Eberechi Eze und Michael Olise

Die heimtückischen Zwillinge

25. Nov. 2025, 17:51 Uhr

In gewisser Weise ist es fast schade, dass die einstigen Mitspieler Eberechi Eze und Michael Olise bei ihrem Wiedersehen nicht miteinander, sondern gegeneinander spielen. (Foto: Jacques Feeney / Offside / Imago Images)
In gewisser Weise ist es fast schade, dass die einstigen Mitspieler Eberechi Eze und Michael Olise bei ihrem Wiedersehen nicht miteinander, sondern gegeneinander spielen. (Foto: Jacques Feeney / Offside / Imago Images)

Die Fußballkumpels Eberechi Eze und Michael Olise stehen sinnbildlich für die starke Form des FC Arsenal und von Bayern München. Am Mittwoch kommt es nun zum Wiedersehen der einstigen Flügelzange von Crystal Palace.

Von Sven Haist, London

Die Leistung, die Michael Olise am vergangenen Wochenende ablieferte, schien für seinen langjährigen Fußballkumpel Eberechi Eze kaum noch zu übertreffen. Drei Jahre lang bildeten die beiden Offensivspieler bei Crystal Palace in der Premier League ein beeindruckendes Gespann, bevor sich ihre Wege trennten: Olise wechselte im Sommer 2024 über seine Ausstiegsklausel für 53 Millionen Euro zum FC Bayern, Eze ein Jahr später für 69 Millionen Euro zum FC Arsenal. Am Samstag gelangen Olise bekanntlich zwei Tore und drei Vorlagen beim Münchner Heimsieg gegen Freiburg. Doch am Tag darauf setzte sein ehemaliger Mitspieler im Nord-London-Derby tatsächlich noch einen drauf: Eze erzielte gegen Tottenham Hotspur einen historischen Dreierpack – den ersten überhaupt in diesem prestigeträchtigen Premier-League-Duell. Am Mittwochabend kommt es nun zum ersten Wiedersehen der beiden, in der Ligaphase der Champions League empfängt der Tabellenzweite Arsenal den Tabellenführer Bayern.

Beide Vereine marschieren in Deutschland und England nahezu im Gleichschritt durch ihre Ligen. Ihre Bilanzen sind zu diesem Zeitpunkt der Saison fast identisch: Auf Bayerns 6:2 folgte Arsenals 4:1, womit auch die Londoner wie die Münchner ihren Wettbewerb mit sechs Punkten Vorsprung anführen. Gleiches gilt für die Champions League, in die beide Teams ebenfalls mit vier Siegen aus vier Spielen gestartet sind. Der einzig markante Unterschied zwischen diesen derzeit formstärksten Mannschaften Europas lässt sich darin ausmachen, dass der FC Bayern die beste Offensive, der FC Arsenal die beste Defensive stellt: Vincent Kompanys Team gelangen 64 Tore in 18 Pflichtspielen, während Mikel Artetas Elf in ebenso vielen Partien nur sechs Gegentreffer hinnehmen musste – zwei in dieser Saison im europäischen Spitzenfußball unübertroffene Werte.

Stellvertretend für die Ausnahmeform ihrer Klubs stehen die Freunde Eze, 27 und Olise, 23. Beide haben den Offensivabteilungen ihrer Mannschaften neuen Schwung verliehen und in ihren Vereinen eine spürbare Euphorie ausgelöst. Eze umgebe, so Arteta, sowohl eine besondere Aura als auch eine Magie, die seinem Team zuvor gefehlt habe. Beides war im Stadion gegen Tottenham zu spüren, als der Engländer nach dem 1:0 durch Leandro Trossard (36. Minute) eine Gala folgen ließ (41./46./ 76.) – unterbrochen nur von Richarlisons Geniestreich, der den aufgerückten Arsenal-Torhüter David Raya aus mehr als 40 Metern mit einem Lupfer überwand.

