Amorim und Manchester United

Rúben Amorim verliert das Machtgerangel

05. Jan. 2026, 23:24 Uhr

"Head Coach" statt "Manager": Rúben Amorim wollte mehr Einfluss bei Manchester United - und muss nun gehen (Foto: Matt West/Shutterstock/Imago Images)

Der Portugiese wollte nicht nur Trainer, sondern auch Manager von Manchester United sein. Nun muss er gehen, weil er seine Kompetenzen offenbar zu weit ausdehnte. Dabei hat er den Klub sportlich stabilisiert.

Von Sven Haist, London

Die plötzliche Trennung zwischen Manchester United und Trainer Rúben Amorim könnte ihre Ursprünge bereits bei seinem Amtsantritt gehabt haben. In seiner ersten Pressekonferenz im November 2024 reagierte der Portugiese auf die Frage nach seinem Einfluss auf mögliche Spielertransfers mit der Bemerkung, dass er zwar nicht das letzte Wort habe, aber eine bedeutende Verantwortung trage. „Ich bin der Manager, der Head Coach“, erklärte Amorim und betonte, dass er für die Auswahl der Spieler zuständig sei. Ein bemerkenswertes Detail, das damals wenig Beachtung fand, war seine explizite Stellenbeschreibung sowohl als „Manager“ als auch als „Head Coach“. Der Klub hatte ihn hingegen in einer offiziellen Mitteilung ausschließlich als „Head Coach“ vorgestellt – eine Premiere in der fast 150-jährigen Vereinsgeschichte. Bis dahin hatte Manchester United seine Trainer stets als „Manager“ betitelt.

Im englischen Fußball ist der Begriff „Manager“ üblicherweise mit einer weitreichenden Rolle verbunden, die über die unmittelbaren sportlichen Entscheidungen eines Trainers auf dem Spielfeld hinausgeht. Mit dieser Neuerung wollte United, das seit Weihnachten 2023 sportlich von Minderheitseigentümer und Ineos-Gründer Jim Ratcliffe geführt wird, ein klares Signal setzen: Künftig solle das Management um den neuen Geschäftsführer Omar Berrada die strategische Ausrichtung bestimmen. Dieser Schritt war eine Reaktion auf den sportlichen Niedergang nach dem Rücktritt der Trainerlegende und Galionsfigur Alex Ferguson im Jahr 2013, der den Verein 27 Jahre lang prägte und dessen Abschied ein tiefes Führungsvakuum hinterließ.

Nach 14 Monaten Zusammenarbeit, die zwar nicht immer reibungslos verlief, aber insgesamt zu einer respektablen Entwicklung führte, kam es zwischen United und Amorim zuletzt zu zunehmenden Spannungen bezüglich der internen Aufgabenverteilung und der Vorgehensweise auf dem Transfermarkt. Die unterschiedlichen Auffassungen eskalierten rund um das Premier-League-Auswärtsspiel in Leeds am Sonntag (1:1). In seiner Analyse stellte Amorim unmissverständlich klar, dass er sich nicht als „Head Coach“, sondern als „Manager“ von United sehe, auch wenn er zugab, dass sein Name noch nicht die Reputation von „(Thomas) Tuchel, (Antonio) Conte oder (José) Mourinho“ habe. An dieser Haltung würde sich bis Ende seines Vertrags im Juni 2027 nichts ändern; auch werde er den Klub nicht freiwillig verlassen. Diese Aussagen setzten Ratcliffe & Co. vor die Wahl, Amorim entweder me­h­r Mitsprachrecht zu gewä­hren oder ihn, wie nun an diesem Montagvormittag geschehen, aus dem Klub zu komplimentieren.

In der Presseerklärung ließ Manchester United beinahe vielsagend verlauten, dass Amorim seinen Posten als „Head Coach“ verlassen habe. Der Verein hatte offenbar grundsätzlich Interesse daran, weiterhin mit dem 40-Jährigen zusammenzuarbeiten, für den eine festgelegte Ablöse von zehn Millionen Euro an Sporting Lissabon fällig war. Der Beschluss sei nämlich „schweren Herzens“ gefallen, hieß es in dem Schreiben. Derzeit steht das Team auf dem sechsten Platz in der Premier League, drei Punkte hinter Rang vier, der zur Champions League führt. Ziel ist die internationale Rückkehr, nachdem United im vergangenen Jahr mit Platz 15 die schlechteste Spielzeit seit dem Abstieg vor 52 Jahren erlebt hatte. Dieses Abschneiden ist jedoch kaum Amorim anzulasten, der den schlechtesten Punkteschnitt aller United-Trainer in der Premier League aufweist: Er übernahm von seinem Vorgänger Erik ten Hag eine Elf, die de facto einem Trümmerhaufen glich.

