Arno Merk bei der Darts-WM

Von der Werkbank zur WM

28. Dez. 2025, 17:38 Uhr

Der Einzug in die dritte Runde bei der Darts-WM ist der bisher größte Erfolg in der Laufbahn von Arno Merk. (Foto: John Patrick Fletcher / Imago Images)
Der Einzug in die dritte Runde bei der Darts-WM ist der bisher größte Erfolg in der Laufbahn von Arno Merk. (Foto: John Patrick Fletcher / Imago Images)

Schmähungen, Umzug nach Italien, Ausbildung als Gewindebohrer – und plötzlich deutsche Darts-Hoffnung: Arno Merk erzählt eine der interessantesten Geschichten bei der diesjährigen WM. In der dritten Runde trifft er auf Ex-Weltmeister Michael van Gerwen.

Von Sven Haist, London

Diesmal ließ sich Arno Merk von den Zuschauern nicht aus der Ruhe bringen. Beim Walk-on zum Eröffnungsspiel der diesjährigen Darts-Weltmeisterschaft im Alexandra Palace in London ertönten aus dem Publikum vereinzelte Pfiffe – mutmaßlich von englischen Fans, die in dem deutschen Spieler einen Rivalen sahen. Er habe die Reaktionen zwar wahrgenommen, aber einfach sein Ding durchgezogen, sagte Merk später. Der Deutsche gewann sein Auftaktmatch souverän gegen den Belgier Kim Huybrechts und legte damit den Grundstein für das bislang aussichtsreiche Abschneiden seiner Landsleute. Fünf von acht Deutschen meisterten die erste Hürde, drei von ihnen – Martin Schindler, Ricardo Pietreczko und Gabriel Clemens – stehen bereits in der dritten Runde, die nach Weihnachten ausgetragen wird.

Merk, 33, könnte am Dienstagnachmittag nachziehen, wenn er auf den früheren Doppelweltmeister Peter Wright aus Schottland trifft – genau den Gegner, den er sich gewünscht hatte. Wright sei eine Darts-Legende und überaus beliebt, sagt Merk. Ein solches Aufeinandertreffen schien angesichts seiner Begabung bereits vor anderthalb Jahrzehnten denkbar. Mit 18 Jahren hatte er sich für die WM der British Darts Organisation (BDO) qualifiziert, einem (bitte einfügen: damaligen) Wettbewerber der Professional Darts Corporation (PDC). Doch im ersten Spiel schied er chancenlos aus – und wurde in Internetforen wegen seiner Leistung heftig kritisiert. „Es gab einige Hasskommentare“, erinnert sich Merk.

Die negativen Kommentare führten dazu, dass er die Lust und Motivation am Darts verlor und zwischenzeitlich jahrelang komplett pausierte. Selbst privat nahm er nur selten die Pfeile in die Hand. 2016 trat er stattdessen eine Stelle als Anwendungstechniker für Gewindebohrer in einem italienischen Unternehmen an. Er lebte in einem kleinen Ort zwischen Como und Mailand und genoss die Zeit als junger Erwachsener – bis er nach drei Jahren Familie und Freunde zu sehr vermisste und nach Deutschland zurü­c­kke­hrte. Dort verfolgte er Darts im TV mit seinem besten Kumpel, dem Darts-Bundesligaspieler Marcel Gomula, und begann auf dessen Drängen wieder zu spielen. Das Talent war nach wie vor vorhanden.

Über kleinere Turniere gewann Merk Timing und Selbstvertrauen zurück. Im April 2024 qualifizierte er sich für ein Profievent in Sindelfingen, wurde dort allerdings von Luke Littler klar besiegt. Damals habe er die „schlechte Einstellung“ gehabt, die Partie ohnehin nicht gewinnen zu können. Durch intensives Training in den vergangenen Monaten änderte sich das – nun glaubt er (bitte einfügen: an) seine Chance gegen Wright. Den WM-Startplatz sicherte sich merk (bitte groß: Merk) durch den Titel bei der PDC Super League in Hildesheim. Schon jetzt hat er 25 000 Pfund Prämie bei der WM sicher, genug, um in der PDC-Weltrangliste, die nach dem erspielten Preisgeld berechnet wird, mindestens an die Top 100 heranzukommen.

Derzeit steht der frühere deutsche Jugendmeister auf Platz 163. Das Preisgeld hilft ihm, seine Ambition, Profi zu werden, zu finanzieren. Er plant, das Geld sorgfältig einzusetzen, um irgendwann allein von seiner Leidenschaft leben zu können. Dafür ist die lukrative PDC-Tourkarte unabdingbar, die er erst noch erspielen muss. Ein Erfolg gegen Wright könnte ihm zusätzlich Aufmerksamkeit verschaffen. Merk hat zuletzt an Darts-Reality-Formaten teilgenommen und gewährt seit einem halben Jahr auf seinem TikTok-Kanal Einblicke in seinen Trainingsalltag: Er filmt Würfe, beantwortet Fragen und gibt Hinweise an seine Fans. Auf diese Weise schließt sich für ihn ein Kreis. Die Anfeindungen von einst hat er hinter sich gelassen und genießt den Neuanfang.

Mit seinem Durchbruch erfüllte sich auch ein lang gehegter Traum: die Reise in den Alexandra Palace. Seinen Freunden, die mehrmals privat mit ihm zur WM wollten, hatte er immerzu vertröstet: „Wenn ich da hinfahre, dann als Spieler.“ Die Stimmung sei „erdrückend“ gewesen, berichtete er nun über sein Debüt im Ally Pally. Die Fans tobten hinter ihm während des gesamten Spiels. Bei der WM unterstützt ihn sein engstes Umfeld vor Ort, sein Sieg gegen Huybrechts wurde anschließend ausgiebig im Pub gefeiert. Sein Profil – Rücktritt, Auszeit, Comeback – zählt zu den spannendsten Geschichten der diesjährigen Teilnehmer.

Das Aufeinandertreffen gegen den Publikumsliebling Wright markiert den bisherigen Höhepunkt von Arno Merks Karriere. Es ist der Lohn für seine Beharrlichkeit – unabhängig vom Ergebnis und von den Reaktionen der Zuschauer.

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