Doppelweltmeister Luke Littler
Der Auserwählte des Pfeilewerfens
05. Jan. 2026, 23:42 Uhr

„Zeitweise bin ich nicht aufzuhalten“: Luke Littler verteidigt als erster Spieler seit zehn Jahren den WM-Titel im Darts. Nicht mal eine Wespe und ein Blutfleck auf dem Darts-Board können ihn stoppen. Die Konkurrenz fragt sich: Wer soll ihn schlagen?
Um Luke Littler nach seinem zweiten Weltmeistertitel in Serie ernsthaft herauszufordern, bräuchte es wohl Phil Taylor. Der König des Darts, der sich vor acht Jahren nach einmaligen 16 WM-Siegen aus dem Profisport verabschiedete, hatte im Mai 2024 über ein mögliches Duell mit seinem designierten Thronfolger gesagt, er könne sich einen Schaukampf vorstellen. Allerdings knüpfte Taylor seine Zusage an besondere Bedingungen: gespielt werden sollte nur ein Leg, Startwert 301 – und Anwurf für ihn. Die Idee dahinter war so schlicht wie genial. Mit drei Pfeilen wollte sich der Großmeister sofort ein Finish stellen, um es im nächsten Durchgang auszuwerfen. In diesem Szenario hätte Littler, egal welche Punktzahl er erzielt, keine Chance auf den Sieg. Angesichts der Dominanz, mit der Littler die Darts-Szene aktuell beherrscht – und die unweigerlich an Taylors zwei Jahrzehnte währende Regentschaft erinnert –, wäre das aktuell vermutlich die einzige Möglichkeit, ihn zu bezwingen.
Am Samstagabend verteidigte der 18 Jahre alte Littler im jüngsten WM-Finale der Darts-Historie im Londoner Alexandra Palace seinen Vorjahrestitel gegen den Niederländer Gian van Veen, 23. Mit 7:1 Sätzen besiegte er den neuen Weltranglistendritten. Das eindeutige Ergebnis war eine Reverenz an Taylor, der als bisher einziger Spieler ein WM-Endspiel in dieser Deutlichkeit gewonnen hatte, letztmals im Jahr 2009 gegen Raymond van Barneveld. „Das ist, wovon man träumt“, sagte Littler. Mit seinem erneuten Sieg gehört der Engländer nun neben seinen Landsleuten Taylor und Adrian Lewis sowie dem Schotten Gary Anderson zu jenem erlesenen Kreis von Spielern, die ihren WM-Titel verteidigen konnten. Zuletzt gelang dies Anderson 2015 und 2016 – ein Hinweis darauf, wie ausgeglichen die Darts-Szene nach Taylors Rücktritt war.
is Luke „The Nuke“ Littler einschlug. Die Auswirkungen seines Ausnahmetalents werden immer deutlicher: Bei drei WM-Teilnahmen gewann Littler 19 von 20 Spielen – einzig in seinem ersten Finale vor zwei Jahren verlor er als 16-Jähriger gegen den Engländer Luke Humphries. Seitdem räumt er nahezu alle wichtigen Pokale und Preisgelder ab. Für seinen aktuellen Triumph erhält er die neue Rekordprämie von einer Million Pfund. Da die Weltrangliste auf den Preisgeldern der vergangenen zwei Saisons basiert, hat Littler inzwischen einen so komfortablen Vorsprung, dass er selbst ohne einen einzigen Auftritt in diesem Jahr die Nummer eins bleiben würde. „Ich will alles dominieren und versuchen, auch alles zu gewinnen“, sagt er. Ganz wie früher Taylor.
Nachdem er im Finale den ersten Satz verloren hatte und im zweiten zunächst ins Hintertreffen geraten war, gewann Littler sieben Sätze in Serie. Eine Machtdemonstration, die van Veen brutal zusammenfasste: „Ich bin überrollt worden.“ Mit einem Schnitt von 106 Punkten pro Aufnahme spielte Littler den dritthöchsten Average, der je in einem WM-Finale erzielt wurde – nur Michael van Gerwen (2017) und Rob Cross (2018) waren noch besser. „Zeitweise bin ich nicht aufzuhalten“, konstatierte Littler sich selbst. „Unschlagbar“, nannte ihn van Veen anerkennend.
Bei diesem Turnier wurde Littler von mehreren kuriosen Umständen geprüft: das bierselige Publikum, die berüchtigte „Ally-Pally-Wespe“ – und Blut auf der Dartscheibe. Im Achtelfinale verlor er die Nerven, als die Zuschauer, darunter viele Darts-Touristen aus Deutschland, seinen Kontrahenten lautstark anfeuerten. Nach seinem verwandelten Match-Dart rief er mit ausgebreiteten Armen aufgebracht in Richtung Menge: „What now?“ Was jetzt? Später legte er im Interview in der Halle nach, als er mit hochrotem Kopf zynisch zürnte: „Ihr bezahlt für Tickets, und ihr bezahlt mein Preisgeld. Danke für mein Geld!“ Die Konfrontation mit den Zuschauern, deren Einfluss auf das Spielgeschehen im Darts stark zugenommen hat, hätte problematisch werden können, doch vor dem nächsten Spiel applaudierte er demonstrativ versöhnlich.
