FC Arsenal
Die Zugabe vermasselt
03. Dez. 2025, 17:50 Uhr

Tottenham geschlagen, die Bayern bezwungen: Doch beim 2:2 gegen Chelsea lässt der FC Arsenal eine hervorragende Gelegenheit ungenutzt, den Vorsprung in der Tabellen auszubauen. In einem hitzigen Derby spielte Arsenal lange in Überzahl – weil Chelsea die Nerven verlor.
London – „Timbeeeeer – geh aus dem Weg!”, rief Daniel Sturridge im Sky-Studio. So hätte sich seiner Meinung nach Arsenals Angreifer Viktor Gyökeres in der letzten Aktion des Spitzenspiels beim Londoner Erzrivalen Chelsea verhalten sollen. Doch der Schwede, den Sturridges Expertenkollege Theo Walcott für eine solche Aufforderung als „viel zu nett“ bezeichnete, reagierte offenbar nicht auf seinen direkt vor ihm postierten Mitspieler Jurriën Timber. Dabei befand sich Gyökeres bei der hohen Flanke von der linken Seite in der eindeutig besseren Position im Strafraum. Der Stürmer führte zwar die technisch korrekte Kopfballbewegung für das mögliche Siegtor in der vierten Minute der Nachspielzeit aus – nur ohne den Ball zu treffen. Denn Timber, der gerade erst gegen den FC Bayern die Führung per Kopf erzielt hatte, verlängerte den Ball minimal mit dem Scheitel über Gyökeres hinweg.
Dieses Missverständnis führte dazu, dass die Partie zwischen Chelsea und Arsenal am Sonntagabend an der Stamford Bridge wie schon im Vorjahr 1:1 endete. Auch damals hatte Arsenal kurz vor dem Abpfiff auf eher unglückliche Weise die Chance auf drei Punkte vergeben, als Leandro Trossard den Ball mit der Fußspitze so abfälschte, dass der hinter ihm einschussbereite Kai Havertz daneben grätschte. Frustriert warf sich Trainer Mikel Arteta seinerzeit auf den Boden und schlug mit der Hand auf den Rasen – diesmal hielt er die Arme an seinen Hinterkopf und verzog das Gesicht.
Durch den verpassten Sieg vermasselte der FC Arsenal gewissermaßen die Zugabe nach den Erfolgen über Tottenham und Bayern in der vergangenen Woche und ließ die Gelegenheit ungenutzt, weiter davonzuziehen. Der Abstand zum FC Chelsea bleibt bei sechs Punkten, der neue Zweite Manchester City ist auf fünf Punkte herangerückt. Angesichts der Gegner sei es eine „sehr positive Woche“ gewesen, resümierte Arteta. Trotzdem habe er das schmerzliche Gefühl, dass „wir heute hätten gewinnen sollen und können, aber dies nicht geschafft haben. Dabei zielte der Coach darauf ab, dass seine Elf ab Minute 38 in Überzahl agierte, nachdem Chelseas Moisés Caicedo nach einem gefährlichen Tritt auf das Sprunggelenk von Mikel Merino nach Eingriff des Videoschiedsrichters die rote Karte erhalten hatte – ursprünglich hatte Hauptreferee Anthony Taylor nur Gelb gezeigt. Doch mehr als der Ausgleich durch Mikel Merino (59.) gelang Arsenal nicht. Elf Minuten zuvor war Trevoh Chalobah mit dem siebten Eckentor für Chelsea das 1:0 gelungen. Nur Arsenal ist in dieser Hinsicht besser.
Ein Platzverweis hatte sich bereits in den von beiden Mannschaften kompromisslos und mitunter rücksichtslos geführten Zweikämpfen angedeutet: Schon in der ersten Viertelstunde verhängte Taylor gleich drei Verwarnungen. Am Ende gab es neben der roten Karte insgesamt sieben gelbe, sechs davon für Arsenal. Manchmal schien es, als wollten die Gunners die aufgeheizte Stimmung im Stadion nutzen, um die Nerven der vielen jungen Chelsea-Spieler auf die Probe zu stellen – bis Caicedo schließlich über das Ziel hinausschoss.
Für den defensiven Mittelfeldspieler war es der erste Feldverweis in seiner Profilaufbahn; für Chelsea schon der vierte Platzverweis in dieser Premier-League-Saison – und das nach nur 13 Spieltagen. Hinzu kommen zwei weitere rote Karten aus anderen Wettbewerben und eine Hinausstellung für Trainer Enzo Maresca. Dabei traf es jedes Mal einen anderen Spieler. Seit der Spielzeit 2023/24 haben die Blues mehr gelbe (229) und rote Karten (zehn) kassiert als alle anderen Klubs in der Liga. Diese Bilanz ist das Ergebnis mehrerer Faktoren, insbesondere der resoluten Spielweise der Mannschaft. Unter dem leidenschaftlichen Maresca an der Seitenlinie sind die Blues bekannt für ihr hartnäckiges, enges Verteidigen am Mann, weil die daraus resultierenden Ballgewinne Konter eröffnen. Der Italiener wies seine Spieler nach dem Platzverweis an, sich „doppelt anzustrengen“.
Zusätzlich spielen die relative Unerfahrenheit des Teams sowie der hohe Druck und die Ambition, nach Jahren des Umbruchs wieder um große Titel mitzuspielen, eine Rolle. Daher mangelt es den Spielern gelegentlich an der nötigen Beherrschtheit, sie schätzen Spielsituation nicht immer richtig ein. Vergleichbares war in der Vorsaison bei Artetas Mannschaft zu beobachten, die sich in den ersten acht Ligaspielen gleich drei Platzverweise einhandelte – am Saisonende waren es deren sechs.
Nach dem London-Derby ging es in der Analyse der beiden Trainer ebenso intensiv weiter wie zuvor auf dem Platz. Es falle ihm schwer, die Verhältnismäßigkeit der Kartenverteilung nachvollziehen, kritisierte Maresca, und unterstellte den Unparteiischen, dass mit unterschiedlichem Maß gemessen wird. Zwar sei die rote Karte für Caicedo gerechtfertigt, gab er zu, aber sein Spieler Chalobah sei in der Halbzeit mit einem schwarzen Auge in der Kabine gesessen. Für Maresca war der Grund ein rotwürdiger Ellbogenschlag eines Gegenspielers. Doch der Referee habe lapidar gemeint, es sei kein Ellbogen gewesen, berichtete er. Sein Kontrahent beklagte hingegen, dass Chelsea gezielt versucht habe, alle gelb vorbelasteten Arsenal-Spieler „ins Visier zu nehmen“, um eine zahlenmäßige Gleichstellung zu erreichen. Vorsichtshalber wechselte Arteta die verwarnten Defensivakteure Martín Zubimendi und Riccardo Calafiori früh aus. Bisher kommen die Gunners noch ohne Platzverweis durch die Saison.
Die emotionale Balance des FC Arsenal hat sich in dieser Spielrunde bisher deutlich verbessert. Auch deshalb besitzen die Gunners nach einem Drittel der Saison eine gute Ausgangslage vor dem in England traditionell wichtigen Monat Dezember mit diesmal sechs Ligaspielen. Artetas Mannschaft gilt derzeit als Favorit auf den Titel auf der Insel – vorausgesetzt, die Spieler stehen sich nicht selbst im Weg.


