Rechtsstreit zwischen Crystal Palace und Uefa
Crystal Palace klagt gegen die Uefa
10. Aug. 2025, 16:45 Uhr

Crystal Palace gewann überraschend den FA Cup und qualifizierte sich erstmals für die Europa League. Doch die Uefa schloss den Klub vom Wettbewerb aus – wegen eines Verstoßes gegen die Multi-Club-Ownership-Regeln. Will der Verband hier ein abschreckendes Urteil fällen?
Crystal Palace kennt die Rolle des Aussenseiters nur allzu gut. Der Klub aus dem südlichen Londoner Bezirk Croydon sorgte in der vergangenen Saison für Aufsehen, als er mit dem 1:0-Sieg gegen Manchester City sensationell den FA Cup gewann. Es war der erste Titel in der 120-jährigen Vereinsgeschichte – und bedeutete die erstmalige Qualifikation für die Europa League. Bis dahin hatten die «Eagles» nie in einem europäischen Wettbewerb mitgewirkt. Doch um wirklich international spielen zu dürfen, bedarf es eines weiteren Überraschungserfolgs: im laufenden Rechtsverfahren gegen den Europäischen Fussballverband (Uefa), das der Internationale Sportschiedsgericht (TAS) derzeit verhandelt.
Am massgeblichen Stichtag hielt John Textor mehr als 30 Prozent an Palace und Lyon
Die Finanzkontrollkammer der Uefa hatte Crystal Palace kürzlich aus der Europa League ausgeschlossen und in die Conference League versetzt, den unattraktivsten der drei kontinentalen Wettbewerbe. Für Palace rückte Nottingham Forest aus der Conference League nach. Den Schritt begründete der Verband mit einem Verstoss gegen die Multi-Club-Ownership-Regeln. Diese sollen verhindern, dass eine Einzelperson oder juristische Einheit mehrere Klubs innerhalb desselben Wettbewerb kontrolliert – zum Schutz der Integrität und zur Vermeidung von Interessenkonflikten. Dem Vernehmen nach gilt bei der Uefa eine Beteiligung von mehr als 30 Prozent an einem weiteren Verein als «entscheidender Einfluss», der mit Sanktionen zu belegen ist.
Am massgeblichen Stichtag, dem 1. März, war die Eigentümerstruktur von Crystal Palace auf mehrere Personen verteilt. Mehrheitseigner war der Amerikaner John Textor, der über seine Eagle Football Holdings rund 43 Prozent der Anteile an Palace hielt und über diese zudem nahezu vollständig Olympique Lyon besitzt. Der französische Verein hat sich in der letzten Saison als Tabellensechster der Ligue 1 ebenfalls für die Europa League qualifiziert. Gemäss den Uefa-Regularien erhält bei einem solchen Szenario der Verein mit der besseren Ligaplatzierung das Startrecht in der Europa League – in diesem Fall also Lyon.
Das Urteil sei eine der größten Ungerechtigkeiten des Fußballs, wettert Klubchef Parish
Das Urteil löste in London heftige Reaktionen aus. Steve Parish, der Klubchef von Crystal Palace, sprach von einer der «grössten Ungerechtigkeiten» in der Geschichte des europäischen Fussballs. Die Entscheidung sei «haarsträubend» und basiere auf einer «lächerlichen Formalität».
In der Tat wirkt seine Empörung zumindest insofern nachvollziehbar, als Crystal Palace inzwischen de facto keinem vereinsübergreifenden Netzwerk mehr angehört. Kurz vor Bekanntgabe des Urteils im Juli hatte Textor seine Anteile für ungefähr 200 Millionen Franken an seinen Landsmann Woody Johnson verkauft, der auch die American-Football-Franchise der New York Jets besitzt. Zudem zog sich Textor aus allen Führungspositionen bei Olympique Lyon zurück, nachdem der Traditionsklub vorübergehend infolge finanzieller Unregelmässigkeiten zum Zwangsabstieg verdonnert worden war. Diese Sanktion wurde wenig später rückgängig gemacht.
Faktisch existiert das Problem nicht mehr – geht es also um ein exemplarisches Urteil
So streiten sich die Uefa und Crystal Palace nun gewissermassen über ein Problem, das faktisch nicht mehr besteht. Dem Verband jedoch dürfte es darum gehen, ein exemplarisches und abschreckendes Urteil zu fällen. Denn die häufig verschachtelten Multi-Club-Ownership-Strukturen nehmen seit Jahren zu und bedrohen die Glaubwürdigkeit des europäischen Klubfussballs. Laut Schätzungen der Initiative «Play the Game» des Dänischen Instituts für Sportstudien befinden sich rund 400 Vereine in den Händen von 147 verschiedenen Eigentümergruppen; der Schwerpunkt liegt in Europa.
Die Uefa wirkt bei der Regulierung dieser Entwicklungen überfordert. Noch vor einem Jahr hatte sie mehrere ähnlich gelagerte Fälle kurzfristig durchgewinkt: So durften etwa Manchester City und der FC Girona, beide Teil der Scheich Mansour gehörenden City Football Group, zugleich in der Champions League starten. Ebenso traten Manchester United und OGC Nizza in der Europa League an, obwohl beide unter dem Einfluss des Konzerns Ineos stehen. In diesen Fällen führten die Verantwortlichen die Beteiligungen an den kleineren Klubs vorübergehend in Treuhandstrukturen über, wodurch jegliche Einflussnahme formell ausgeschlossen war. Auch die von Red Bull unterstützten Klubs RB Leipzig und Red Bull Salzburg liess die Uefa einst parallel zur Champions League zu – nach angeblich ausreichenden strukturellen Trennungen.
„Oh verdammt, wir haben ein Problem“, war sich Textor nach dem Cup-Sieg bewusst
Solche Optionen hätten auch Crystal Palace zur Verfügung gestanden. Doch Textor verpasste es, seine Anteile rechtzeitig in einen «Blind Trust» abzulegen. Den Stichtag hatte die Uefa hierfür im Unterschied zum Vorjahr von Juni auf März vorverlegt. Offensichtlich rechnete er nicht damit, dass Palace den FA Cup gewinnen würde. «Oh verdammt, wir haben ein Problem», habe er im Wembley-Stadion gedacht, als seine Mannschaft den Pokal entgegen nahm, erzählte Textor später bemerkenswert freimütig dem Radiosender Talksport.
Um doch noch in der Europa League antreten zu dürfen, beteuert Crystal Palace nun, Textor habe ohnehin nie wirklichen Einfluss auf die Klubgeschäfte gehabt. Dies sei ja der Grund, warum er sich frustriert zurückziehe, sagte Textor zu seinem Abschied bei Palace. Tatsächlich hatte Parish stets darauf verzichtet, Spieler aus dessen Netzwerk zu engagieren. Gleichwohl investierte Textor seit 2022 mehr als 100 Millionen Franken in den Verein, regte die Verpflichtung des österreichischen Trainers Oliver Glasner an – und hielt eines von vier Stimmrechten im Entscheidungsgremium. Am Freitag kam es zur Anhörung vor dem TAS, ein Bescheid wird Anfang nächste Woche erwartet. Bevor er verkündet wird, steht für Crystal Palace noch ein Highlight an: Am Sonntag trifft der Klub im englischen Supercup als Underdog auf den Meister Liverpool FC.