Alle drei Eze-Treffer fielen in ähnlicher Weise und waren dennoch kaum zu verteidigen. Eze, der derzeit den verletzten Kapitän Martin Ödegaard als Spielmacher der Gunners vertritt, nahm den Ball jeweils zentral an der Strafraumgrenze an, legte ihn sich mit technisch grazilen Bewegungen auf engem Raum an den Verteidigern vorbei und schloss unwiderstehlich ab – zweimal mit rechts, einmal mit links. Solche Aktionen seien überhaupt nur möglich, wenn Spieler über besondere Hingabe und Fähigkeiten verfügten, analysierte Arteta. Auf nahezu identische Art hatte Olise seine beiden Tore gegen Freiburg erzielt – als Linksfuß jeweils mit links. „Was soll ich sagen?“, fragte Kompany, der seine Antwort auf die Qualität des Franzosen bereits Wochen zuvor gegeben hatte: Olise sei auf dem Weg zum Superstar. Gleiches ließe sich über Eze formulieren, der momentan ebenfalls dabei ist, sich international einen Namen zu machen. Auch deshalb steht Arsenal gegen Bayern so sehr im Zeichen dieser beiden.

Eze und Olise verbindet nicht nur ihre Spielanlage, sondern auch ein vergleichbarer beruflicher Werdegang. Beide begannen in den Nachwuchsabteilungen großer Londoner Klubs und wählten diese gewissermaßen gemäß ihren Wohnorten aus: Eze, aus dem östlichen Greenwich stammend, spielte einst bereits für Arsenal; Olise, aufgewachsen in White City im Westen, für Chelsea. Durchsetzen konnten sie sich dort aus unterschiedlichen Gründen nicht und wechselten zu unterklassigen Vereinen: Eze blieb in London und ging zu den Queens Park Rangers, Olise schloss sich dem Vorstadtklub Reading an. Dort gelang beiden nach Jahren in den Akademien der Durchbruch bei den Profis. Einmal, am Boxing Day 2019, standen sie sich sogar gegenüber – für sechs Minuten in der zweitklassigen Championship, nachdem der jüngere Olise spät für Reading eingewechselt worden war.

Anderthalb Jahre später kam es zum Zusammenschluss beim unscheinbaren Klub Crystal Palace, das erst Eze (2020) und eine Saison später Olise verpflichtete. Dahinter stand Sportdirektor Dougie Freedman, heute in Saudi-Arabien tätig, der als Architekt der heutigen Palace-Mannschaft von Trainer Oliver Glasner gilt. Freedman wurde früh auf das Potenzial der beiden aufmerksam, die fortan die Flügelzange des Vereins bildeten: Eze links, Olise rechts. „Treacherous twins“, die heimtückischen Zwillinge, wurden sie liebevoll genannt – weil sie mit ihren Tricks und Toren Woche für Woche gegnerische Abwehrreihen durcheinanderwirbelten und Palace praktisch im Alleingang beständig in der Premier League hielten. Ihr Potenzial erkannte im Februar 2024 auch Glasner, der unter anderem ihretwegen bei Palace zusagte. Der Österreicher war überzeugt, um sie herum eine schlagkräftige Mannschaft formen zu können. Genau das trat ein: In den verbliebenen Saisonwochen unterstrichen beide damals ihr Können nochmals eindrucksvoll, woraufhin die Bayern Olise verpflichteten. Eze blieb noch eine Saison und holte mit Palace sensationell den FA Cup. Weil der Klub derzeit nur neun Punkte hinter Arsenal liegt, vertreten nicht wenige die Ansicht, Palace hätte mit beiden im Kader um die Meisterschaft mitspielen können.

Dass beide trotz ihrer Abgänge bei Palace nach wie vor hoch angesehen sind und auch menschlich bei ihren neuen Vereinen sofort bestachen, zeugt von ihrem Charakter. Sie verfügen über eine sehr professionelle Arbeitseinstellung, die sich auch in Fleiß und Teamfähigkeit ausdrückt. Arteta berichtete, er habe Eze nach den jüngsten Länderspielen zwei freie Tage gewährt, doch dieser sei umgehend auf den Trainingsplatz zurückgekehrt, um sich auf Tottenham vorzubereiten. „Alles geschieht aus einem bestimmten Grund“, sagte der Trainer nun nach Ezes Dreierpack. Auffällig ist zudem ihre wohltuende Distanz zur Glitzerwelt des Profifußballs. Aufgrund ihrer Rückschläge als junge Spieler, obwohl ihr Talent schon damals kaum zu übersehen war, haben sie offenbar eine eigene Sicht auf die Branche entwickelt. Markige Sätze sind von den beiden, die selten Interviews geben, bisher keine zu hören. Sie lassen ihr Spiel sprechen. In gewisser Weise ist es fast schade, dass Eze und Olise bei ihrem Wiedersehen am Mittwoch nicht miteinander, sondern gegeneinander spielen.

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