Mohamed Salah und FC Liverpool
Letzte Ehrenrunde in Anfield?
15. Dez. 2025, 16:01 Uhr

Nach seiner scharfen Kritik kehrt Mohamed Salah in den Kader des FC Liverpool zurück und bereitet nach seiner Einwechslung ein Tor gegen Brighton vor. Nun bricht der Ägypter zum Afrika Cup auf. Ob er noch einmal nach Liverpool zurückkehrt, ist offen.
Mit feuchten Augen bedankte sich Mohamed Salah bei den Fans des FC Liverpool, bevor er als letzter Spieler den Rasen verließ. Während seiner Ehrenrunde nach dem Premier-League-Heimsieg gegen Brighton & Hove Albion, bei dem er nach einer frühen Einwechslung 64 Minuten zum Einsatz gekommen war und eine Torvorlage beigesteuert hatte, applaudierte er unaufhörlich. Nur einmal unterbrach er, um mit der Hand auf das Klubwappen auf seinem Trikot zu schlagen. Im Gegenzug ehrten die Liverpooler Anhänger ihr Idol mit einem etablierten Sprechgesang, der ihn als „ägyptischen König“ glorifiziert. Die Geste der Zuschauer zauberte dem Torjäger ein Lächeln ins Gesicht. Später postete er die Szenen auf Instagram. Die Ovationen entsprachen dem erwarteten großen Abschied für den prägendsten Spieler des Klubs der vergangenen Dekade.
Offen blieb bloß: Hat Salah, 33, am Samstag dem Liverpool Football Club für immer „Goodbye“ gesagt – oder nur für ein paar Wochen?
Salah reist nun zum ägyptischen Nationalteam, am nächsten Sonntag beginnt der vierwöchige Afrika-Cup. Die Abwesenheit gibt sowohl ihm als auch seinem Klub Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. Vor einer Woche hatte Salah nach der dritten Nichtberücksichtigung in der Startelf seinen Trainer Arne Slot sowie den gesamten Verein scharf attackiert. Er fühlte sich im Stich gelassen und deutete an, dass man ihn angeblich nicht mehr haben wolle. Fundamentale Vorwürfe, die den kriselnden Klub auf eine harte Probe stellten.
Doch der LFC reagierte ebenso überlegt wie Salah: Als Antwort auf sein Verhalten wurde der Spieler für das Champions-League-Spiel gegen Inter Mailand (1:0) aus dem Kader gestrichen. Die Entscheidung, Salah gegen Brighton wieder in den Kader aufzunehmen, fiel nach dem Abschlusstraining am Freitag, nachdem Slot in einem Gespräch mit dem Spieler zumindest zu einem Zwischenfrieden gelangt war. Die Gründe für die Rückkehr lagen auf der Hand: Angesichts zahlreicher Ausfälle hätte sich Liverpool durch einen erneuten Verzicht auf Salah selbst geschwächt. Zudem galt es, seine Verdienste zu berücksichtigen und seinen Marktwert zu wahren.
„Was zwischen uns gesagt wurde, bleibt zwischen uns“, betonte Slot nach dem Brighton-Spiel und fügte hinzu: „Taten sprechen lauter als Worte.“ Der Trainer setzte ein klares Zeichen, als er Salah bereits in der 26. Minute einwechselte. Zu diesem Zeitpunkt musste Rechtsverteidiger Joe Gomez verletzungsbedingt den Platz verlassen. Slot verschob daraufhin seinen Allrounder Dominik Szoboszlai, der zuvor die rechte Seite übernommen hatte, in die freie Abwehrposition, sodass Salah seine gewohnte Rolle einnehmen konnte. Fast wäre Salah, vor den Augen seiner extra angereisten Familie, direkt in seiner ersten Aktion ein Assist gelungen.
