Champions-League-Finalverlierer Arsenal
Die Standardspezialisten scheitern an Elfmetern
31. Mai 2026, 20:09 Uhr

Der Traum vom ersten Champions-League-Sieg bleibt für Arsenal unerfüllt. Ein verschuldeter Strafstoß sowie zwei verschossene Elfmeter verhinderten den Titelgewinn. Immerhin konnte sich Torschütze Kai Havertz in einen illustren Kreis einreihen.
Nach dem verlorenen Champions-League-Finale war Kai Havertz vor allem als Tröster und Mutmacher gefragt. Zwar war auch der deutsche Nationalstürmer schwer enttäuscht über die Niederlage des FC Arsenal im Elfmeterschießen. Aber anders als fast alle seine Mitspieler – mit Ausnahme des Ersatzstürmers Gabriel Jesus und des Reservetorhüters Kepa – weiß Havertz, wie es sich anfühlt, den wichtigsten europäischen Vereinspokal in den Händen zu halten: Vor fünf Jahren gewann er die Königsklasse mit dem Londoner Stadtrivalen FC Chelsea. Bei der Medaillenübergabe, die Arsenal wie einen Behördentermin absolvierte, kümmerte sich Havertz besonders um den niedergeschlagenen Gabriel Magalhães, der den letzten Elfer vergeben hatte. Er nahm den Verteidiger in den Arm und sprach ihm aufmunternde Worte zu.
Zwei Wochen nach der ersten Meisterschaft in der Premier League seit 22 Jahren gelang es Arsenal gegen Paris Saint-Germain nicht, einen weiteren Fluch zu bannen. Das Warten der Gunners auf den ersten Triumph der Klubgeschichte in der Champions League geht weiter. Trotz nunmehr 22 Anläufen bleibt Arsenal einer der wenigen europäischen Spitzenvereine, die den Henkelpott bislang nicht in ihrer Vitrine stehen haben. „Schmerz!“, genau das sei es, was er empfinde, sagte Trainer Mikel Arteta auf der Pressekonferenz. So dürften auch die im Stadion in Budapest anwesenden Klublegenden Arsène Wenger und Thierry Henry empfunden haben, die Arsenals erstes und bisher einziges Königsklassen-Endspiel vor genau 20 Jahren gegen den FC Barcelona verloren hatten (1:2). Sie hofften, ihre Nachfolger würden diesen Makel endlich tilgen.
Wie 2006, als der deutsche Torwart Jens Lehmann wegen einer Notbremse früh die rote Karte erhalten hatte und Arsenal über weite Strecken in Unterzahl agierte, gingen die Londoner auch diesmal zunächst in Führung. Aus spitzem Winkel zog Kai Havertz nach einem Durchbruch über links ab, der Ball zischte dermaßen schnell ins Netz, dass von seinem Schuss nur ein Kondensstreifen zu sehen war (6. Minute). Havertz ist damit erst der dritte Spieler nach Cristiano Ronaldo und Mario Mandzukic, der für zwei verschiedene Klubs in einem Champions-League-Finale traf. Und er hätte der Erste in den Geschichtsbüchern werden können, der für zwei Klubs einer Stadt jeweils das Endspiel-Siegtor erzielte – 2021 sicherte sein 1:0 Chelseas Triumph gegen Manchester City. Diesmal jedoch leistete sich Arsenals Aushilfsrechtsverteidiger Cristhian Mosquera nach gut einer Stunde einen an Lehmann erinnernden Patzer, als er Khvicha Kvaratskhelia im Strafraum von hinten umrannte. Den Strafstoß nutzte Ousmane Dembélé zum 1:1, dabei blieb es. Bis zum Ausgleich hatte Arsenal, defensiv das beste Team dieser Saison, den offensiven Ausnahmekönnern aus Paris kaum eine echte Torchance gestattet.
Obwohl Arsenal, gestählt durch die Premier League, über mehr Wettbewerbsresistenz zu verfügen schien als PSG, wirkte es mit zunehmender Spieldauer, als richte sich die Mannschaft auf das Elfmeterschießen ein. Die Gunners gelten seit Jahren als Spezialisten für Standardsituationen, in dieser Saison erzielten sie wettbewerbsübergreifend 34 Treffer nach ruhenden Bällen. Ironischerweise könnte bei aller Konzentration auf einstudierte Eckball- und Freistoßvarianten aber ausgerechnet das Elfmetertraining etwas vernachlässigt worden sein. Jedenfalls mutete es kurios an, wie Arsenal im Shootout das Nachsehen hatte – ohne dass PSG-Torwart Matwei Safonow einen einzigen Elfmeter berührte. Eberechi Eze zielte am Pfosten vorbei, Gabriel schoss über die Latte.
