Ryan Gravenberch beim FC Liverpool
Liverpooler Freiheit
23. Sep. 2025, 19:53 Uhr

Ryan Gravenberch hat sich seit seinem Wechsel vom FC Bayern zum FC Liverpool zu einem der komplettesten Mittelfeldspieler entwickelt. Im Gegensatz zu früheren Trainern hat Arne Slot für ihn die richtige Position gefunden.
Ursprünglich hatte Arne Slot geplant, Ryan Gravenberch nach etwa einer Stunde vom Platz zu nehmen. Dies verriet der Trainer des FC Liverpool nach dem hart erkämpften 2:1-Sieg im 247. Merseyside-Derby gegen den Stadtnachbarn FC Everton. Slot war keineswegs unzufrieden mit der Leistung seines Mittelfeldstrategen, und eine taktische Umstellung war ebenfalls nicht vorgesehen. Vielmehr ging es ihm darum, Gravenberch zu schonen, nachdem dieser in allen bisherigen Pflichtspielen der Saison, in denen er im Kader stand, stets die volle Spieldistanz absolviert hatte. Zu diesem Zeitpunkt führte Liverpool durch Tore von Gravenberch (10. Minute) und Hugo Ekitiké (29.) bereits komfortabel. Doch als Slot die Auswechslung anstrebte, kassierte sein Team den Anschlusstreffer von Idrissa Gueye (58.). Daraufhin revidierte der Niederländer seine Entscheidung und ließ den Landsmann auf dem Spielfeld. Stattdessen musste Alexis Mac Allister für Curtis Jones weichen – und Gravenberch spielte durch.
Ryan Gravenberch ist gerade der Spieler der Stunde in der Premier League
Slots Planänderung unterstrich den Stellenwert, den der 23-Jährige nach seinem Wechsel vom FC Bayern im Sommer 2023 für 40 Millionen Euro inzwischen in Liverpool genießt. Er gehört neben Spielführer Virgil van Dijk und Torjäger Mohamed Salah zu den unverzichtbaren Stammspielern. Er ist gewissermaßen der Spieler der Stunde in der Premier League und steht stellvertretend für den perfekten Saisonstart seines Klubs mit fünf Siegen aus fünf Spielen. Am Samstag war Gravenberch gegen Everton an beiden Treffern direkt beteiligt. Zunächst lupfte er eine Halbfeldflanke von Salah per Dropkick mit dem rechten Fuß gefühlvoll über den gegnerischen Torwart Jordan Pickford ins Netz. Danach leitete er das zweite Tor mit einem Schnittstellenpass in Ekitikés Laufweg ein. Damit hat Gravenberch in dieser Saison bereits zwei Treffer und zwei Vorlagen erzielt – mehr als in der vergangenen Spielzeit, in der ihm kein einziges Tor und nur vier Assists gelangen.
Seinen schwungvollen Aufstieg führt Gravenberch darauf zurück, dass er seit Saisonbeginn „mehr Freiheiten“ im Offensivspiel besitzt. Damit meinte er, dass ihn sein Trainer im Spielaufbau nicht mehr ausschließlich als Anspielstation vor der Abwehr einsetzt. Das Zusammenspiel mit den Mittelfeldkollegen Mac Allister, Dominik Szoboszlai und Florian Wirtz (der diesmal gegen Everton auf der linken Seite eingewechselt wurde) ist wesentlich flexibler geworden. Die Spieler rotieren zwischen den Positionen, Gravenberch taucht so auch immer wieder in der offensiven rechten Halbposition auf. Von dort aus kann er seine spielerischen Qualitäten, seine Dynamik sowie sein Raumgefühl beim Herausspielen von Torchancen häufiger einbringen.

