Galatasaray Istanbul
Das Kalkül mit den Immobiliengeschäften
18. Sep. 2025, 19:10 Uhr

Galatasaray Istanbul gibt 150 Millionen Euro Ablöse für neue Spieler aus – so viel Geld hat noch nie ein türkischer Klub investiert. Das Geld stammt aus geplanten Immobiliengeschäften auf dem alten Trainingsgelände des Klubs. Der Präsident verkündet, dass Galatasaray schuldenfrei ist. Doch der Plan ist nicht ohne Risiko.
Galatasaray Istanbul gehört zu den traditionsreichsten und populärsten Fussballvereinen der Welt. Doch obwohl der türkische Rekordmeister regelmässig in den europäischen Wettbewerben dabei ist, blieb der grosse internationale Erfolg in den vergangenen Jahrzehnten aus.
Die einzigen beiden Titel datieren aus dem Jahr 2000, als der Klub den Uefa-Cup – die heutige Europa League – sowie den europäischen Supercup gewann. In der Champions League überstand Galatasaray zuletzt in der Saison 2013/14 die Vorrunde und scheiterte anschliessend im Achtelfinal am Chelsea FC.
Das alles soll sich jetzt ändern. In dieser Saison will der Verein, der auf der europäischen Seite des Bosporus beheimatet ist und von seinen Fans liebevoll «Gala» genannt wird, mit aller Kraft die europäische Elite herausfordern und an alte Erfolge anknüpfen. «Wir träumen von der Champions League», sagt der Trainer Okan Buruk, der als Spieler selbst Teil jener Equipe war, die vor 25 Jahren international für Furore sorgte.
Entsprechend ambitioniert fiel in diesem Sommer das Transferprogramm aus: Galatasaray gab 150 Millionen Euro für neue Spieler aus – eine Rekordsumme für türkische Verhältnisse. Allein die feste Verpflichtung des Torjägers Victor Osimhen, zuletzt von der SSC Neapel ausgeliehen, verschlang mit 75 Millionen Euro die Hälfte der Ausgaben. Der 26-jährige Nigerianer ist damit der teuerste Spieler, der je in die Süper Lig wechselte.
Darüber hinaus holte man weitere profilierte Spieler: den Verteidiger Wilfried Singo von der AS Monaco (30 Millionen Euro), den Torwart Ugurcan Cakir von Trabzonspor (27,5) sowie ablösefrei Leroy Sané vom FC Bayern und Ilkay Gündogan von Manchester City. Galatasaray verfügt nun über ein Kader, dessen Strahlkraft selbst mit der europäischer Spitzenklubs mithalten kann. Zum Auftakt der Champions-League-Ligaphase spielt es am Donnerstag auswärts gegen Eintracht Frankfurt (21 Uhr).
Die Anziehungskraft von Galatasaray, abgesehen von den frenetischen Fans und der Weltmetropole Istanbul, besteht für internationale Spitzenspieler in der Aussicht auf eine Bühne mit namhaften Teamkollegen und im Mitwirken an der Champions League. Hinzu kommen lukrative Gehälter – und Heldenverehrung.
Spieler wie Sané und Gündogan, deren sportliche Rolle in ihren früheren Vereinen nicht mehr unumstritten war, wurden in Istanbul empfangen wie Gladiatoren. So gelingt es dem Klub, die geringe Anziehungskraft der Süper Lig zumindest teilweise zu kompensieren. Doch wie kann sich Gala die enormen finanziellen Anstrengungen plötzlich leisten? Im November 2024 betrugen die Gesamtschulden des Klubs noch stattliche 400 Millionen Euro.
Galatasarays neue Hauptgeldquelle ist das alte Vereinsgelände im Villenviertel Florya am Marmarameer, das durch den Umzug im Februar in den neuen Trainingskomplex in Kemerburgaz weit ausserhalb der Stadt freigeworden ist. Dort besitzt der Klub laut eigenen Angaben riesige Grundstücke von mindestens vierzig Hektaren, die zu einem wertvollen Immobilienareal umfunktioniert werden sollen.
Dafür schloss der Verein im Juli 2025 einen Pachtvertrag mit dem Baupartner Nivak ab, der die Transformation des Geländes übernimmt. Das Geschäft sieht eine Umsatzbeteiligung vor, bei der sich Galatasaray und Nivak die zukünftigen Erlöse aufteilen. Als Vorschuss erhielt Galatasaray 50 Millionen Euro.
Der Verein kalkuliert bereits jetzt mit möglichen Einnahmen aus diesem Geschäft von 300 bis 500 Millionen Euro. Darüber hinaus führte das börsennotierte Galatasaray, dessen Anteile zu 60 Prozent vom Klub gehalten werden und sich zu 40 Prozent im Streubesitz befinden, in diesem Sommer eine Kapitalerhöhung von 170 Millionen Euro durch. Auch die Sponsorenerlöse sind für diese Spielzeit auf rund 80 Millionen Euro gestiegen, woran die neuen Transfers keinen unwesentlichen Anteil tragen.
Das bisher geflossene Geld verwendete Galatasaray neben den sportlichen Sofortinvestitionen auch zur Schuldentilgung. Ende Juli gab der Klub an, dass man alle Bankdarlehen zurückbezahlt habe. Zwar hat Gala wohl noch andere Zahlungsforderungen zu erfüllen, doch diese dürften im Hinblick auf die erwähnten Einnahmefelder gedeckt sein.
So verkündete der Klubpräsident Dursun Özbek pathetisch, dass der Sportklub Galatasaray erstmals seit mehreren Jahrzehnten «schuldenfrei» sei. Dies sei ein Meilenstein in der Historie des Vereins, sagte Özbek. Die sportlichen Ambitionen sind allerdings angesichts der lange noch nicht geflossenen Geldströme alles andere als risikolos. Sollte sich der Erfolg auf dem Platz nicht einstellen, könnte der Klub schon bald wieder unter Druck geraten.
Einstweilen zwingt Galatasaray die Stadtrivalen Fenerbahce und Besiktas, ebenfalls in ihre Mannschaften zu investieren, um in der Meisterschaft nicht abgehängt zu werden. So gab Fenerbahce in diesem Sommer knapp 90 Millionen Euro für Verstärkung aus, kurz vor Transferschluss kamen unter anderem Kerem Aktürkoglu von Benfica Lissabon für 22,5 Millionen Euro und der Torwart Ederson von Manchester City für 11 Millionen Euro.
Derlei Investitionen hatte der inzwischen entlassene Trainer José Mourinho nach dem Scheitern in den Champions-League-Playoffs gefordert. Sein Nachfolger ist Domenico Tedesco, zuletzt Nationalcoach in Belgien. Das Transferdefizit der Süper Lig beläuft sich auf 175 Millionen Euro, nur die der englischen Premier League und der saudischen Pro League sind höher.
Nach fünf Spieltagen führt Galatasaray Istanbul als einziger Klub mit maximaler Punkteausbeute die Tabelle an. Auch heuer gilt der Verein als Topfavorit für die Meisterschaft. Doch der Erfolg der Saison wird sich am Abschneiden in der Champions League bemessen.
Affentheater
José Mourinho provoziert als Trainer von Fenerbahce Istanbul mit unablässiger Schiedsrichterkritik. Die Situation eskalierte nun nach dem 0:0 im Stadtderby gegen Galatasaray. Der Meister will Mourinho wegen Rassismus anzeigen, dessen Verein kontert. Steckt dahinter der Frust, dass Fenerbahce wohl erneut den Titel verpasst?
