Pep Guardiola und Manchester City
Der Philosoph wird pragmatisch
22. Sep. 2025, 15:28 Uhr

Pep Guardiola verordnet beim schlechtesten Saisonstart seiner Trainerlaufbahn gegen den FC Arsena radikalen Defensivfußball. Konträr zu sportlichen Lage präsentiert sich der Trainer von Manchester City in lockerer Stimmung – und witzelt über seine Taktik.
So menschlich wie an diesem Sonntagabend hat sich Pep Guardiola wohl nie zuvor in einem Fußballstadion gezeigt. Nach dem Auswärtsspiel beim FC Arsenal in der Premier League stand der Trainer von Manchester City sichtlich bewegt vor den eigenen Fans. Er genoss zwar die Zuneigung der Anhänger, die ihre Mannschaft trotz des 1:1-Ausgleichstreffers für Arsenal in der dritten Minute der Nachspielzeit feierten. Vor allem aber hatte er eines im Sinn: seine Tochter Maria, die das Spiel im Fanblock verfolgt hatte.Daher schritt Guardiola immer wieder mit suchendem Blick die Tribünenblöcke an der Eckfahne ab – doch er konnte sie nicht finden.
Nach einiger Zeit versuchte er es erneut, als er allein mit seinem langjährigen Weggefährten Manuel Estiarte auf das Spielfeld zurückkehrte. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich nur noch wenige Zuschauer im Stadion, sodass Guardiola schließlich fündig wurde. Minutenlang unterhielt sich der zweifache Familienvater, dessen mehr als 30 Jahre währende Ehe vor einem Jahr zerbrach, mit seiner erwachsenen Tochter. Erst dann gab er den wartenden TV-Stationen Interviews. Es wirkte, als würde der Katalane inmitten einer für seine Verhältnisse sportlich belastenden Phase Zuspruch in der Anwesenheit seiner Familie finden.
Der Rückstand auf den FC Liverpool beträgt bereits acht Punkte
Nach der titellosen vergangenen Saison, der ersten seit acht Jahren, als Guardiola, 54, mit seiner Mannschaft zwischenzeitlich nur einen Sieg aus dreizehn Pflichtspielen holte, scheint sich dieser Trend in der neuen Spielzeit fortzusetzen. Manchester City hat nach dem 1:1 beim FC Arsenal nur sieben Punkte aus den ersten fünf Spielen in der Premier League geholt und belegt in der Tabelle derzeit bloß den neunten Platz. Der Rückstand auf den Spitzenreiter FC Liverpool beträgt bereits satte acht Zähler.
Einen derart dürftigen Saisonstart hat Guardiola in seiner Trainerkarriere bislang noch bei keinem Verein erlebt, weder beim FC Barcelona, beim FC Bayern noch zuletzt in Manchester. Dabei sind es nicht einmal die Ergebnisse selbst, die Anlass zur Sorge geben – sondern die Spielweise. Im Duell mit dem Rivalen Arsenal gelang es Guardiolas Elf in keiner Phase, das Spiel wie früher mit längeren Ballstafetten zu kontrollieren oder gar zu dominieren. Dazu wurde das eigene Pressing immer wieder ausgehebelt, sodass City kaum Druck auf den Gegner erzeugen konnte. Gefahr entstand einzig durch Konter – den ersten davon nutzte Erling Haaland mit seinem sechsten Ligatreffer in der neunten Minute zur Führung, als er nach einem fliegenden Start in der eigenen Hälfte wie ein Staffelsprinter die Londoner Hintermannschaft abhängte. Knapp zwei Drittel aller City-Tore in dieser Saison gehen mittlerweile auf sein Konto.
In der zweiten Halbzeit wurde Manchester City dramatisch zurückgedrängt
Da Arsenals Angriffsbemühungen durch den Rückstand zunehmend energischer wurden, wurden die Spieler von City – gemessen an den eigenen Maßstäben – beinahe dramatisch zurückgedrängt. Um den knappen Vorsprung zu verteidigen, wechselte Pep Guardiola mehrmals defensiv: Er brachte Nathan Aké für Phil Foden, Nico González für Haaland sowie John Stones für Nico O’Reilly. In den Schlussminuten stellten die Gäste praktisch zwei Fünferreihen vor dem eigenen Tor auf – ein Stürmer war auf dem Platz nicht mehr zu finden. So etwas habe er von Guardiolas City noch nie gesehen, zeigte sich Arsenals Declan Rice verblüfft. Die taktische Ausrichtung kulminierte in einer Statistik, die es unter Guardiola ebenfalls noch nie gegeben hatte: Sein Team kam auf 32,8 Prozent Ballbesitz – der niedrigste gemessene Wert in 601 Ligaspielen seiner Trainerkarriere. „Der Philosoph ist zum Pragmatiker geworden“, kommentierten englische Medien.
