Darts-WM 2026
Genervt von den Germans
02. Jan. 2026, 17:18 Uhr

Darts-Weltmeister Luke Littler legt sich auf dem Weg zur Titelverteidigung mit deutschen Fans an, die ihm nicht gewogen sind. Diese sind zwar unter den Spielern nicht unbedingt beliebt – aber für die Sportart dennoch von großer Bedeutung.
Von der amerikanischen Baseballlegende Reggie Jackson ist ein wunderbarer Gedanke überliefert: „Fans buhen keine Unbekannten aus.“ Diese Erfahrung macht derzeit auch der 18 Jahre alte Darts-Weltmeister Luke Littler auf dem Weg der Titelverteidigung. Am Neujahrsabend wurde er vor seinem Viertelfinalsieg gegen den Polen Krzysztof Ratajski im Londoner Alexandra Palace von Teilen des Publikums erneut mit lauten Pfiffen empfangen. Um die Zuschauer zurückzugewinnen, mit denen er sich eine Runde zuvor heftig überworfen hatte, applaudierte Littler den Fans direkt nach seinem Walk-on vor Beginn des Matches demonstrativ respektvoll zu. Mit dieser Geste habe er den Menschen in der Halle bewusst signalisieren wollen, dass er sie auf seiner Seite wissen wollte, erklärte er später.
Der Plan ging auf: Die Mehrheit reagierte anschließend positiv, feierte seine Wurfkombinationen – und skandierte seinen Namen. Littler war nicht aufzuhalten. Er deklassierte seinen Gegner mit 5:0 Sätzen, das Match dauerte gerade einmal 33 Minuten. Der Favorit gab lediglich fünf Legs ab (drei werden jeweils für einen Satz benötigt), zudem gelangen ihm vier Check-outs mit dreistelligen Restwerten. Besonders das „170er-Finish“ zum Gewinn des ausgeglichenen ersten Satzes erwies sich als vorentscheidend.
Nach dem höchsten möglichen Finish im Darts, dem sogenannten „Big Fish“ von 170 Punkten, fiel die Anspannung von ihm ab. Littler lief auf dem Podium einige Schritte zur linken Hallenseite, warf mit dem rechten Arm eine imaginäre Angel aus – und hatte im übertragenen Sinne ein paar Fans aus Deutschland am Haken. Diese hätten zuvor seinen Gegner besungen, berichtete Littler auf der Pressekonferenz. Deshalb sei die 170 auch ein Zeichen an die aus seiner Sicht nervigen Germans gewesen, erläuterte er süffisant.
Weitere Spannungsmomente zwischen Littler und den – insbesondere deutschen – Anhängern blieben aus. Das lag auch an einer offenbar vorsorglichen Maßnahme der Professional Darts Corporation (PDC) in Abstimmung mit TV-Rechteinhaber Sky: Statt des obligatorischen Siegerinterviews auf dem Podium, das üblicherweise über Lautsprecher im Ally Pally übertragen wird, wurde Littler nach dem Matchdart direkt ins TV-Studio geführt. Seine Analyse war ausschließlich für das Fernsehpublikum zu hören. Als er das Podium ohne Interview verließ, verabschiedeten ihn die Zuschauer wohlwollend.
