WM-Qualifikation von Curaçao
Kleinster WM-Teilnehmer aller Zeiten
23. Nov. 2025, 16:42 Uhr

Curaçao hat nur 150 000 Einwohner und eine Fläche von 444 Quadratkilometer, nimmt aber im nächsten Sommer trotzdem an der WM teil. Möglich machte den Erfolg Trainerlegende Dick Advocaat – und viele Spieler mit niederländischem Hintergrund.
Bislang war Curaçao der Welt vor allem als Ferienparadies ein Begriff. Die rund 60 Kilometer vor der Küste Venezuelas im Karibischen Meer gelegene Insel lockt mit weissen Sandstränden, malerischen Felsküsten, farbenprächtiger Unterwasserwelt, ganzjährig sommerlichen Temperaturen – und einem sehr bekannten Orangenlikör. Gemeinsam mit den Nachbarstaaten Aruba und Bonaire bildet sie die sogenannten ABC-Inseln.
Doch mit Ruhe und Erholung ist es auf Curaçao vorerst vorbei. Das bis zur Auflösung der Niederländischen Antillen zu deren Verbund gehörende und seit Oktober 2010 politisch eigenständige Land innerhalb des Königreichs der Niederlande hat sich am Dienstagabend – entgegen fast allen Erwartungen – erstmals für eine Fussball-Weltmeisterschaft qualifiziert.
Curaçao wird bei der WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko einer von vier Debütanten sein, neben Kap Verde, Usbekistan und Jordanien – und als kleinste Nation überhaupt in der Geschichte der Endrunde teilnehmen, sowohl territorial als auch bevölkerungsmässig.
Die Karibikinsel misst nur 444 Quadratkilometer, bei einer maximalen Länge von 65 und einer Breite von 15 Kilometern. Zudem zählt sie lediglich ungefähr 150 000 Einwohner – etwa so viele wie Lausanne. Damit verdrängt sie die vulkanische Inselgruppe Kap Verde vor Afrikas Westküste als Rekordhalter hinsichtlich der kleinsten Gesamtfläche und Island, das bei der WM 2018 seinen Einstand feierte, als Land mit den bislang wenigsten Einwohnern.
Für den Überraschungscoup reichte Curaçao am letzten Spieltag der Qualifikation des nord- und zentralamerikanischen sowie karibischen Kontinentalverbands (Concacaf) ein 0:0 beim direkten Verfolger Jamaica, um mit einem Punkt Vorsprung den Gruppensieg und damit die direkte WM-Teilnahme zu sichern.
Zusätzlich zu den automatisch qualifizierten Gastgeberländern haben sich aus dieser Konföderation auch Haiti und Panama durchgesetzt; das von Usain Bolt im Stadion live unterstützte Jamaica – dessen englischer Trainer Steve McClaren nach dem Match von seinem Posten zurücktrat – sowie Surinam müssen im März in die internationalen Play-offs.
Nach dem Abpfiff brach sich in Anlehnung an den Spitznamen der Nationalmannschaft Curaçaos, «The Blue Wave», eine blaue Welle auf dem Platz Bahn. Die Spieler liessen sich in ihren blauen Trikots auf den Rasen fallen, während Ersatzspieler, Trainer und Betreuer von aussen herbeistürmten. Zuvor hatte das Team stoisch verteidigt; drei Mal rettete Pfosten oder Latte, und in der Nachspielzeit wurde ein strittiger Elfmeter für Jamaica nach Überprüfung der Videobilder wieder zurückgenommen.
Zwar profitierte die Nationalelf des niederländischen Trainerveteranen Dick Advocaat, der aus privaten Gründen dem Spiel fernbleiben musste und es mitten in der Nacht vor dem TV in der Heimat verfolgte, von der Aufstockung des Teilnehmerfelds. Doch allein darauf lässt sich der Erfolg nicht reduzieren.
Die Mannschaft blieb in allen zehn Qualifikationsspielen ungeschlagen, holte sieben Siege und rückte in der Fifa-Weltrangliste dadurch auf Rang 82 vor – vor einem Jahrzehnt lag man noch weit ausserhalb der Top 100. Bei der fussballerischen Entwicklung profitierte Curaçao in gewisser Weise indirekt von der eigenen Kolonialgeschichte: Zahlreiche in den Niederlanden aufgewachsene Spieler mit familiären Wurzeln in Curaçao entschieden sich in letzter Zeit für die Karibiknation.
So stehen zum Beispiel sieben Akteure im Kader, die einst entweder in der Jugend oder bei den Profis für den niederländischen Meister PSV Eindhoven spielten oder es noch immer tun. Fünf von ihnen bildeten gegen Jamaica das Gerüst der Startelf – unter ihnen der im niederländischen Breda geborene Livano Comencia, seit dieser Saison beim FC Zürich: Er hat nahezu die gesamte PSV-Fussballschule durchlaufen.
«Wir fahren zur WM, das ist unglaublich», sagte Comenencia nach der Qualifikation. Für den 21 Jahre alten Mittelfeldspieler erfüllt sich der Lebenstraum von der Weltmeisterschaft wie für einige seiner Teamkollegen praktisch im Schnellverfahren. Während er als Junior stets für die Auswahlen der Niederlande auflief, dort aber angesichts der grossen Konkurrenz wohl kaum Perspektiven auf die A-Mannschaft sah, fasste er den Entschluss, für das Heimatland seiner Eltern an den Start zu gehen – also Curaçao.
Sein erstes Länderspiel für Curaçao bestritt er im Oktober 2024, nun fährt er aller Voraussicht nach in einem halben Jahr zur WM – und könnte dort bald Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo gegenüberstehen. Besonders freut er sich darauf, ins Panini-Album der WM aufgenommen zu werden, wie er zugibt. Auch weil viele Spieler einen ähnlichen Lebensweg haben, glaubt man ihm, wenn er über seine Mannschaft sagt: «Wir sind einfach eine Familie.»
Die Rolle des Herbergsvaters fällt gewissermassen dem Trainer Advocaat zu. Nach einer langen Laufbahn im Klub- und Nationalmannschaftsfussball übernahm er zu Jahresbeginn 2024 das Team. Schon damals erkannte der Routinier offenbar das Potenzial, mit technisch und taktisch weitgehend in Europa ausgebildeten Spielern eine Aussenseiterchance auf die WM zu haben – und überrumpelte damit namhafter besetzte Konkurrenz, deren Spitzenkräfte ebenfalls bei europäischen Vereinen unter Vertrag stehen.
Auch Advocaat hat sich nun wohl wie Curaçao auf absehbare Zeit einen kaum zu überbietenden Rekord gesichert: Er wird nächsten Sommer mit 78 Jahren der älteste Coach bei einer WM sein. Die bisherige Bestmarke hält Otto Rehhagel. Der Deutsche betreute Griechenland bei der WM 2010 in Südafrika mit 71 Jahren.
Auf dem Wikingerschiff dem Pokal entgegen
Die Sehnsucht war so groß wie das weite Meer. Nach 28 Jahren gelingt Norwegen wieder die Teilnahme an einer WM. Statt mit kompakter Defensive bestechen Haaland, Ödegaard und Co. mit berauschendem Offensivfußball. Als Wendepunkt sieht Experte Fjörtoft einen Transfer vor zehn Jahren.
