FC Arsenal erreicht Champions-League-Finale
Karneval im Lesesaal
12. Mai 2026, 17:25 Uhr

Von wegen „Library“: Der FC Arsenal sorgt mit dem Einzug ins Finale der Champions League gegen Atlético Madrid für einen Gefühlsrausch im eigenen Stadion. Der Grund für den Erfolg ist die beste Abwehr in Europa – auch die Arbeit eines deutschen Weltmeisters.
Die Spielstätte des FC Arsenal trägt seit den Zeiten des legendären Highbury-Stadions einen wenig schmeichelhaften Beinamen: „The Library“. So tauften gegnerische Fans hämisch die Arena im Norden Londons, weil die Atmosphäre bei Heimspielen der Gunners sie bisweilen an die Stille in einer Bibliothek erinnert. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens sind Tickets für Arsenal seit Jahren die teuersten in der Premier League, die günstigste Dauerkarte im Emirates Stadium für die kommende Saison kostet mehr als 1100 Euro – solche Preise können sich eher wohlhabende Besucher leisten als leidenschaftliche Fans. Zweitens hat sich seit dem ästhetischen One-Touch-Fußball unter Trainerlegende Arsène Wenger ein hoher Anspruch an die Spielweise der Mannschaft herausgebildet. Erfolge allein lösen nicht zwangsläufig Begeisterung aus – es muss auch „Scoring, Scoring Arsenal“ sein.
Am Dienstagabend jedoch hatte das Emirates Stadium mit einem stillen Lesesaal nichts gemein: Nach dem Abpfiff kam es zu einer Gefühlsexplosion, als wären sämtliche Champagnerflaschen gleichzeitig entkorkt worden. Zwanzig Jahre nach dem verlorenen Pariser Endspiel gegen den FC Barcelona steht Arsenal zum zweiten Mal in einem Champions-League-Finale, nach einem 1:0 gegen Atlético Madrid! Die Feierlichkeiten auf dem Rasen wie auf den Tribünen erinnerten an den brasilianischen Karneval. Er habe noch nie einen derartigen Lärm bei einem Heimspiel vernommen, lobte Mikel Arteta. Der Baske ist ein glaubwürdiger Ohrenzeuge: Von 2011 bis 2016 spielte er für den Verein, seit Dezember 2019 steht er den Gunners als Trainer vor.
Die Szenen wirkten wie eine verspätete Stadioneinweihung, denn einen gleichwertigen Erfolg hat Arsenals neue Arena seit dem Umzug aus dem Highbury im Sommer 2006 nicht erlebt. Seitdem gab es für den Verein neben vier zweiten Plätzen in der Premier League „nur“ vier FA-Cup-Titel zu bejubeln, jeweils errungen im neutralen Wembley. Dabei nahmen die Anhänger in Kauf, dass das Ergebnis im Halbfinalrückspiel lediglich durch einen Abstauber von Bukayo Saka (44. Minute) zustande kam. „One-Nil to the Arsenal“, sangen die Heimfans entrückt. Das Sprüchlein geht auf die Zeit unter George Graham in den Neunzigern zurück, als der Schotte den Gunners einen stoischen Sicherheitsfußball auferlegte.
Davon ist das heutige Arsenal weit entfernt, obschon die schier unüberwindbare Abwehr ebenfalls zum Kennzeichen geworden ist. Artetas Mannschaft hat auf dem Weg ins Finale lediglich sechs Gegentore kassiert, zwei davon in den sechs K.-o.-Spielen. Insgesamt blieb Arsenal in 30 von 59 Pflichtspielen in dieser Saison ohne Gegentreffer.