Die Abläufe bei Eze und Gabriel ähnelten sich. Beide positionierten sich mittig hinter dem Ball, eröffneten ihren Anlauf in einem Bogen, vollführten Trippelschritte, beschleunigten, bremsten wieder ab und verzögerten den Abschluss – bis sie offenbar selbst die Orientierung verloren. Ihre Körperhaltung war im Moment des Schusses nicht stabil: Eze stand zu nah am Ball, Gabriel geriet in eine schräge Rückenlage. Während der Abwehrchef erstmals überhaupt einen Elfmeter in einem Pflichtspiel übernahm, war Eze bereits zum Saisonauftakt mit einem ähnlich ausgeführten Strafstoß gescheitert – damals noch vor seinem Transfer zu Arsenal im Trikot von Crystal Palace im englischen Supercup (Community Shield) gegen Liverpool.
Trainer Arteta nahm seine Fehlschützen in Schutz: Im Training vergebe Eze eigentlich nie, sagte er, und Gabriel hatte sich bewusst bereit erklärt, als fünfter Schütze Verantwortung zu übernehmen. Dennoch gab Arteta zu erkennen, dass die Ausgewählten nicht seiner Idealvorstellung entsprachen: „Normalerweise wären Bukayo (Saka), Martin (Ödegaard) und Kai (Havertz) Elfmeterschützen gewesen“, betonte er. Diese Spieler hatte Arteta jedoch trotz der Möglichkeit eines Elfmeterschießens alle ausgewechselt.
Auch Arsenal-Torwart David Raya, kein ausgewiesener Elfmeterspezialist, gab keine glückliche Figur ab. Er versuchte zwar mit diversen psychologischen Ablenkungsmanövern Einfluss zu nehmen, entschied sich dann aber jeweils früh für eine Ecke. So hatten die PSG-Schützen wenig Mühe, ihn zu überwinden; nur Nuno Mendes scheiterte an ihm. Eine Erklärung könnte sein, dass Raya, mit 1,83 Metern für einen Profikeeper vergleichsweise klein, seine geringere Reichweite durch besonders frühes Antizipieren kompensieren will. Arsenals Standardtrainer Nicolas Jover, auf diesem Gebiet prägend, konnte bei den Penaltys nicht mehr eingreifen. Während er bei Ecken und Freistößen bis unmittelbar vor deren Ausführung die Positionen der Spieler korrigiert, stand er bei den Elfmetern neben Arteta am Spielfeldrand, weit weg vom Geschehen.
Der Independent kommentierte pointiert, Arsenal lebe von Standardsituationen – und sterbe zugleich an ihnen. Rückblickend ist die Zahl der Standardtore der Gunners bereits seit Februar deutlich zurückgegangen. Der Grund: Die Konkurrenz hat in diesem Bereich erheblich aufgeholt. Diese Tendenz bestätigte auch das Finale. Den Parisern, in puncto Robustheit den Arsenal-Spielern unterlegen, gelang es, Ecken und Freistöße in Tornähe weitgehend zu vermeiden. Und wenn es doch welche gab, ließen sie sich davon nicht einschüchtern. Folglich ist Arsenal mit Blick auf die kommende Saison gefordert, neue Ideen zu entwickeln – oder mehr Akzente aus dem Spiel heraus zu setzen. Dafür werden vor allem offensive Verstärkungen benötigt. Arsenal müsse in der nächsten Spielzeit „ein anderes Niveau erreichen, weil die Qualität in Europa dies verlangt“, forderte Arteta.
Nach dem Rückflug wartete auf das Team die Meisterparade rund um das Arsenal-Stadion in London – vor Zehntausenden Zuschauern. „Wir können stolz sein“, bilanzierte Kai Havertz und kündigte den nächsten Anlauf auf den Champions-League-Thron an.
Der Henkelpott wird zu einem Pariser Wahrzeichen
Als erst zweiter Verein nach Real Madrid gelingt Paris Saint-Germain im Finale von Budapest die Titelverteidigung in der Champions League. Die Franzosen setzten sich gegen den FC Arsenal im Elfmeterschießen durch - nachdem die Gunners früh durch Kai Havertz in Führung gegangen waren.