„Ich war offen für diese Ausrichtung“, sagt Ryan Gravenberch über die Umpositionierung
Diese Fähigkeiten schlummerten schon immer in Gravenberch. Schon seit der Jugend spielte er überwiegend als Verbindungsspieler im Mittelfeld. Allerdings blieb ihm der Durchbruch in dieser Rolle im Spitzenfußball verwehrt, sowohl beim FC Bayern als auch in seiner ersten Saison in Liverpool unter Jürgen Klopp. Als Slot Trainer wurde, zog er Gravenberch, gegen den er mehrmals mit unterschiedlichen Vereinen in der niederländischen Liga gespielt hatte, von der Achter- auf die Sechserposition zurück – ein kluger Einfall. Gravenberch hatte plötzlich mehr vom Spiel vor sich und musste weniger mit dem Rücken zum gegnerischen Tor agieren. „Ich war für diese Ausrichtung offen“, sagte er selbst dazu.
Bei der taktischen Eingewöhnung in der neuen Funktion half ihm sein Landsmann van Dijk, der ihn als Innenverteidiger dirigierte. „Rio, bleib hier!“, habe van Dijk immer wieder während der Partien gerufen, wenn er mal wieder zu weit nach vorn gelaufen war, erzählte Gravenberch. Mit zunehmender Spielpraxis musste van Dijk ihn dann weniger ermahnen, weil sein Landsmann die defensiven Anforderungen verinnerlicht hatte. Am Ende der Vorsaison wurde er zum besten jungen Spieler der Premier League gewählt. Die regelmäßige Spielpraxis stärkte die Sicherheit und auch das Selbstvertrauen Gravenberchs. Sie sind die Grundlage, dass er nun auch bei seinen Offensivaktionen an Einfluss gewonnen hat. Er kann sich aus engen Räumen lösen, indem er sich mit flüssigen Bewegungen um die Gegenspieler dreht.
Mit seiner Laufstärke schließt Ryan Gravenberch auch viele defensive Lücken
Dennoch setzt sich Ryan Gravenberch weiterhin mit viel Energie ein für die Mannschaft. Mit seiner Laufstärke und Umsicht schließt er viele Lücken in der Defensive. Er hält Salah auf der halbrechten Seite den Rücken frei, damit dieser weniger nach hinten arbeiten muss und Kraft sparen kann. Zudem hat der 1,90 Meter große Gravenberch im physischen Bereich deutlich zugelegt, er wirkt robuster und durchsetzungsstärker als in den vergangenen Saisons. All das brachte Ryan Gravenberch im Duell mit Everton auf den Platz. Seine Evolution als Fußballer macht ihn zu einem der komplettesten Mittelfeldspieler der Premier League. „Ryan ist unglaublich und so wichtig für unser Spiel“, lobte van Dijk. Er schaue ständig, wo sich Gravenberch auf dem Spielfeld aufhalte, um ihn anzuspielen.
Durch seine Torbeteiligungen ist der anfangs unscheinbare Ryan Gravenberch auf einmal ins Blickfeld der Fußballöffentlichkeit geraten. Nicht nur wegen der ähnlichen taktischen Position und Spielweise drängen sich Parallelen zur Karriere von Toni Kroos auf. Auch der deutsche Weltmeister spielte einst im Trikot des FC Bayern, avancierte aber erst zum internationalen Spitzenspieler, als er den Verein mit 24 Jahren verließ und zu Real Madrid wechselte. Dass sein Name nun mit Kroos in Verbindung gebracht werde, sei ein „großes Kompliment“, räumte Gravenberch ein. Wie Kroos ist er mittlerweile ein Dauerspieler geworden. Schon am Dienstag steht das nächste Match im League Cup gegen den Zweitligisten FC Southampton an – allerdings dürfte er da wirklich eine Pause erhalten.
Evolution statt Revolution
Das Champions-League-Duell gegen RB Leipzig gleicht der Emanzipation des FC Liverpool von Jürgen Klopp. Dessen Nachfolger Arne Slot legt mehr Wert auf Spielkontrolle als Tempofußball. Die Folge: Liverpool stellt die beste Abwehr in Europa.