Sein Auftritt wirkte, als habe er etwas zu beweisen. Er war ständig ins Spielgeschehen eingebunden, erzeugte regelmäßig Torgefahr und zeigte anfangs auch eine überraschend intensive Defensivarbeit. Einmal sprintete er nach einem Ballverlust im gegnerischen Strafraum bis vor das eigene Tor zurück, um einen Konter zu verhindern. Etwas Besonderes war sein präziser Eckball nach genau einer Stunde, mit dem er den hart erkämpften 2:0-Endstand von Hugo Ekitiké vorbereitete, der bereits nach 48 Sekunden die Führung erzielt hatte. Mit seiner 281. Torbeteiligung für den FC Liverpool in der Premier League hält er nun den Rekord für die meisten Tore und Vorlagen bei einem einzigen Verein. Kurz vor Schluss hätte er beinahe noch ein Tor erzielt, als er freistehend eine Flanke nur mit dem Schienbein traf – der Ball flog aus kürzester Distanz weit über das Tor.
In seiner besten Form hätte er sich diese sowie einige andere gute Chancen sicherlich nicht entgehen lassen. Mit Salahs Leistung zeigte sich Slot dennoch zufrieden. „Er hat genau so gespielt, wie es sich jeder Fan, mich eingeschlossen, wünscht.“ Bei seinen Aussagen zu Salah betonte der Trainer demonstrativ, das angespannte Verhältnis hinter sich zu lassen. Es gebe „kein Problem zu lösen“, hob Slot hervor, Salah sei für ihn „jetzt wie jeder andere Spieler“. Vorab hatte er bereits verlauten lassen, er habe überhaupt keinen Grund, den Spitzenspieler nicht mehr in der Mannschaft haben zu wollen.
Vollständig ausgeräumt sind die Differenzen zwischen Slot und Salah offenbar aber noch nicht. Beide gingen sich im Stadion auffallend aus dem Weg, es gab keinen Berührungspunkt. Taktische Informationen übermittelten stets Slots Assistenten an Salah, sowohl bei seiner Einwechslung als auch bei einer späteren Umstellung. Nach dem Abpfiff klatschten Slot und Salah jeweils nahezu alle ab – nur nicht sich gegenseitig. Mannschaft und Anhängerschaft verhielten sich neutral und stellten sich hinter beide.
Die Entscheidung über Salahs Zukunft wird voraussichtlich in den kommenden Wochen fallen. Der Verein und er selbst befänden sich bereits seit anderthalb Wochen konstant im Dialog mit dem Spieler und dessen Berater, berichtete Slot. Was andeutet, dass der Klub zumindest von der Unzufriedenheit des Spielers gewusst haben dürfte, bevor dieser sie kurz darauf öffentlich machte. Salah ging es vor allem darum, klarzustellen, dass er sich unter keinen Umständen als Ersatzmann sieht. Eine solche Degradierung würde nicht nur seinen Stolz verletzen, sondern aus seiner Sicht auch seinem Status als berühmtester Fußballer der muslimischen Welt nicht gerecht werden. Dies könnte auch erklären, warum der zusammen mit seinem Berater für eiskaltes Taktieren bekannte Salah lieber ein komplettes Zerwürfnis mit seinem Lieblingsklub in Kauf nimmt als einen Platz auf der Bank.
Sollte sich die sportlich wieder stabiler wirkende Elf von ihrer langjährigen Galionsfigur emanzipieren, ist eine weitere Zusammenarbeit fast ausgeschlossen. Einen unzufriedenen Salah kann sich Liverpool atmosphärisch und finanziell nicht leisten – er verdient fast eine halbe Million Euro pro Woche. Ein Wechsel nach Saudi-Arabien gilt als denkbar, die dortige Liga würde allein schon aus Prestigegründen fast jeden Preis für Salah akzeptieren. Der bisherige Rekordtransfer der Saudis ist der bereits wieder verabschiedete Brasilianer Neymar, der 2023 mit damals 31 Jahren für 90 Millionen Euro von Paris Saint-Germain kam.
Salahs Vertrag in Liverpool läuft noch bis zum Juni 2027. Nach dem Brighton-Spiel lief er gut gelaunt durch die Medienzone. Auf die Frage, ob er schnell zwei Minuten Zeit habe, entgegnete er süffisant: „Zwei Wochen hintereinander? No, no, no!“ In der Hand trug er eine Tüte mit seinen Fußballschuhen und seinem Trikot.