Auch ein ungebetener Gast im Finale konnte ihn nicht aus der Ruhe bringen: Im fünften Satz flog plötzlich eine Wespe bedrohlich auf seinen Kopf zu, als er zu einem Wurf ausholte. Littler wich reaktionsschnell aus und musste keinen Dart werfen – wobei man ihm zugetraut hätte, die Wespe im Flug zu treffen. Die Professional Darts Corporation, die das Turnier ausrichtet, erklärte, dass die Königinnen der Wespen zu dieser Jahreszeit nach einem trockenen Ort suchen und von Licht sowie Wärme auf der Bühne angezogen werden. Littler zeigte sich gegenüber dieser biologischen Betrachtung skeptisch (auch wenn der Alexandra Palace von einem Naturschutzgebiet umgeben ist) und meinte, die Wespen seien gezielt von jemandem – mutmaßlich Zuschauern – „hereingebracht“ worden: „Sie können nicht einfach so auftauchen. Auf keinen Fall.“
Einen weiteren irritierenden Moment erlebte Littler einen Satz später, als das Spiel auf einmal kurz unterbrochen wurde und die Zielscheibe ausgetauscht werden musste. Der Doppelweltmeister blickte fragend um und wandte sich an van Veen – auf dem Feld der 5 befand sich ein kleiner Blutfleck. Tatsächlich stammte dieser von van Veen, der sich in der Pause den kleinen Finger in der Toilettentür eingeklemmt und aufgerissen hatte. „Ich bin mit dem Finger ans Board gekommen“, berichtete er.
„Er kann so lange dominieren, wie er will“, prophezeit der Darts-Monarch Taylor über Littler. Dessen Leistungen seien ihm „ähnlich“. Manchmal starte Littler, wie er einst, etwas langsam in Matches und lege dann spielerisch leicht zu. Littlers Pfeilwurftalent entspricht de facto dem eines Auserwählten. Entsprechend liest sich auch sein Werdegang. Noch bevor der Bursche aus Warrington bei Liverpool den Schnuller anfasste, soll er Darts-Pfeile in den Händen gehalten haben. Von klein auf trainierte er auf eine große Laufbahn hin, unterstützt von den immer professionelleren Strukturen des Verbands in der Nachwuchsförderung. „Früher mussten junge Spieler bei den Profis erst herausfinden, wie man gewinnt“, sagt der frühere Darts-Weltmeister John Part der SZ: „Heute wissen sie es bereits.“
Neben Talent und Selbstbewusstsein verfügt Littler über eine erstaunliche Siegesaura. Letztere beschrieb van Veen nach dem Finale: Im Vergleich zu anderen Topspielern, wie den von ihm zuvor besiegten Weltmeistern Humphries und Anderson, baue Littler im Duell nochmals einen ganz anderen Druck auf. Eine weitere markante Eigenschaft Littlers fällt erst durch die Analyse der Konkurrenz auf. So bemängelte Taylor an Humphries, dem Weltranglistenzweiten und Littlers härtestem Rivalen, dass diesem „eine Portion Bissigkeit“ fehle. Littler trägt sie fast selbstverständlich in sich, wie seine Auseinandersetzung mit den Zuschauern zeigte.
Seine Titel im Darts haben Littler zum Multimillionär gemacht, er ist in England praktisch so bekannt wie die Fußballer Harry Kane und Jude Bellingham. Sein Leben spielt sich nun zwischen dem Wohnsitz bei den Eltern, denen er ein Haus kaufte, und den schillernden Weltbühnen des Sports ab. Dem Ruhm zum Trotz hat sich Littler bisher Bodenständigkeit bewahrt – indem er sich selbst nicht zu wichtig nimmt. Er teilt mit seinen Fans etwa, dass er sieben Anläufe benötigte, um den Theorietest der Führerscheinprüfung zu bestehen. Seine Hobbys sind weiterhin Videospiele und Manchester United. Die Spiele des Fußballklubs verfolgt Littler gelegentlich sowohl im Fanblock als auch in der Ehrenloge neben dem Management. Im Sender Sport1 erzählte Littler, dass ihm der FC-Bayern-Spieler Lennart Karl während des Turniers Glück gewünscht hätte.
Dass er die Motivation am Pfeilewerfen bald verlieren könnte, schließt Luke Littler aus. „Ich werde noch lange dabei sein“, kündigte er an. Auch wenn er mit „fünf oder sechs Weltmeistertiteln“ zufrieden wäre, hat er Phil Taylors Rekord im Blick. Ob er diesen tatsächlich einholen könnte? „Ich würde sagen … in 15, 16 Jahren“, meinte er – immerhin aus Sicht der Konkurrenz mit einem Augenzwinkern.
Genervt von den Germans
Darts-Weltmeister Luke Littler legt sich auf dem Weg zur Titelverteidigung mit deutschen Fans an, die ihm nicht gewogen sind. Diese sind zwar unter den Spielern nicht unbedingt beliebt - aber für die Sportart dennoch von großer Bedeutung.
