Arsenal-Kapitän Martin Ödegaard

Einer wie Mesut Özil

30. Mai 2026, 12:34 Uhr

Mit 23 Jahren wurde Martin Ödegaard beim FC Arsenal zum Kapitän bestimmt, nun führt er den Klub zur ersten Meisterschaft seit 22 Jahren. (Foto: Imago Images)
Mit 23 Jahren wurde Martin Ödegaard beim FC Arsenal zum Kapitän bestimmt, nun führt er den Klub zur ersten Meisterschaft seit 22 Jahren. (Foto: Imago Images)

Martin Ödegaard könnte den FC Arsenal als Kapitän nach der Meisterschaft auch zum Champions-League-Titel führen. Nach schwierigen Jahren bei Real Madrid galt das einstige Wunderkind zwischenzeitlich schon als gescheitert.

Von Sven Haist, Budapest

Um die neue Klub-App zu bewerben, veröffentlichte der FC Arsenal im Frühjahr eine selbst produzierte Dokumentation über Martin Ödegaard. Der Kapitän der Gunners war der erste Protagonist der Reihe „Modern Leader“. Schließlich hat er in seiner bisherigen Fußballerlaufbahn wohl mehr erlebt als die meisten seiner Teamkollegen. Zuletzt nahm Ödegaard, 27, als erster Arsenal-Profi seit Patrick Vieira vor 22 Jahren wieder den Premier-League-Pokal entgegen. Und sofern ihn keine Verletzung stoppt, dürfte er seine Mannschaft auch am Samstagabend (18 Uhr/ZDF) im Finale der Champions League gegen Paris Saint-Germain in Budapest aufs Feld führen.

              Die bisher erfolgreichste Saison des Norwegers fällt mit einem sportlichen Tief seines früheren Klubs Real Marid zusammen. Während Ödegaard dem Offensivspiel Arsenals im Mittelfeld Struktur und Initiative verleiht, könnten die Königlichen seit dem Rücktritt von Toni Kroos einen wie ihn gut gebrauchen. Dabei stand er einst schon bei Real unter Vertrag – mit 16 Jahren. Im Januar 2015 wechselte der in Kindertagen als Wunderkind gefeierte Ödegaard aus seiner Heimat für eine einstellige Millionensumme in die spanische Hauptstadt, nachdem er zuvor bei sämtlichen Topklubs Europas vorgespielt hatte. Kurz darauf wurde er zum jüngsten eingesetzten Real-Spieler.

Allerdings konnte sich der Spielgestalter in so jungen Jahren im Starensemble von Real nicht etablieren – weder unter Trainer Carlo Ancelotti noch unter dessen Nachfolgern Rafael Benítez und Zinédine Zidane. In seiner Autobiographie schrieb Ancelotti, die Verpflichtung Ödegaards sei eine „PR-Maßnahme“ des Real-Präsidenten Florentino Pérez gewesen, die er zu „akzeptieren“ gehabt habe. Der Teenager sammelte seine Spielpraxis deshalb vor allem in der Reservemannschaft. Um seine Entwicklung nicht zu gefährden, ließ sich Ödegaard zwei Jahre nach seiner Ankunft an andere niederländische und spanische Klubs ausleihen.

Er zog damit die Konsequenz aus seinem zuvor verfrüht wirkenden Wechsel zu Real. Ihm ging es darum, abseits der großen Fußballöffentlichkeit zunächst wieder kleinere Schritte zu gehen und seine Leistungen zu stabilisieren. Das gelang ihm nach und nach in Heerenveen, Arnheim und bei Real Sociedad, wo er den spanischen Pokal gewann. Besonders geholfen hat ihm auf diesem Weg seine ausgeprägte Professionalität, die er von seinen Madrider Kollegen übernahm. Es habe ihn beeindruckt, wie besessen sie sich um jedes Detail kümmerten, erzählte er.

So arbeitete sich Ödegaard zielstrebig zurück in den Fokus der Spitzenvereine. Im Winter 2021 verpflichtete ihn der FC Arsenal zunächst auf Leihbasis und anschließend fest von Real Madrid für 35 Millionen Euro – als Nachfolger des verblassenden Mesut Özil. Mit seiner schnellen Auffassungsgabe und seiner engen Ballführung erinnert Ödegaard im Trikot der Gunners an den deutschen Spielgestalter. Er sei „mit dem Ball befreundet“, sagte sein früherer Heerenveen-Trainer Streppel. So wird das Phänomen beschrieben, wenn einem Profi der Ball am Fuß zu kleben scheint, ohne dass er ständig den Blick darauf richten muss.

In 233 Pflichtspielen für Arsenal kommt er auf 88 Torbeteiligungen, die Zahl seiner Treffer und Vorlagen ist beinahe identisch. Das beschreibt auch, wie sich Ödegaard selbst versteht: als Teamspieler, auf und neben dem Platz. „Unsere Identität ist eng damit verknüpft, wie er spielt und sich verhält“, lobt Trainer Mikel Arteta. Schon im Sommer 2022 machte er ihn überraschend zum Spielführer der Gunners, obwohl er auch damals erst 23 Jahre alt war. Seitdem führt er das Team nicht mit markigen Worten, sondern indem er mit gutem Beispiel vorangeht: Er ist topfit, akribisch, verlässlich, umgänglich. In dieser Rolle kommen ihm die eigenen Erfahrungen aus den ersten Jahren seiner Karriere zugute. Sie machen ihn zugleich zu einem Vorbild für viele jüngere Spieler bei Arsenal.

All die positiven Eigenschaften musste Martin Ödegaard in dieser Saison erneut in einer schwierigen Situation unter Beweis stellen. Immer wieder fiel er verletzungsbedingt aus. Doch rechtzeitig scheint er sich für das Saisonfinale wieder in Form gebracht zu haben. Zumal die WM auf ihn wartet, für die sich Norwegen erstmals seit 1998 qualifiziert hat. „Niederlagen lassen Siege umso schöner schmecken“, sagte Ödegaard kürzlich. Gemeint waren die drei zweiten Plätze in Serie mit Arsenal vor dem Meistertitel. Der Satz passt aber auch zu seiner eigenen Karriere. Der Rückblick des FC Arsenal auf seinen Werdegang dürfte nicht der letzte bleiben.

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