Nach dem Achtelfinalsieg gegen Rob Cross war die Stimmung noch eine andere gewesen. Gleich zu Beginn des Interviews hatte sich Littler damals mit hochrotem Kopf an alle Fans gerichtet, die zuvor äußerst einseitig seinen Gegner angefeuert, sich über seine Fehlwürfe gefreut und ihn bisweilen auch persönlich attackiert hatten. Unter ihnen befanden sich viele Darts-Touristen aus Deutschland, wie die Gesänge erahnen ließen. „Es macht mir nichts aus, wirklich“, wiederholte Littler dreimal hintereinander – ein deutliches Indiz, wie sehr ihn das Verhalten der Fans tatsächlich getroffen hatte. Emotional aufgebracht konterte er mit Zynismus: „Ihr bezahlt für Tickets, und ihr bezahlt mein Preisgeld. Danke für mein Geld! Danke, dass ihr mich ausgepfiffen habt!“
Seinen Wutausbruch erklärte Littler damit, in Anbetracht der „feindseligen“ Atmosphäre „die Nerven verloren“ zu haben. Es sei das erste Mal gewesen, dass ihn keiner bei einer WM siegen sehen wollte. Bei seinem Debüt 2024 hatte er, auch mithilfe der Anhänger, auf Anhieb das Finale erreicht und ein Jahr später den Titel geholt. Zwar bereue er seine Worte nicht, doch er könne „viel dazulernen“ im Umgang mit dem Publikum, räumte Littler ein. Er hatte sich nach dem ersten Satz gegen Cross hämisch die Hände an die Ohren gelegt – und die Fans damit erst recht gegen sich aufgebracht.
Littlers Frust bekamen in erster Linie deutsche Fans zu spüren, über deren Verhalten er sich während seiner Matches bereits bei vorherigen Turnieren beklagt hatte. Nach einem Wettbewerb in München im vergangenen April spitzte sich die Situation zu, als Littler unter dem Eindruck der offenen Ablehnung damit drohte, künftig nicht mehr in Deutschland anzutreten. Das ist allerdings kaum umsetzbar, da hierzulande zahlreiche wichtige Turniere stattfinden. Kurz darauf verlor Littler im Team mit Luke Humphries bei einem Nationenwettbewerb in Frankfurt gegen ein deutsches Duo. Die Fans hatten mit ihrer parteiischen Unterstützung die beiden als unschlagbar geltenden Engländer völlig aus dem Konzept gebracht.
Im Gegensatz zu anderen Schauplätzen, an denen sich Darts-Fans weitgehend neutral verhalten, scheint sich speziell das deutsche Publikum häufig klar auf eine Seite zu schlagen. So entsteht eine Atmosphäre wie in Fußballstadien – im Darts kann das für betroffene Spieler belastender wirken, weil sich die Reaktionen der Fans nicht auf ein Team, sondern auf den Einzelnen fokussieren. „Die Deutschen mögen uns Engländer wohl nicht“, sagte Littler resigniert. Auch andere Spieler haben sich kritisch über deutsche Darts-Besucher geäußert, die zugleich jedoch regelmäßig für ihre besondere Stimmung gelobt werden. Für das Wachstum der Sportart ist die vergleichsweise große Begeisterung aus Deutschland ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Denn nicht allein Littlers Pfeilwurfkünste und seine Dominanz in der Szene bilden die Grundlage für die bislang von ihm erspielten mehr als zwei Millionen Pfund Preisgeld; ebenso maßgeblich ist das grundsätzliche Interesse von Millionen Menschen an Darts.
Zu den positiven Eigenschaften der Szene zählt immerhin, dass die Beteiligten selten nachtragend sind und das Publikum ständig wechselt. Nur wenige Fans kaufen Tickets für mehrere Sessions eines Turniers. Obwohl Littler sich gegen Ratajski „auf das Schlimmste“ vorbereitet habe, zog er hinterher zufrieden Bilanz: Die Leute seien „heute Abend sehr gut“ gewesen, und die jüngsten Auseinandersetzungen hätten ihn als Spieler wachsen lassen. Im Halbfinale trifft er am Freitagabend auf den englischen Außenseiter Ryan Searle. Im Parallelmatch fordert der junge Niederländer Gian van Veen, der im Viertelfinale überraschend deutlich den Weltranglistenzweiten Luke Humphries bezwungen hatte, den schottischen Altmeister Gary Anderson heraus. In diesem Feld gilt Luke Littler als Favorit auf den erneuten Titel. In den Londoner Pubs wird gewitzelt, sein größter Konkurrent könnten die deutschen Fans werden. Deren Sympathien lassen sich – gemäß dem Reggie-Jackson-Zitat – auch anders lesen: als Auszeichnung.

