Supercup in England
Noch im Vorbereitungsmodus
12. Aug. 2025, 11:25 Uhr

Der FC Liverpool wagt mit Florian Wirtz einen Stilwechsel, scheitert im Supercup jedoch an Crystal Palace. Die Reds wirken noch nicht eingespielt – und benötigen trotz Investitionen von 300 Millionen Euro weitere Verstärkung.
Arne Slot erschien im Trainingsanzug zum ersten Pflichtspiel des FC Liverpool in dieser Saison. Die Kleiderwahl des Trainers wich von der Norm ab, in der vergangenen Spielzeit hatte er stets die elegante Garderobe aus dem Schrank geholt. Selbiges kündigte Slot, 46, nach dem letzten Testmatch vor einer Woche für dieses Spieljahr an. Dass der Niederländer beim englischen Supercup zwischen Meister FC Liverpool und Pokalsieger Crystal Palace im Wembley-Stadion am Sonntag dann dennoch auf seinen Trainingsanzug zurückgriff, ließ darauf schließen, dass er das Duell um den ersten Titel der Saison wie ein weiteres Vorbereitungsmatch betrachtete. Entsprechend sah der Auftritt seiner Mannschaft aus. Zerfahren und unaufgeräumt.
Nach einem Spiel, in dem sich der FC Liverpool zweimal eine Führung abnehmen ließ, setzte sich Crystal Palace im Elfmeterschießen mit 3:2 (2:2, 1:2) durch. Von insgesamt zehn Strafstößen fanden nur fünf das Ziel. Auf Seiten von Liverpool vergaben die ersten zwei Schützen, Mohamed Salah und Alexis Mac Allister, sowie der vierte, Harvey Elliott. Zu diesem Zeitpunkt stand Florian Wirtz bei seinem Debüt für die Reds nicht mehr auf dem Platz, er war in der Schlussphase für Elliott ausgewechselt worden. Zuvor hatte der deutsche Nationalspieler mit einem feinen Steckpass das 1:0 vorbereitet (4. Minute) – durch seinen ehemaligen Bundesliga-Kollegen Hugo Ekitiké, der von Eintracht Frankfurt kam. Das Offensivduo kostete eine Viertelmilliarde Euro. Dazu traf der wie Wirtz für 40 Millionen ebenfalls aus Leverkusen geholte Verteidiger Jeremie Frimpong, dessen verunglückte Flanke sich ins Tor senkte (21.).
Die Freude bei Palace währt nur kurz: Der Klub wird aus der Europa League genommen
Die Niederlage hinterließ bei den Spielern Spuren, sie ließen sich nicht einmal die Medaillen umhängen. Kapitän Virgil van Dijk sprach von einem enttäuschenden Saisonstart und zahlreichen Aspekten, die besser werden müssten. Der Favorit hatte den Tatendrang des Gegners unterschätzt und auch das Selbstbewusstsein, das Palace aus dem ersten Titel der Klubgeschichte schöpft. Dieser neuerliche Triumph hebt erneut das Trainerwerk des Österreichers Oliver Glasner hervor, der mit Crystal Palace nun zwei Pokale in Serie gewann. „Wir werden sicher feiern“, kündigte Glasner nach dem Match an. Am Montag allerdings wurde die Feierlaune getrübt: Da bestätigte der Internationale Sportgerichtshof Cas die Relegation von Crystal Palace aus der Europa League wegen Verstößen des ehemaligen Besitzers John Textor gegen die Bestimmungen zum Multi-Club-Ownership. Für Crystal Palace rückt Ligarivale Nottingham Forest in die Europa League nach, Palace darf in den Playoffs zur Conference League antreten.
Dass es für Liverpool trotz der Rekordinvestition von bislang rund 300 Millionen Euro in neue Spieler nicht ausreichte, um Crystal Palace zu besiegen, wirkte wie ein humorvoller Seitenhieb: Der Mittelklasseverein aus dem südlichen Londoner Bezirk Croyden verstärkte sich in diesem Sommer bisher nur für: 2,3 Millionen Euro. Für diesen vergleichsweise läppischen Betrag kam der ehemalige Stuttgarter Linksaußen Borna Sosa von Ajax Amsterdam. Der entscheidende Elfer wurde von Justin Devenny, 21, verwandelt – den Mittelfeldmann holte Palace vor zwei Jahren aus der zweiten schottischen Liga. Die Höhe der Ablöse bzw. in diesem Fall eher Entschädigung ist unbekannt. Devenny kam in der Nachspielzeit für den verletzten Palace-Captain Marc Guéhi.
Als Crystal Palace lange Pässe spielt, gerät Liverpools Abwehr in Schwierigkeiten
Glasner bot die gleiche Startelf wie im Pokalfinale auf, während Liverpools Coach Slot vier neue Spieler nominierte – und einen riskanten Taktikwechsel vornahm. Im Vergleich zur kontrollierten Spielweise der Vorsaison setzte Liverpool auf größtmögliche Dominanz. Das ließ in den Anfangsminuten befürchten, dass das Ergebnis zugunsten der Reds so deutlich ausfallen könnte wie die Transferausgaben. Palace konnte den Ball kaum kontrolliert behalten, sodass sich Liverpool dauerhaft in der gegnerischen Hälfte festsetzte. Dann allerdings wies Glasner seine Spieler an, die weit aufrückende Liverpool-Verteidigung mit langen Pässen in die riesigen Freiräume dahinter zu überspielen. So oft, wie Glasner einen schwungvollen Halbbogen in die Luft malte, dürfte er noch immer Muskelkater in seinem rechten Arm verspüren. Mit diesem Spielzug entblößte Palace das Geschwindigkeitsdefizit von Liverpools Innenverteidigung.
Die Routiniers van Dijk und Salah kamen mit der neuen Ausrichtung noch nicht zurecht
Beide Palace-Tore erwischten van Dijk auf dem falschen Fuß. Das war insofern erstaunlich, als man den verlässlichen Routinier in seinen gesamten siebeneinhalb Jahren in Liverpool kaum so fehleranfällig gesehen hat. Zuerst stieg er Ismaïla Sarr unbedarft auf den Fuß, was den von Jean-Philippe Mateta verwandelten Strafstoß verursachte (17.). Später setzte er zu energisch Mateta nach, wodurch jene Lücke im eigenen Abwehrverbund entstand, die wiederum Sarr ausnutzte (77.). Ungeachtet dieser zwei Situationen sucht Liverpool dringend einen Innenverteidiger, als Wunschkandidat gilt Palace-Mann Guéhi. Auch dem anderen Veteranen auf Liverpooler Seite, Mohamed Salah, schien die neue Ausrichtung nicht zu behagen. Der Ägypter hatte aufgrund der superoffensiven Ausrichtung fast keinen Platz, um seine Geschwindigkeit auszuspielen. Er war an keinem Tor beteiligt, zeigte kein erfolgreiches Dribbling, verlor alle Zweikämpfe und insgesamt zwölfmal den Ball. Die Boulevardzeitung Sun bezeichnete van Dijk und Salah in diesem Spiel als „Flops“.
Die misslungene Generalprobe mahnt den FC Liverpool zur Vorsicht. Zum Auftakt in der Premier League am Freitag geht es zu Hause gegen den AFC Bournemouth. Arne Slot wird dann sicher keinen Trainingsanzug anhaben.
Die kreative Doppelmühle
Torgefährlicher Spielmacher oder spielmachender Torjäger? Florian Wirtz soll für den FC Liverpool beides sein. Trotz der Niederlage im Supercup kann sich das Pflichtspieldebüt des Deutschen sehen lassen.