Er habe sich mit einer neuen Strategie bewähren wollen, feixte Pep Guardiola
Diese Wandlung ließ sich auch auf Guardiolas Auftritt nach dem Spiel übertragen. Der Trainer war (nicht nur wegen des für ihn ungewöhnlichen Familientreffens auf dem Platz) kaum wiederzuerkennen. Trotz der seltsam anmutenden Leistung seiner Truppe gab Guardiola auf der Pressekonferenz den Pointenlieferanten wie ein Stand-up-Comedian. Er scherzte, er habe im Ballbesitz eine neue Negativmarke anvisiert, um einen weiteren Rekord aufzustellen – und erklärte seine Maßnahme süffisant: „Einmal in zehn Jahren so zu spielen, ist nicht schlecht, oder?“ Er wollte sich nun eben mit einer neuen Strategie bewähren, feixte er und rief etwas schräg aus: „Ich bin ein Umschaltteam!“ Auf die Nachfrage, ob er das überhaupt nervlich aushalte, wenn der Ball sich ständig am eigenen Strafraum befinde, sagte Guardiola: „Ich leide und mag das nicht. Ich will den Ball weghaben. Ich will ihn in der Nähe von Raya (Arsenals Torwart), nicht in der Nähe von Gigi (Donnarumma).“
Pep Guardiola kämpft wie sein Team – und beklagt sich immer wieder wegen Lappalien
Am Seitenrand kämpfte Pep Guardiola so leidenschaftlich wie seine Mannschaft auf dem Rasen. Als der vierte Offizielle sieben Minuten Nachspielzeit anzeigte, winkte er lakonisch und schmunzelnd ab. Zuvor hatte er sich bereits mehrfach bei den Schiedsrichtern wegen Lappalien beklagt; in der 68. Minute sah er für seine anhaltenden Proteste die gelbe Karte. Kurz vor Schluss regte er sich dann über die schnelle Ausführung eines Arsenal-Freistoßes an deren eigenem Strafraum auf – aus seiner Sicht war der Ball minimal zu weit nach vorn gelegt worden. Als ihn der vierte Offizielle daraufhin beruhigen wollte, packte ihn Guardiola einsichtig mit beiden Händen am Hals und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
Die Ergebnisse seien ihm in dieser Saison egal, es geht um die Einstellung, sagt Guardiola
All diese Szenen wirkten, als befände sich Guardiola mit seinem Team mitten im Abstiegskampf der Premier League – wobei sich die aktuelle Misere für den erfolgsverwöhnten Coach womöglich genau so anfühlt. Beinahe symptomatisch fiel der späte Ausgleich: Arsenals Gabriel Martinelli hob einen Steilpass über den zu weit vor dem eigenen Tor postierten Donnarumma hinweg ins Netz. Ironischerweise lag der Hauptfehler in dieser Aktion darin, dass City keinerlei Druck auf den Passgeber Eberechi Eze erzeugen konnte, weil sämtliche Spieler tief hinten drinstanden. Den Rückschlag ließ sich Guardiola hinterher nicht anmerken. Er habe bereits gesagt, dass ihm die Ergebnisse in dieser Saison „verdammt egal“ seien, weil er in erster Linie sehen wolle, dass seine Mannschaft wieder mit dem richtigen Spirit auftrete – und das sei gegen Arsenal der Fall gewesen, lobte er. Immerhin räumte er ein, dass diese Spielweise nicht der eigentlichen Intention entspreche, sondern eine Folge „emotionaler Müdigkeit“ sein könnte.
Guardiolas heitere Stimmung steht im Kontrast zur sportlichen Lage
Guardiolas heitere Stimmung, die im starken Kontrast zur sportlichen Lage steht, lässt kaum eine andere Erkenntnis zu, als dass sich der Erfolgsdruck nach der vermaledeiten Vorsaison etwas revidiert hat. Mehrfach hat er bereits betont, den Klub in absehbarer Zeit zu verlassen, um sich eine Auszeit vom Fußball zu nehmen. Ähnliches war bei Jürgen Klopp in dessen letzter Saison beim FC Liverpool zu beobachten, nachdem dieser seinen Rückzug öffentlich gemacht hatte. Sofern Guardiolas neue Lockerheit nicht doch noch ungeahnte Kräfte freisetzt, dürfte die Meisterschaft für Manchester City in dieser Saison kaum erreichbar sein – aber dafür gewinnt Pep Guardiola neue Sympathien.
Guardiola lehrt die Basics
Pep Guardiola führt Manchester City mit solidem Arbeitsfußball zum Derby-Sieg gegen Manchester United - weil die Achse um Donnarumma, Rodri und Haaland steht, der zwei Tore erzielt. Das Duell zeigt aber, dass sich die Mannschaft noch finden muss.
