FC Arsenal schlägt Bayern
Der internationale Maßstab
03. Dez. 2025, 18:05 Uhr

Vielseitige Spielanlage, erstklassig einstudierte ruhende Bälle – und ein überragender Declan Rice: Beim 3:1 gegen den FC Bayern zeigt Arsenal eindrucksvoll, weshalb die Mannschaft in diesem Jahr sowohl in England als auch in Europa zu den heißesten Anwärtern auf große Titel zählt.
Obwohl das Spiel längst zugunsten des FC Arsenal entschieden war, hörte Mikel Arteta nicht auf, sein Team mit unverminderter Vehemenz zu coachen. Die Detailversessenheit des Basken bezeichnete sein Trainerkollege Vincent Kompany vor dem Gastspiel des FC Bayern in London als „Unerbittlichkeit“. Diese Eigenschaft habe Arteta am stärksten aus seiner Zeit als Assistent Pep Guardiolas bei Manchester City mitgenommen, glaubt Kompany, der damals unter beiden gespielt hatte. Trotz zahlreicher Rückschläge sei Arteta kontinuierlich besser geworden. Tatsächlich gelang es Arteta in seiner knapp sechsjährigen Amtszeit, aus dem ewigen Titelaspiranten Arsenal einen Titelfavoriten zu formen. In dieser Spielzeit wirken die Gunners bereit für den ganz großen Triumph – national wie international.
Dieser Eindruck bestätigte sich beim 3:1 gegen die Bayern, bei dem Arsenal seine bestechende Form eindrucksvoll demonstrierte. Die Mannschaft ist seit 16 Pflichtspielen ungeschlagen und führt nun sowohl die Premier League als auch die Champions League an. Bereits ein weiterer Sieg in der Königsklasse würde den vorzeitigen Einzug ins Achtelfinale sichern. Arteta pries die „exzellente Vorstellung“ seiner Spieler sowie deren Konstanz und die Energie der Zuschauer im Stadion. Der Sieg werde das eigene Selbstvertrauen nur noch weiter stärken, sagte er.
Der Spielverlauf illustrierte die Entwicklung von Arsenal. Die erste halbe Stunde erinnerte noch an das Viertelfinalhinspiel vor anderthalb Jahren – Arsenal ging früh in Führung, vergab Chancen und kassierte den Ausgleich. Doch im Gegensatz zu damals, als das Team sogar in Rückstand geriet und erst spät ein Unentschieden rettete, verlor Arsenal diesmal nach dem Ausgleichstreffer zum 1:1 in der 32. Minute nie die Kontrolle. Alle drei Tore folgten den typischen Angriffsmustern der Mannschaft: Jurriën Timber traf nach einstudierter Ecke (22.), Noni Madueke nach einer Balleroberung in der gegnerischen Spielhälfte (69.) und Gabriel Martinelli nach einem Konter (77.). Ein Treffer nach einer Ballstafette fehlte, dafür bot der stets weit aufrückende Spielstil der Münchner Abwehr kaum Gelegenheit.
Die Art der Tore verkörpert die hohe Flexibilität der Gunners. Artetas Arsenal sei „womöglich die rundum kompletteste Mannschaft Europas in jeder Spielphase“, lobte Kompany: „Sie sind der Maßstab für viele, viele Dinge.“ Die Londoner bilden praktisch ein Gegenmodell zur One-size-fits-all-Strategie von Kompanys Bayern: Während diese stets denselben Fußball spielen, unabhängig vom Gegner, passt sich Arsenal bewusst den Stärken und Schwächen des jeweiligen Kontrahenten an. Dieses Vorgehen entspricht sowohl Artetas Überzeugungen als auch der spezifischen Situation seines Vereins. Um in der englischen Meisterschaft an Manchester City und dem FC Liverpool vorbeizuziehen, die beide grundlegend unterschiedliche Spielstile pflegen, erfordert es in den direkten Duellen verschiedene Herangehensweisen – Arsenal beherrscht sie inzwischen fast alle gleich gut.
Ferner setzte Arteta zwei eigene markante Trends. Früher als andere ließ er zum einen unter Führung seines deutsch-französischen Assistenten Nicolas Jover die Ausführung von Ecken, Freistößen und Einwürfen bis ins Detail trainieren. Dabei ist nicht nur jeder Laufweg, sondern auch jeder Körperkontakt exakt vorgegeben. Gegen die Bayern brachte Cristhian Mosquera mit einem scheinbar zufälligen kleinen Rempler Torwart Manuel Neuer entscheidend aus der Balance – von hinten, sodass Neuer ihn nicht sehen konnte, und noch bevor der Ball in unmittelbarer Nähe war, da der Schiedsrichter sonst eher geneigt gewesen wäre, die Aktion als Foul abzupfeifen. Die Varianten sind so perfektioniert und vielfältig, dass sich ein Gegner in der Woche vor dem Spiel nicht ausreichend darauf vorbereiten kann. Diese Präzision ist das Ergebnis jahrelanger Aufbauarbeit: Jover kam vor mehr als vier Jahren zu Arsenal. In dieser Saison hat Arsenal nun 17 Tore nach Standards erzielt, zehn davon nach Ecken – beides europaweit Bestmarken.
Zum anderen verfügt Arsenal über eine außergewöhnliche Kaderbreite. Als die Gunners zuletzt dreimal nacheinander Ligazweiter wurden, fehlte es am Ende jeweils wegen zahlreicher Verletzungen an Substanz. Mit massiven Transferinvestitionen (635 Millionen Euro seit Sommer 2023) hat sich der Klub mittlerweile eine derart tiefe Personaldecke geschaffen, dass selbst Ausfälle von vier Schlüsselspielern (Kai Havertz, Gabriel Jesus, Viktor Gyökeres, Gabriel Magalhães) sowie die frühe Auswechslung des angeschlagenen Leandro Trossard gegen Bayern nahezu problemlos kompensiert werden konnten. Zudem kehrten die eingewechselten Martin Ödegaard und Madueke gerade erst aus längeren Zwangspausen zurück.
Ein weiteres Plus in diesem Bereich ist die Vielseitigkeit einzelner Spieler, allen voran Declan Rice. Der englische Nationalspieler kann im Prinzip alle Rollen im Mittelfeld übernehmen: Abräumer, Stabilisator, Antreiber sowie Standardschütze. Seine Präsenz machte gegen den FC Bayern einen maßgeblichen Unterschied; er steht für die physische Robustheit und Belastbarkeit seines Teams. Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel, der im Stadion saß, wollte ihn einst unbedingt als Autorität im Zentrum nach München holen – gescheitert ist der Transfer an der Ablöse (120 Millionen) und wohl auch an unterschiedlichen Auffassungen über die Notwendigkeit.
Der Prestigesieg gegen die Bayern, die traditionell zu den Angstgegnern Arsenals zählen, könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Verein sein schlechtes Karma überwinden kann. Kompany ist sich sicher, dass sein Kollege Arteta „irgendwann Titel gewinnen wird“. Und Arteta dachte in der Schlussphase des Spiels an die dafür gute Chance in der Premier League: Er wechselte einige seiner wichtigsten Spieler aus – um sie für das Ligaspiel gegen den direkten Verfolger Chelsea am Sonntag zu schonen.


