Kai Havertz im Champions-League-Finale

Näschen für entscheidende Tore

30. Mai 2026, 12:13 Uhr

Nach dem Champions-League-Sieg mit dem FC Chelsea gewann Kai Havertz nun die englische Meisterschaft mit dem Stadtrivalen Arsenal. (Foto: Paul Terry / Sportimage / Imago Images)
Nach dem Champions-League-Sieg mit dem FC Chelsea gewann Kai Havertz nun die englische Meisterschaft mit dem Stadtrivalen Arsenal. (Foto: Paul Terry / Sportimage / Imago Images)

Auf dem lange verletzten Kai Havertz ruhen die Hoffnungen des FC Arsenal auf den ersten Königsklassentitel. Der deutsche Nationalspieler vitalisierte die Offensive seiner Mannschaft. Sein U17-Trainer Markus Anfang erinnert sich an die Entwicklung des Stürmers.

Von Sven Haist, London

Vor einigen Jahren erzählte Kai Havertz, dass er sich als Teenager nach seinem Durchbruch bei den Profis von Bayer Leverkusen einen Luxusartikel gegönnt habe. Wie so viele Fußballer kaufte er sich einen Designerrucksa­ck: „Weiß mit Gold, sehr auffallend“, sagte Havertz im Guardian. Rückblickend räumte er ein, er habe damals „vielleicht ein bisschen zu cool“ wirken wollen. Der gebürtige Aachener merkte jedoch schnell, dass demon­strat­iver Pomp nicht zu ihm passte: „Ich konnte mich damit selbst nicht ernst nehmen.“ Nach einem Gespräch mit den Eltern fühlte er sich in dieser Einschätzung bestätigt. Falls er sich verändert hätte, hätten sie ihn gemahnt: „Kai, das bist nicht du, hör auf damit!“ Bis heute dürfte deshalb das Einzige, was bei Havertz glitzert, seine Titelsammlung sein.

Havertz, 26, zählt zu den erfolgreichsten deutschen Fußball-Legionären in England. Der Nationalspieler, der im WM-Kader von Julian Nagelsmann zu den profiliertesten Profis gehört, gewann nach seinem Wechsel aus Leverkusen auf die Insel zunächst 2021 mit dem FC Chelsea die Champions League und ein halbes Jahr später die Klub-WM. Nach dem Umzug innerhalb Londons vor drei Jahren – für 75 Millionen Euro zum FC Arsenal – kam in dieser Saison der ihm bis dahin fehlende nationale Titel hinzu: die Meisterschaft in der Premier League. Und diesen ersten Ligatitel für Arsenal seit 2004 könnte Havertz mit seinen Kollegen nun mit dem Champions-League-Pokal veredeln. Im Budapester Finale (Samstag, 18 Uhr) wartet Titelverteidiger Paris Saint-Germain, dem die Gunners im Halbfinale der Vorsaison knapp unterlegen waren.

Ohne Havertz würde sich Arsenal kaum in dieser aussichtsreichen Ausgangslage befinden. Der Offensivspieler war zuletzt eine der Schlüsselfiguren: In seinen vergangenen neun Pflichtspielen gelangen ihm sechs Torbeteiligungen. Zuvor war Havertz fast ein ganzes Jahr verletzungsbedingt ausgefallen, erstmals schwerwiegend in seiner Karriere. Auf einen Muskelriss im Oberschenkel im Februar 2025 folgte eine langwierige Knieverletzung, die er sich am ersten Spieltag dieser Saison zuzog. Die Nachwirkungen sind bis heute erkennbar. Um keinen weiteren einschneidenden Ausfall zu riskieren, wird Havertz seit seinem Comeback von Arsenal-Trainer Mikel Arteta so ausgewählt eingesetzt wie ein Edelstein. Nur eine Partie absolvierte der Deutsche über die vollen 90 Minuten. Sein Körper muss sich erst wieder an die Belastung gewöhnen – und womöglich auch an die gesteigerte Muskelmasse, die er während der Pause aufgebaut hat.

