FC Barcelona in der Champions League
Warnung an die eigene Wettbewerbsfähigkeit
26. Nov. 2025, 14:54 Uhr

Der FC Barcelona ist beim 0:3 gegen den FC Chelsea chancenlos. Die Mannschaft von Hansi Flick kann der Aggresivität und Robustheit der Londoner wenig entgegenhalten. Die Niederlage setzt die Pleitenserie der spanischen Klubs gegen die Engländer fort.
Ein Klubmitarbeiter des FC Chelsea hielt den kleinen, silbernen Sternenball diskret hinter seinem Rücken verborgen, als er nach dem Abpfiff am Stadionausgang auf die Mannschaft wartete. Bis zuletzt blieb offen, wem die Trophäe als „Man of the Match“ zuteilwerden würde. Eigentlich galt der Brasilianer Estêvão als Favorit: Er hatte das vorentscheidende zweite Tor erzielt und mit seinen rasanten Dribblings Aufsehen erregt. Am Ende jedoch ging die Wahl an Linksverteidiger Marc Cucurella – obwohl er weder als Vollstrecker noch als Vorlagengeber in Erscheinung getreten war.
Seine Auszeichnung ließ sich trotzdem gut begründen: Der in Deutschland seit der EM 2024 durch die Mutter aller umstrittenen Handspiele im Gedächtnis gebliebene Spanier nahm den talentiertesten Spieler des FC Barcelona praktisch vollständig aus dem Spiel. Von Lamine Yamal war an diesem Dienstagabend so gut wie nichts zu sehen – mit spürbaren Folgen für die gesamte Darbietung seiner Mannschaft.
Die Katalanen kassierten die deutlichste Niederlage in der anderthalbjährigen Amtszeit von Hansi Flick, ein angesichts der Kräfteverhältnisse noch moderates 0:3. Mit drei Toren Unterschied hatte Barcelona unter Flick zuvor nur einmal verloren: vor knapp zwei Monaten beim FC Sevilla. Das Ergebnis hätte am Dienstagabend allerdings doppelt so hoch ausfallen können. Drei weitere Tore von Chelsea wurden aberkannt – zweimal wegen knapper Abseitsstellungen, einmal wegen eines Handspiels. Zudem sah Barças wegen Reklamierens bereits verwarnter Kapitän Ronald Araújo in der 44. Minute nach einer misslungenen Grätsche die gelb-rote Karte.
Durch die Pleite rutschte Barcelona in der Königsklassentabelle ins Mittelfeld ab. Nun droht im Februar eine zusätzliche Runde, um den Einzug ins Achtelfinale zu retten. Eine direkte Qualifikation ist, wenn überhaupt, nur mit drei Siegen aus den verbleibenden Partien gegen Frankfurt, Prag und Kopenhagen möglich. Später versuchte Flick, von einer starken Erkältung geschwächt, die Bedeutung des Resultats herunterzuspielen. Seine Analyse blieb so überschaubar wie der Auftritt seines Teams auf dem Platz. Mehrmals wiederholte er seine betont nüchternen Einschätzungen nahezu wortgleich.
Barça wollte – wie stets unter Flick – das Spiel kontrollieren und den Gegner mit weit aufgerückter Abwehr früh unter Druck setzen. Doch gerade diese Taktik brachte die Gäste in Bedrängnis. Chelseas Trainer Enzo Maresca hatte für diese Partie bewusst auf einen klassischen Mittelstürmer verzichtet und drei schnelle Angreifer aufgestellt, die die Räume hinter Barcelonas Abwehr attackieren sollten. Pedro Neto agierte überraschend im Sturmzentrum, er verfügt über den explosivsten Antritt im Team. Mit Aggressivität und kompromissloser Zweikampfführung erzwang Chelsea Ballgewinne. Die Heimelf dominierte nicht nur in diesen Bereichen, sondern auch spielerisch – weil Barcelonas Stärken durch die hohe Intensität kaum zur Entfaltung kamen. Dafür hätten die Gäste weit energischer gegenhalten müssen. Chelseas defensives Mittelfeldtrio (Reece James, Moisés Caicedo, Enzo Fernández) versperrte nahezu alle Passwege nach vorn und blieb eng an den Gegenspielern.
Sinnbildlich dafür stand Estêvãos Treffer (55.), der aus einer Balleroberung im Mittelfeld entstand. Der Flügelspieler nahm den Ball vor dem Strafraum auf, umkurvte mit Leichtigkeit zwei Gegenspieler und knallte den Ball aus spitzem Winkel ins Kreuzeck – eine Aktion, wie sie sonst eher Yamal gelingt. Aufgrund seiner Anlagen wird Estêvão häufig mit jenem verglichen: Beide sind 18 Jahre alt, spielen auf dem rechten Flügel und verfügen über außergewöhnliches Ballgefühl. Doch das direkte Duell entschied an diesem Abend eindeutig Estêvão für sich. Die Chelsea-Fans spotteten Richtung Yamal: „Du bist nur eine schlechte Version von Estêvão.“ Der Teenager zählt zu den talentiertesten Spielern in Chelseas jungem Kader, der nach dem Klub-WM-Triumph zunehmend an Stabilität in dieser Saison gewinnt.
Flick bemängelte die zahlreichen Ballverluste seiner Mannschaft und räumte ein, die Engländer seien „körperlich robuster und dynamischer“ gewesen. Durchsetzungsstark präsentierte sich Barça lediglich in einer Szene: dem Eigentor von Rechtsverteidiger Jules Koundé zum 0:1 (27.). Nach einem Abschlussversuch von Neto rettete Ferran Torres – der zuvor Barcelonas einzige Torchance kläglich vergeben hatte – zunächst auf der Linie. Bei seiner Klärungsaktion schoss er jedoch den direkt vor ihm stehenden Koundé an. Auch den Abpraller konnte Torres blockieren, ehe Koundé den Ball im zweiten Anlauf unbeabsichtigt und auf höchst kuriose Weise final über die Linie beförderte – mit der Hacke durch die Beine von Torres. Danach kam Flicks Elf, insbesondere in Unterzahl, zu keiner echten Torchance mehr. Der eingewechselte Liam Delap erhöhte für Chelsea auf 3:0 (73.).
Der Spielverlauf glich einer Warnung an die Wettbewerbsfähigkeit des spanischen Klubfußballs in dieser Saison. Die vier europäischen Vertreter Real Madrid, Atlético Madrid, Villarreal und Barcelona – die in der heimischen Liga deutlich auf den ersten vier Plätzen liegen – kassierten in der Champions League bereits alarmierende acht Niederlagen gegen englische Gegner. Lediglich Barcelona gelang ein Sieg beim international unerfahrenen Newcastle am ersten Spieltag. Das aktuelle Torverhältnis spricht Bände: 19:4 für die Engländer. In Anbetracht dessen hofft Flick auf die Rückkehr einiger angeschlagener Profis und versprach den Kritikern, sie würden künftig „ein anderes Barcelona sehen“. Als Vorbild könnte die hartnäckige Spielweise von Cucurella dienen. Als dieser sich für das Siegerfoto aufstellte, kamen die Mitspieler eigens zu ihm – um ihm zu gratulieren.

