Darts-Weltmeisterin Beau Greaves
Vorbild der Dartsspielerinnen
02. Jan. 2026, 17:53 Uhr

Beau Greaves ist die beste Dartsspielerin der Welt und hat das Potenzial, bald zu einer großen Herausforderin von Weltmeister Luke Littler zu werden. Kürzlich hat sie ihn bereits besiegt. Über eine junge Frau, die trotz ihres Talents beinahe mit Darts aufgehört hätte.
Die Darts-Spielerin Beau Greaves ist das weibliche Pendant zum Weltmeister Luke Littler: nahezu unaufhaltsam. Während Littler die Darts-Szene insgesamt dominiert, setzt Greaves seit Jahren Massstäbe bei den Frauen. Die dreifache Frauen-Weltmeisterin, die von 2022 bis 2024 triumphierte, führt auch die Weltrangliste der Frauen an, die sich aus dem erspielten Preisgeld ergibt – mit mehr als zweieinhalb Mal höheren Einnahmen als die zweitplatzierte Fallon Sherrock.
Kürzlich bezwang Greaves Littler sogar im Halbfinal der Nachwuchs-Weltmeisterschaft im Sudden-Death-Leg, einem aussergewöhnlichen Duell, das zu den besten Darts-Matches des Jahres gezählt werden darf. Trotz einer Durchschnittsleistung von 107,4 Punkten pro Aufnahme und einem beinahe perfekten «Neun-Darter», der die Ausgangszahl «501» mit minimaler Pfeilzahl auf «0» reduziert, musste sich der gegenwärtige Weltmeister geschlagen geben. «Alle Achtung vor Beau Greaves», sagte Littler und würdigte seine Konkurrentin als «herausragendes Talent».
Zwischen den beiden zeichnet sich eine spektakuläre Rivalität im Darts ab: Sie kommen beide aus England, und sie sind beide noch sehr jung – Littler ist 18, Greaves 21.
Greaves’ bemerkenswerte Leistungen in dieser Saison auf der Development Tour der Professional Darts Corporation (PDC), der Nachwuchsserie für junge Frauen und Männer, sicherten ihr als erst zweiter Frau nach Lisa Ashton die Profi-Tourkarte für die kommenden zwei Jahre – sowie einen Startplatz an der zurzeit stattfindenden WM im Londoner Alexandra Palace.
Am Freitag absolviert Greaves ihr Erstrunden-Duell in der Prime Time gegen den als Nummer 22 gesetzten Daryl Gurney aus Nordirland. Insider trauen ihr einen ähnlichen Durchmarsch zu wie Littler vor zwei Jahren, als er bei seinem Debüt bis in den Final vorstiess. Für Greaves ist es die zweite WM-Teilnahme bei der PDC; 2022 schied sie in der ersten Runde aus.
Diesmal tritt sie mit dem Selbstvertrauen einer beachtlichen und noch immer anhaltenden Siegesserie an: Sie hat bei den Frauen zuletzt sämtliche 86 Matches und 13 Turniere in Folge gewonnen. Mit der Annahme der Tourkarte im Herbst darf Greaves aufgrund der strengen Regeln der PDC jedoch nicht mehr an den Turnieren anderer Organisationen teilnehmen, weshalb sie ihren WM-Titel bei den Frauen nicht verteidigen konnte. Dennoch eröffnet ihr der Schritt zu den viel lukrativeren PDC-Turnieren zweifellos die besten Perspektiven für die Zukunft.
Im Alter von 10 Jahren begann Greaves, die aus der Provinz Doncaster stammt, auf die Darts-Scheibe ihres Bruders im Schlafzimmer zu werfen, während dieser an der Videokonsole spielte. Ihr Bruder bemerkte das Talent sofort und informierte die ebenfalls begeisterten Eltern, die sie im lokalen Darts-Pub anmeldeten und förderten. Ihre ausserordentlichen Fähigkeiten offenbarten sich insbesondere in der Wurfbewegung: präzise, konstant, gerade, ohne jede Änderung der Körperhaltung. Der Ablauf von Beau Greaves wirkt fast spielerisch leicht – passend zu ihrem Darts-Spitznamen «Beau ’n’ Arrow» (Pfeil und Bogen).
Bereits zwei Jahre später vertrat Greaves England an Jugendturnieren im Darts und düpierte in Kneipen reihenweise pikierte Männer. «Ich habe einfach stillgehalten, wenn ich gewonnen habe», erzählt sie. Unterstützung erhielt sie von ihrem Bruder und dem Vater, deren imposante Statur kritische Kommentare im Keim erstickte. Als jüngste von sechs Geschwistern wuchs ihr Selbstvertrauen mit jedem Erfolg, nachdem sie sich in der Schule bisweilen so schüchtern gegeben hatte, dass Lehrer sie für stumm hielten. Damals habe sie überhaupt nichts gesagt, erinnert sie sich, bis Darts sie offener gemacht habe.
Der grösste Einschnitt in ihrer noch jungen Laufbahn erfolgte mit 20 an ihren ersten Profi-Turnieren: Sie litt an «Dartitis», einer psychischen Blockade, die es extrem schwermacht, den Wurf korrekt auszuführen. «Der schlimmste Albtraum eines Darts-Profis», sagte sie und dachte zeitweise über ein Karriereende nach. «Alles fühlte sich unglaublich schwer und ermüdend an. Ich habe wirklich gelitten und war kurz davor, die Darts in den Fluss zu werfen. So wollte ich nicht weitermachen.»
Sie suchte ärztlichen Rat, um mit der Leistungsangst und dem Druck vor Publikum besser umgehen zu können. Der Tod eines nahen Familienangehörigen, der sie stets ermutigt hatte, niemals mit Darts aufzuhören, trieb sie ebenso an. Greaves machte weiter – und ist heute ein Vorbild für viele junge Darts-Spielerinnen.
Sie ist eine von fünf Frauen im diesjährigen WM-Startfeld – das sind so viele wie nie zuvor. Durch Spielerinnen wie Greaves und den Superstar Littler verdreifachte sich die Zahl der Mädchen weltweit in den 80 Darts-Jugendakademien der PDC. Der Verband nutzte die Gelegenheit, eine neue Turnierserie für Mädchen zu installieren. Darts gehört neben dem Reit- und dem Motorsport zu den wenigen Sportarten, in denen Frauen und Männer in einem gemeinsamen Wettbewerb gegeneinander antreten. Sie stehen sich sogar direkt auf der Bühne gegenüber.
Darts sei einerseits ein «faires Spielfeld», in dem es keine Rolle spiele, ob man eine Frau oder ein Mann sei, sagt der PDC-Vorsitzende Barry Hearn. Andererseits gibt es Stimmen, die das Fehlen einer eigenen Frauen-WM unter PDC-Leitung kritisieren. Zwar können immer mehr Frauen im Darts mit den Männern mithalten, doch mögliche konstitutionelle Nachteile sind bis jetzt noch kaum detailliert erforscht.
Beau Greaves hat derweil selbst die besten Männer im Darts das Fürchten gelehrt. Das wurde vor der WM abermals deutlich, als Littler sagte, er wolle ein frühes Aufeinandertreffen mit Greaves vermeiden. Die Auslosung ergab, dass sich Greaves und Littler frühestens im Final begegnen könnten.