Zunächst fehlte Havertz noch der Spielrhythmus, doch seine Frische und die Freude über die Rückkehr glichen dies aus. Ein Talent wie Havertz beherrscht das Fußballspielen auf Spitzenniveau grundsätzlich. Meist kommt er bei Arsenal als kombinationssicherer Mittelstürmer zum Einsatz. In dieser Rolle entfaltet sich sein enormes Portfolio an Fähigkeiten: Bälle halten und abschirmen, Mitspieler in Szene setzen, selbst zum Abschluss kommen, Pressing initiieren. Sein Einfluss ging in den Spielen zuletzt so weit, dass Arsenals Offensive wie verwandelt wirkte. Mit Havertz kehrte der zwischenzeitlich verloren gegangene Schwung zurück, bisweilen war sogar Leichtigkeit trotz des hemmenden Titeldrucks auszumachen.

Diese Entwicklung begann für Havertz bereits im Nachwuchs von Bayer Leverkusen. Trainer Markus Anfang, der ihn zwei Saisons bei den U17-Junioren betreute, berichtet am Telefon, es sei seinerzeit darum gegangen, ihn „nicht nur mitspi­elen, sondern auch mitentscheiden“ zu lassen. Um den zurückhaltenden Havertz in eine Führungsposition hineinwachsen zu lassen, entschied sich Anfang in Abstimmung mit seinen Trainerkollegen bewusst dagegen, Havertz bereits nach einem Jahr schon in die nächsthöhere Altersstufe zu befördern – obwohl er sportlich dafür bereit gewesen wäre.

Die Aufgabenstellung „mitentscheiden“ erfüllte Havertz, indem er den Spielen „mit seinen Aktionen den Stempel aufgedrückt“ habe, erzählt Anfang. Dabei habe sich der Spielgestalter stets an einer einfachen Frage orientiert: „Was benötigt das Spiel?“ Entsprechend veränderte Havertz intuitiv die Spielweise seiner Mannschaft, verlieh ihr mehr Tempo oder Ruhe, mehr Risiko oder Sicherheit – ohne auf klassische Attribute eines Führungsspielers wie Lautstärke, emotionale Gesten oder harte Zweikämpfe zurückgreifen zu müssen. „Er musste es nicht sagen, er hat es gezeigt“, sagt Anfang. Allerdings hatte die Haltung von Havertz, sich nie hängenzulassen und jede Situation so perfekt wie möglich zu lösen, manchmal auch eine blockierende Wirkung. So fiel es ihm laut Anfang nach misslungenen Aktionen zu Beginn eines Spiels oft schwer, diese abzuhaken und weiterzumachen – derart hoch war sein eigener Anspruch.

An diesem Beispiel zeige sich die „unfassbar hohe intrinsische Motivation“ des Spielers, sagt Anfang. Derartiger Ehrgeiz kann zu unüberlegten Handlungen auf dem Platz führen. Doch Havertz lasse sich „nicht emotionalisieren“, hebt Anfang hervor. Havertz bewahrt stets die Contenance – das ist einer der Gründe, warum man sich auf ihn gerade in den wichtigsten Spielen bislang stets verlassen konnte. Trotz seiner Begabung habe sich Havertz „immer als Teil des Teams begriffen und mehr ein ‚Wir‘ als ein ‚Ich‘ verkörpert“, fügt Anfang hinzu. Genau deshalb polarisiert Havertz trotz seines prominenten Status in der Öffentlichkeit selten. Von Mitspielern und Trainern wird er dafür besonders geschätzt. „Er wird von allen hier geliebt“, sagt Arsenal-Coach Arteta.

Die meiste Aufmerksamkeit jedoch brachten Havertz schon immer entscheidende Tore ein. Bei seinen drei großen Titeln erzielte er jeweils den Siegtreffer, auch bei Chelseas Champions-League-Finale 2021 gegen Manchester City. „Er trägt das in sich und hat ein Näschen für gefährliche Spielsituationen“, sagt Anfang – und weist darauf hin, dass Havertz auch den Führungstreffer im gemeinsam gewonnenen Finale um die U17-Meisterschaft geschossen hatte. Der Erfolg gab ihm so viel Selbstvertrauen, dass er die U19 anschließend quasi übersprang und sich auf Anhieb bei den Profis etablierte. „Kai macht es auf seine Art und bleibt sich treu“, lobt Anfang. Den Boutique-Rucksack von Havertz übernahm einst seine Schwester.

Keep on reading

Am Ball bleiben