„Als wir in Führung gingen, wusste ich, dass wir gewinnen würden“, erklärte Mittelfeldantreiber Declan Rice. Diese Zuversicht speiste sich zugleich aus der Harmlosigkeit des Gegners, der ausschließlich nach strittigen Zweikämpfen auffiel. Für die größte Aufregung sorgte das Einsteigen von Arsenals Abwehrchef Gabriel Magalhães gegen Atléticos Trainersohn Giuliano Simeone zu Beginn der zweiten Halbzeit. Mit einer riskanten Handbewegung an die linke Schulter brachte Gabriel seinen Gegenspieler aus dem Gleichgewicht, sodass dieser den Ball am leeren Tor vorbeistolperte. DFB-Schiedsrichter Daniel Siebert, der sein erstes Königsklassenhalbfinale leitete, ließ weiterspielen – eine vertretbare Entscheidung. Das Hinspiel vor einer Woche endete nach je einem Strafstoß auf beiden Seiten 1:1.
Gabriels Rettungsaktion würdigte Arteta als „magischen Moment“; sein Kontrahent Diego Simeone verlautbarte, er wolle in Bezug auf seine vorherigen Proteste am Spielfeldrand „keine Ausreden suchen“. Kurz nach dieser Szene forderte Atlético erneut einen Strafstoß, diesmal nach einem offenkundigen Foul an Antoine Griezmann. Doch hier hatte Siebert die Partie bereits zuvor unterbrochen. Atléticos ständiges Verlangen von Elfmetern erklärte sich auch damit, dass die Gäste spielerisch kaum Mittel fanden, um Chancen zu kreieren – erst recht nicht, nachdem Trainer Simeone seine beiden gefährlichsten Offensivspieler Julián Álvarez und Griezmann ausgewechselt hatte (66.).
Griezmann hob zuvor beim 0:1 in seinem letzten Champions-League-Spiel für Atlético unfreiwillig das Abseits auf. Nach dem Schlusspfiff verabschiedete er sich als Erster von den mitgereisten Anhängern – den Tränen nahe. Für Simeones Klub ist es die fünfte Saison in Serie ohne Titel. Während der Angriff trotz der individuellen Qualität von Álvarez und Griezmann den höchsten Anforderungen kaum genügt, ist selbst die Abwehr längst nicht mehr auf dem Niveau der Glanzzeiten vor einem Jahrzehnt. Die einstige Hartnäckigkeit ließ sich bloß in einem Scharmützel zwischen Diego Simeone und Arsenals Sportchef Andrea Berta wiedererkennen; Berta hatte vor seinem Wechsel nach London vor einem Jahr für Atlético gearbeitet. Am Ende reichte Arsenals kontrollierter Offensivfußball zum Weiterkommen.
Dass Bukayo Saka, 24, ein Eigengewächs, das Siegtor erzielte, steht sinnbildlich für die Kaderzusammenstellung. Neben teuren Verpflichtungen ist es Arteta immer wieder gelungen, junge Spieler zu integrieren. „Made in Germany“ ließe sich ergänzen, denn Arsenals Talentchef ist Weltmeister Per Mertesacker, der den Klub zum Saisonende verlassen wird. Der frühere Abwehrspieler hat einige mit dem deutschen Fußball verhaftete Tugenden in seine Arbeit einfließen lassen: Disziplin, Bodenständigkeit und Beharrlichkeit. Saka ist dafür das Referenzmodell. Auf die Frage nach einem Wunschgegner für das Endspiel scherzte er, jeder könne sich denken, „gegen wen wir antreten wollen“. Gemeint war Titelverteidiger PSG, dem man in der Vorsaison im Halbfinale unterlag.
Für die Gunners nimmt der Finaleinzug auch den Druck aus dem Titelrennen in der Premier League. Nach dem Punktverlust des Konkurrenten Manchester City am Montag haben die Londoner drei Spieltage vor Schluss die erste Meisterschaft seit 22 Jahren wieder in ihrer Hand. Drei Siege gegen West Ham, Burnley und Crystal Palace würden genügen. Andernfalls bliebe die Königsklasse als Krönung. Allerdings findet das Finale am 30. Mai in Budapest statt – und nicht in der lautesten Bibliothek Londons.

