Fußballer Thomas Partey

Petition gegen Partey

22. Aug. 2025, 18:09 Uhr

Thomas Partey verlässt das Gerichtsgebäudes in London. (Foto: Anadolu Ilyas Tayfun Salci / Imago Images)
Thomas Partey verlässt das Gerichtsgebäudes in London. (Foto: Anadolu Ilyas Tayfun Salci / Imago Images)

Thomas Partey ist wegen sexueller Gewalt gegen mehrere Frauen in London angeklagt. Trotz großen Protesten verpflichtete der Villarreal CF den vertragslosen Mittelfeldspieler. Auch der FC Arsenal hielt zuvor während den Ermittlungen an Partey fest. Die Vereine fürchten sportlichen und wirtschaftlichen Schaden.

Von Sven Haist, London

Unter normalen Umständen hätte Thomas Partey diesen Sommer kaum über einen Wechsel zum Villarreal CF nachgedacht. Der unscheinbare Klub aus dem Hinterland Valencias kann trotz Champions-League-Teilnahme mit Europas Topvereinen wie Arsenal nicht mithalten. Bei Arsenal war der ghanaische Nationalspieler fünf Jahre lang eine feste Grösse im Mittelfeld. Doch Villarreal nutzte offenbar aus, dass nach dem Auslaufen seines Vertrags am 30. Juni viele Interessenten auf Abstand blieben. Der Grund liegt auf der Hand: Vier Tage nach seinem Abschied aus London wurde Partey strafrechtlich angeklagt.

Nach jahrelangen Ermittlungen wirft man ihm vor, zwischen 2021 und 2022 zwei Frauen in fünf Fällen vergewaltigt und eine dritte Frau sexuell genötigt zu haben. Vor einer Woche begannen die Anhörungen in London. Partey bestätigte lediglich seine Personalien, schwieg aber zu den Vorwürfen. Seine Verteidigerin erklärte, Partey weise die Anschuldigungen entschieden zurück und wolle seinen Namen rehabilitieren. Das Gericht liess ihn unter Auflagen frei – erst dadurch wurde der Einjahresvertrag mit Villarreal, inklusive Option auf eine weitere Saison, möglich.

Bei den Fans vom Villarreal FC war „vom dunkelsten Tag“ die Rede

Die Verpflichtung löste bei den Fans Empörung aus. Von Villarreals «dunkelstem Tag» war die Rede. Tausende hatten bereits vor der Bekanntgabe des Transfers eine Petition unterzeichnet, um den Wechsel zu verhindern. Ein Spieler mit solchen Vorwürfen dürfe «keinerlei Verbindung» zum Klub haben, hiess es. Ein Fanvertreter sagte der «New York Times», er könne verstehen, wenn Partey im Stadion ausgepfiffen werde. Villarreal rechtfertigte sich mit der Unschuldsvermutung und betonte, jede Form von Gewalt und Würdeverletzung zu verurteilen.

Rechtlich ist Villarreal nichts vorzuwerfen. Doch es bleibt die Frage: Wird der Klub seiner gesellschaftlichen und ethischen Verantwortung gerecht? Schon Arsenal stand wegen Partey in der Kritik. Als die Ermittlungen begannen, soll der Verein frühzeitig Hinweise von der Polizei und einem mutmasslichen Opfer erhalten haben. Nach einem der Vorfälle sass Partey sogar kurzzeitig in Untersuchungshaft. Sein Name blieb damals – wie gemäss britischem Recht üblich – ungenannt. Erst die jüngste Anklage machte ihn öffentlich.

Auch der Arsenal FC stand vor einer heiklen Abwägung

Für den Arsenal FC ergab sich daraus eine heikle Abwägung. Der Klub betont regelmässig seinen Anspruch, hohe moralische Standards einzuhalten – sowohl im eigenen Handeln als auch im Verhalten seiner Mitarbeitenden. Dies bedeutete einerseits, Solidarität mit den Betroffenen zu zeigen, andererseits aber auch, die Rechte des Spielers und das eigene Interesse zu wahren. Eine Suspendierung hätte Parteys Laufbahn massiv beschädigen und den Verein sportlich und finanziell schwächen können. Immerhin war der Mittelfeldspieler im Jahr 2020 für 50 Millionen Euro von Atlético Madrid verpflichtet worden.

Ein anderer Fall zeigt, wie vielschichtig solche Situationen sind: Manchester City hatte einst seinen Spieler Benjamin Mendy nach einer Anklage unter anderem wegen mehrfacher Vergewaltigung suspendiert und die Gehaltszahlungen eingestellt. Jahre später wurde Mendy wegen nicht ausreichender Beweise freigesprochen. Mendy klagte erfolgreich auf Schadenersatz in zweistelliger Millionenhöhe – und der Klub musste ihm einen Grossteil seines Gehalts nachzahlen. Seitdem versucht Mendy, seine Karriere fortzusetzen. Im Februar heuerte er im FC Zürich an. Sein Engagement, begleitet von etlichen Misstönen, wurde jedoch nach nur fünf Monaten wieder aufgelöst.

In einem offenen Brief wurde dem FC Arsenal „absichtliches Schweigen“ vorgeworfen

Arsenal entschied sich anders als Manchester City und ergriff keinerlei Massnahmen gegen Thomas Partey. Weder drängte der Verein auf eine einvernehmliche Vertragsauflösung, noch verzichtete er auf dessen Einsätze. Stattdessen blieb Partey trotz den Anschuldigungen Teil der ersten Mannschaft und absolvierte insgesamt 167 Pflichtspiele für Arsenal. Auch an der Weltmeisterschaft 2022 in Katar nahm Partey mit Ghana teil. Noch im Frühjahr – während die Staatsanwaltschaft bereits an der Anklage arbeitete – tauschte sich der Verein sogar mit Thomas Partey über eine Vertragsverlängerung aus. Eine Stellungnahme zur Personalie Partey lehnte der Klub unter Verweis auf das laufende Verfahren ab. Faduma Hassan, Mitglied der Initiative «Arsenal Supporters Against Sexual Violence» (Arsenal-Fans gegen sexuelle Gewalt), warf dem Klub «absichtliches Schweigen» vor.

Ihre Gruppe habe trotz allen Bemühungen keine einzige Antwort vom Arsenal FC erhalten, schrieb Hassan in einem offenen Brief im «Telegraph». Sie spricht von einem Mangel an Verantwortlichkeit – und von sexueller Gewalt als systemischem Problem im Fussball: Seit 2020 hat es laufende oder abgeschlossene Ermittlungen wegen sexueller Übergriffe von Fussballern in sieben verschiedenen Premier-League-Klubs gegeben.

Englands Ministerin Lisa Nandy findet, Fußballer würden bevorzugt behandelt werden

Auch Lisa Nandy, die britische Staatssekretärin für Kultur, Medien und Sport, drückt ihr Unverständnis aus. Fussballer würden «bevorzugt» behandelt, sagte sie im Podcast «The Sports Agent», weil sie ein bedeutender Vermögenswert seien. Sie könne nicht nachvollziehen, dass es bis jetzt keine verbindlichen Minimumstandards gebe, wie Vereine mit beschuldigten Spielern umgehen sollten – wenn sportliche und wirtschaftliche Aspekte mit öffentlicher Verantwortung kollidierten. Dafür will sich Nandy in Zukunft einsetzen. Die Haltung des Arsenal FC fassten Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude auf einem Plakat zusammen: «Arsenal hat gesagt: ‹Wir tun das Richtige.› – Sie haben nichts getan.» Dasselbe lässt sich auch über den Villarreal CF sagen.

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