Schottland gelingt WM-Qualifikation

Es ließ sich Magie riechen

15. Dez. 2025, 16:30 Uhr

Ein magischer Abend im Hampden Park: Schottland qualifiziert sich dank eines Fallrückziehertreffers von Scott McTominay erstmals seit 28 Jahren für die WM. (Foto: Jamie Johnston / Focus Images / Imago Images)
Ein magischer Abend im Hampden Park: Schottland qualifiziert sich dank eines Fallrückziehertreffers von Scott McTominay erstmals seit 28 Jahren für die WM. (Foto: Jamie Johnston / Focus Images / Imago Images)

Das Ende einer 28 Jahre langen Tragödie: Dank vier absoluten Traumtoren gegen Dänemark gelingt Schottland die Qualifikation für die WM. Das ganze Land rastet aus, ungläubig und überwältigt.

Von Sven Haist, Glasgow

Den schottischen Fans erging es wie ihrem Regierungschef John Swinney. Der Politiker der Scottish National Party schrieb nach dem wohl spektakulärsten Länderspiel in der mehr als 150 Jahre langen Fußballgeschichte des Landes auf der Plattform X, dass es eine „absolute Freude“ gewesen sei, im Glasgower Hampden Park live dabei gewesen zu sein. Dazu veröffentlichte Swinney ein selbst aufgenommenes Video, das die Atmosphäre im Stadion nach Spielende einfängt. Zu sehen ist, wie sich die schottischen Anhänger auf den Tribünen in den Armen liegen – ekstatisch, ungläubig, überwältigt. Ganz wie Trainer Steve Clarke und seine Spieler auf dem Rasen. Selbst eine Viertelstunde nach Abpfiff befanden sich noch immer fast alle Zuschauer im Stadion: „Sie konnten Magie riechen“, sagte Clarke.

Landesweit feierte die Bevölkerung eine selbst für schottische Verhältnisse außergewöhnliche Party bis tief in die Nacht. Seit der WM 1998 hatte Schottland, einst zwischen 1974 und 1990 Dauergast bei Weltmeisterschaften, nach einer Rückkehr auf die Weltbühne gedürstet. Zwar müssen sich andere Nationen noch länger gedulden, doch keine andere verfügt über derart tiefe Wurzeln im Fußball wie die Schotten.

Entsprechend fühlten sich die 10 010 Tage seit dem letzten Vorrundenaus 1998 in Frankreich für viele Landsleute an wie 10 010 Jahre. Aber das Warten – darin waren sich am Dienstagabend alle einig – hat sich gelohnt. Die Qualifikation für die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko bescherte der Tartan Army, so die selbst gewählte Bezeichnung für die Fans der Bravehearts unter den fünf Millionen Einwohnern des Landes, Emotionen und Erinnerungen von unerwarteter Intensität. Und vier Tore von umwerfender Schönheit: ein astreiner Fallrückzieher von Scott McTominay, eine nur minimal von Lawrence Shankland abgefälschte direkt verwandelte Ecke von Lewis Ferguson, ein Schlenzschuss von Kieran Tierney sowie, unmittelbar vor dem Abpfiff, ein Treffer von der Mittellinie durch Kenny McLean. Das daraus resultierende 4:2 (1:0) gegen Dänemark, ein Spiel mit Höhen und Tiefen wie Schottlands Hügelland, bugsierte das Team am letzten Spieltag der Gruppe C auf Platz eins und damit direkt zur WM. Die ursprünglich favorisierten Dänen müssen als Gruppenzweite in die europäischen Playoffs im März.

Auf der Ehrenrunde fiel der Druck von den Schotten spürbar ab. Zu Partysongs posierten die Spieler mit der Nationalflagge und streiften Shirts über, auf denen stand: „We’ll be coming, WC 26“, eine Anspielung auf einen bekannten Schlachtgesang. Nun macht sich die Tartan Army im kommenden Sommer tatsächlich auf den Weg nach Nordamerika. Im Interview auf dem Rasen rang Kapitän Andrew Robertson, Champions-League-Sieger mit dem FC Liverpool, mit den Tränen. Er könne es kaum glauben, zu einer WM zu fahren, stammelte er.

Für ihn war es möglicherweise die letzte Chance, sich diesen Karrieretraum zu erfüllen – Robertson wird bald 32 Jahre alt. Schon vor Anpfiff sei er „völlig fertig“ gewesen, auch weil er immer wieder an seinen im Sommer verstorbenen portugiesischen Liverpool-Mitspieler Diogo Jota habe denken müssen. Sie wollten 2026 gemeinsam ihre jeweils erste WM erleben. Nun sei er sicher, dass Jota zumindest „irgendwo über ihm lächle“, sagte Robertson.