Um die Mannschaft neu zu strukturieren, leitete United vor der Saison einen Umbruch ein. Der Verein trennte sich von mehreren teuren Spielern und investierte im Gegenzug eine Viertelmilliarde Euro in eine Mischung aus vielversprechenden Talenten und bereits in der Premier League etablierten Akteuren. Der Plan zeigte Wirkung: Unter Amorim wirkte United gefestigt, verlor nur zwei der letzten 14 Ligaspiele und erzielte die drittmeisten Tore. Ein wesentlicher Faktor für den Aufschwung war, dass Amorim Disziplin, Autorität und klare Abläufe zurückbrachte, indem er konsequent auf seine bevorzugte 3-4-3-Formation setzte. Doch das Festhalten an dieser Taktik geriet nach Niederlagen immer wieder in den Fokus der öffentlichen Diskussion – auch, weil sie keinen Platz für das vereinseigene Mittelfeldtalent Kobbie Mainoo ließ.

Selbst der „Papst“ könne ihn nicht von seinen Überzeugungen abbringen, sagte Amorim mal zu seinem Vorgehen. Mit solchen Aussagen, die typisch für Amorim sind, tat er sich im aufgeregten Vereinsumfeld allerdings keinen Gefallen. In Manchester tauchte sogar spöttisch ein Bus auf, der auf der „343“-Route fuhr und mit dem Spruch lackiert war: „The only 343 that works in Manchester“ – das einzige „343“, das in Manchester funktioniert. Erst an Weihnachten, als wichtige Spieler wegen des laufenden Afrika Cups fehlten und eine Dreierkette in der Abwehr praktisch nicht mehr umsetzbar war, stellte er erstmals auf Viererkette um. Die Änderung kündigte er indirekt mit einem Seitenhieb an die Vereinsführung an: „Für ein perfektes 3-4-3 müssen wir viel Geld ausgeben und brauchen Zeit. Ich beginne zu verstehen, dass dies nicht passieren wird.“ Kurz darauf wiederholte er seine Unzufriedenheit, auch im Hinblick auf mögliche Zugänge im Januar, wobei dem Verein dafür nach den hohen Investitionen im Sommer das nötige Geld fehlen könnte. Amorim sagte spitz, der Scouting-Bereich und Sportdirektor Jason Wilcox müssten „ihren Job“ machen.

Das Verhältnis zwischen Amorim und seinem Vorgesetzten Wilcox, der wiederum an CEO Berrada berichtet, galt als stark belastet. Berichten zufolge soll Wilcox in persönlichen Gesprächen mehr Flexibilität in den Aufstellungen gefordert haben. In einem Meeting am vergangenen Freitag kam es offenbar zum endgültigen Bruch. Dies wird auch durch eine scharfe Bemerkung von Amorim nach dem Leeds-Spiel untermauert. „Wenn die Leute nicht mit den Gary Nevilles und der Kritik an allem umgehen können, müssen wir den Verein ändern“, sagte er. Der frühere United-Kapitän und einflussreiche Sky-Experte Neville hatte sich wie weite Teile der englischen Fußballöffentlichkeit wiederholt über die Taktik des Trainers ausgelassen und Umstellungen gefordert.

Die Freistellung Amorims stellt eine deutliche Manifestation der neuen Hierarchie im Verein dar. Seit Ratcliffes Mitwirken schreckt United nicht zurück, harte Entscheidungen zu treffen. Vor Amorim erwies sich die Verpflichtung des Sportdirektors Dan Ashworth als großes Missverständnis. Er war von Ratcliffe als Wunschlösung für den Posten im Sommer 2024 von Newcastle United geholt worden, wurde jedoch bereits nach einer halben Saison wieder entlassen. Nachdem Amorim über seinen Rauswurf informiert wurde, zeigte er sich gut gelaunt mit seiner Frau bei einem Schneespaziergang in Manchester.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern übergibt Amorim eine intakte, aufstrebende Mannschaft. Für das Auswärtsspiel in Burnley am Mittwoch übernimmt Darren Fletcher, Ex-United-Spieler und aktueller U18-Trainer des Klubs. Zu dessen Stellenbeschreibung machte Manchester United keine Angaben.

Keep on reading

Am Ball bleiben