spitzenklub zu trainieren?
Wenn wir es schaffen, uns mit Crystal Palace in der oberen Hälfte der Premier League zu etablieren, ist das für mich ein Topverein. Zwar nicht an der absoluten Spitze Englands, aber sicher unter den Top 30, 40 Klubs Europas. Dann würde ich meinen Trainerjob als einen in der erweiterten Spitze des europäischen Fußballs betrachten.
Reicht Ihnen das?
Ich will, dass die Anhänger glücklich sind. Wenn ich daran denke, wie sie in Wembley gefeiert haben, bekomme ich Gänsehaut. Dieses Gefühl der Genugtuung kann man für kein Geld der Welt kaufen. Viele haben gesagt, sie hätten nie damit gerechnet, mit Crystal Palace einen Titel zu gewinnen – und dass ihr Traum wahr geworden ist. Dass ich dazu beitragen konnte, ist der Grund, warum ich 70 bis 80 Stunden die Woche weit weg von meiner Familie mit Fußball verbringe.
Crystal Palace klagt gegen die Uefa
Crystal Palace gewann überraschend den FA Cup und qualifizierte sich erstmals für die Europa League. Doch die Uefa schloss den Klub vom Wettbewerb aus - wegen eines Verstoßes gegen die Multi-Club-Ownership-Regeln. Will der Verband hier ein abschreckendes Urteil fällen?