Zwischendurch drohte der Linksverteidiger zur tragischen Figur zu werden. Ungeschickt verursachte der Routinier in der 57. Minute an der Strafraumkante einen auf VAR-Intervention verhängten Elfmeter, den Rasmus Höjlund zum 1:1 verwandelte. Ein Remis hätte den Dänen gereicht. Insgesamt wechselte der Vorteil während des Matches fünf Mal: Beim Anpfiff lagen die Dänen vorn, dann Schottland durch McTominays Zaubertreffer, dessen Flugeinlage den BBC-Reporter an den Basketballer Michael „Air“ Jordan erinnerte, danach wieder die Dänen. Keines der Teams fand die Nerven, die Partie zu kontrollieren. Als die Verzweiflung bei den spielerisch unterlegenen Gastgebern wuchs, weil sie ein weiteres Tor benötigten, flog der Däne Rasmus Kristensen nach wiederholtem Foulspiel mit Gelb-Rot vom Platz (61.). Schottland nutzte die Überzahl zum 2:1 (78.).

Nur zwölf Minuten fehlten bis zur Erlösung vom WM-Fluch, doch erneut folgte ein Rückschlag: Dänemarks Patrick Dorgu erzielte nach einem Abpraller im Strafraum das 2:2 (82.). In diesem Moment, das gab Robertson zu, habe man „das Land durch die Hölle geschickt“. Es drohte wieder eine klassisch-schottische Tragödie, bei der sich das Nationalteam kurz vor dem Ziel selbst im Weg steht. Die Minuten schmolzen dahin wie die Schneefelder in den Highlands, die Spieler wurden hektisch, die Fans unruhig – bis sich das Glück auf die Seite der Schotten schlug.

In der dritten Minute der Nachspielzeit traf Dänemarks Morten Hjulmand bei einem Klärungsversuch am Strafraum den Ball nicht richtig und legte ihn unfreiwillig in den Lauf von Tierney. Der frühere Arsenal-Verteidiger, inzwischen bei Celtic Glasgow, schlenzte den Ball präzise an mehreren Spielern vorbei und unhaltbar für Torwart Kasper Schmeichel unten ins Eck. Tierney sprintete jubelnd zur Seitenlinie – und der sonst so zurückhaltende Trainer Clarke ihm entgegen. Er hatte den Linksfuß aus Mangel an Alternativen auf der ungewohnten rechten Seite eingewechselt.

Die Schotten mussten bange Restminuten überstehen, mehrmals flog der Ball gefährlich vors eigene Tor. Nach dem letzten abgefangenen Angriff der Dänen leitete McLean die finale Aktion ein, vier Schotten gegen zwei Dänen. Statt abzuspielen, schoss er selbst – aus mehr als 50 Metern. Der Ball flog und flog und flog über Schmeichel hinweg ins Tor! „Fitba ae!“, wie die Schotten sagen: Fußball halt.

„Wir geben niemals auf, wir machen einfach weiter bis zum Schluss“, würdigte Robertson den Charakter der Mannschaft. Die Enttäuschungen der Vergangenheit haben das Team offensichtlich gestählt. Die Spieler haben gelernt, Widrigkeiten wegzustecken – und nie den Glauben zu verlieren. Die Basis dafür legten die EM-Teilnahmen 2021 und 2024; leichter zu erreichen zwar als eine WM, aber dennoch wegweisend. Wesentlichen Anteil daran hat das besonnene Taktieren von Trainer Clarke, 62, der sein Handwerk als Assistent von José Mourinho beim FC Chelsea gelernt hat. Er hielt konsequent am bewährten Kader fest, stärkte so das Kollektiv und ist nun mit drei Turnier-Qualifikationen der erfolgreichste Trainer des Landes.All dies erschien so unwirklich, dass die BBC im Spielbericht an gleich drei Stellen betonte, es handle sich wirklich nicht um einen Traum. Damit auch niemand aus dem Hampden Park auf der Heimreise ins Grübeln geriet, erwartete die Fans an der nahe gelegenen Zugstation Mount Florida ein besonderer Text auf der Anzeigetafel. Anstelle der Zugverbindungen stand auf dem Monitor: „Besonderer Hinweis: No Scotland, no Party! Viel Glück bei der WM 2026.“

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