Pflichtspieldebüt von Florian Wirtz
Die kreative Doppelmühle
12. Aug. 2025, 11:04 Uhr

Torgefährlicher Spielmacher oder spielmachender Torjäger? Florian Wirtz soll für den FC Liverpool beides sein. Trotz der Niederlage im Supercup kann sich das Pflichtspieldebüt des Deutschen sehen lassen.
Florian Wirtz ahnte wohl, dass die Niederlage für seinen FC Liverpool im Supercup nicht mehr abzuwenden war. In gebückter Haltung verfolgte er das Ende des Elfmeterschießens, verharrte einen Moment lang am Seitenrand und schlich dann mit gesenktem Kopf über den Platz. In der Schlussphase hatte Trainer Arne Slot den deutschen Nationalspieler ausgewechselt, was verhinderte, dass Wirtz einen der Elfmeter trat. Überraschenderweise verschossen drei seiner Teamkollegen ihre Versuche – Mohamed Salah, Alexis Mac Allister und Harvey Elliott. Entsprechend missglückte das Pflichtspieldebüt von Wirtz nach dem Transfer von Bayer Leverkusen im Trikot des englischen Meisters: Der Shootout gegen den FA-Pokalsieger Crystal ging am Sonntag im Wembley-Stadion mit 2:3 (2:2, 2:1) verloren.
Trainer Arne Slot lobt, Wirtz habe ein „gutes Spiel“ gemacht
Dabei hatte das Spiel für Florian Wirtz beinahe perfekt begonnen. Bereits in der vierten Spielminute leitete er mit einem präzisen, gedankenschnellen Steckpass von der linken Seite das Führungstor ein – erzielt von seinem ehemaligen Bundesliga-Kollegen Hugo Ekitiké, der ebenfalls in diesem Sommer von Eintracht Frankfurt zu Liverpool gewechselt war. Das Offensivduo hatte den Verein knapp eine Viertelmilliarde Euro Ablöse gekostet. Trainer Slot zeigte sich mit der Leistung der beiden zufrieden und lobte, dass sie mit dem öffentlichen Druck gut umgegangen seien und jeweils ein „gutes Spiel“ gemacht hätten. Zudem traf der zusammen mit Wirtz aus Leverkusen gewechselte Mitspieler Jeremie Frimpong, dessen verunglückte Flanke sich ins Tor senkte (21.).
Während die aufgerückte Liverpooler Abwehr mehrmals bedenklich überlaufen wurde und der sonst so verlässliche Kapitän Virgil van Dijk für beide Gegentore – durch Jean-Philippe Mateta (17./Elfmeter) und Ismaïla Sarr (77.) – mitverantwortlich war, überzeugte vor allem der neuformierte Angriff. Im Vergleich zum kontrollierten Vorgehen in der Vorsaison setzten die Reds gegen Palace auf maximale Dominanzfußball. Im Mittelpunkt stand Florian Wirtz – der Königstransfer. Der 22-Jährige agierte zunächst im offensiven Mittelfeld hinter Mittelstürmer Ekitiké und rückte später nach dessen Auswechslung in die Spitze vor. Diese flexible Rollenverteilung, in der Slot Wirtz wie einen Spielstein hin und her schieben kann, soll die Gegner wie eine Doppelmühle zermürben. Je nach Spielsituation kann er entweder als torgefährlicher Spielmacher oder spielmachender Torjäger agieren. Beide Zuschreibungen würden seinem beeindruckenden Erbe in Leverkusen entsprechen, wo er in 197 Pflichtspielen für die Werkself fast ebenso viele Tore (57) wie Vorlagen (65) sammelte.
Florian Wirtz soll in die Rolle von Mohamed Salah hineinwachsen
Die Verpflichtung von Wirtz spiegelt zwei zentrale Überlegungen des Vereins wider. Zum einen sendet der Transfer ein klares Signal an die Konkurrenz. Nach dem Gewinn des Ligatitels 2020 hatte Liverpool es versäumt, den Kader rechtzeitig zu erneuern. Dies führte, auch bedingt durch zahlreiche Verletzungen, zu einem deutlichen Leistungsabfall – vergleichbar mit der Saison 2022/23, als der Verein nach dem Double aus FA-Cup und League-Cup ebenfalls auf eine umfassende Kaderanpassung verzichtete. Dieser Fehler soll nun unbedingt vermieden werden, um den Verein langfristig an der Spitze der Premier League zu halten.
Zum anderen setzt Liverpool den vor zwei Jahren eingeleiteten Generationswechsel fort. Nachdem 2023 das Mittelfeld umgebaut wurde, folgte 2024 der Trainerwechsel von Jürgen Klopp zu Arne Slot. Nun vollzieht sich der Umbruch in der Abwehr und im Angriff. Mit Wirtz will Liverpool die Abhängigkeit von Salah reduzieren, der in der vergangenen Saison an 47 der 86 Ligatreffer beteiligt war – fast zweieinhalbmal so häufig wie der nächstbeste Mitspieler. Der Plan und die Hoffnung des Klubs ist, dass Wirtz perspektivisch in Salahs Rolle hineinwächst und einen ähnlichen internationalen Bekanntheitsgrad erlangt wie der Ägypter. Diese hohen Erwartungen an den jungen Deutschen sind vergleichbar mit denen, die an seinen Landsmann Kai Havertz gerichtet wurden, als dieser im Alter von 21 Jahren für 75 Millionen Euro auch von Bayer Leverkusen zum FC Chelsea wechselte.
Florian Wirtz muss sich an die Körperlichkeit in England gewöhnen
Am Sonntag konnte Florian Wirtz erstmals einen Eindruck davon gewinnen, was ihn in England erwartet. Er wurde von den Palace-Spielern körperlich stark gefordert und musste immer wieder dagegen halten. Dabei wirkte er manchmal genervt, sodass er kurz vor der Halbzeit wegen Reklamierens die gelbe Karte erhielt. Dennoch kämpfte Wirtz weiter – und gehörte trotz der Niederlage zu den auffälligsten Spielern im Team des FC Liverpool.
Frimpong, Wirtz - und nun Ekitiké
Der FC Liverpool investiert 300 Millionen Euro, um einen Generationswechsel zu vollziehen. Nach Florian Wirtz kommt Hugo Ekitiké aus der Bundesliga. Von den Transfers könnte auch der FC Bayern profitieren - der an Liverpools Luis Díaz interessiert ist.
