Jüngstes Darts-WM-Finale der Geschichte

Der Herausforderer des Unschlagbaren

03. Jan. 2026, 16:05 Uhr

Das jüngste Darts-WM-Finale aller Zeiten: Gian van Veen, 23, fordert Luke Littler, 18, heraus. (Foto: Ian Stephen/Action Plus/Imago Images)
Das jüngste Darts-WM-Finale aller Zeiten: Gian van Veen, 23, fordert Luke Littler, 18, heraus. (Foto: Ian Stephen/Action Plus/Imago Images)

Gian van Veen erreicht durch einen hochklassigen Sieg gegen Gary Anderson sein erstes WM-Finale. Dabei dachte er bereits ans Aufhören, nachdem er unter mentalen Blockaden litt. Doch die Einsamkeit der Corona-Pandemie half ihm zum Durchbruch.

Von Sven Haist, London

Gian van Veen konnte kaum fassen, dass er das Finale der Darts-Weltmeisterschaft erreicht hatte – ausgerechnet gegen den englischen Titelverteidiger Luke Littler, dem er im November 2023 bei der Junioren-WM unterlegen war. Nach seinem fulminanten Halbfinalsieg über den Doppelweltmeister Gary Anderson aus Schottland klopfte sich der Niederländer immer wieder ungläubig an den Hinterkopf und tippte sich anschließend mit seinem Darts-Etui an die Stirn. Dazwischen stützte er seine Arme auf den Stehtisch, auf dem sich seine Pfeile und eine Wasserflasche befanden, und ließ den Kopf einen Moment lang sinken. Das Endspiel des wichtigsten Jahresevents zu erreichen, stammelte van Veen später gerührt, sei kein wahr gewordener Traum, weil er davon einst nicht einmal zu träumen gewagt habe.

In einem konstant hochklassigen Match, dessen Spielzeit mehr als eine Stunde betrug, rang van Veen Anderson mit 6:3 Sätzen nieder. Dabei gab das Resultat nur unzureichend wieder, wie ausgeglichen und spannend das Generationsduell war – zwischen van Veen, 23, und Anderson, 55, liegen 32 Jahre Altersunterschied. Beide Spieler warfen im Durchschnitt mit drei Pfeilen 103 Punkte, gewannen fast gleich viele Legs und brillierten mit hohen Check-outs. Die Entscheidung fiel auf den Doppelfeldern: Van Veen traf herausragende 55 Prozent seiner Würfe, Anderson 45,5.

Die Leistungen der beiden Spieler kulminierten im fünften Satz, als Anderson einen 1:3-Rückstand aufholen musste. Für den Gewinn der ersten beiden Legs benötigte er nur zehn und zwölf Darts – neun wären das perfekte Spiel gewesen, das bei dieser WM bisher niemandem gelungen ist. Doch van Veen schlug eindrucksvoll zurück: Unter dem enormen Druck seines Kontrahenten sicherte er sich die folgenden drei Legs mit lediglich elf, zwölf und 15 Darts. Es war einer der außergewöhnlichsten Sätze, die in der Geschichte des Darts je gespielt worden sind.

„Ich habe es genossen, ihm beim Spielen zuzusehen“, sagte van Veen in der Analyse über sein Idol Anderson – obwohl das in einer solchen Partie eigentlich „niemals“ der Fall sein sollte. Bisweilen habe er sich selbst ermahnen müssen, den Fokus wieder auf das eigene Spiel zu richten, berichtete er. Auch mit den Sympathien der Fans im Alexandra Palace, die sich gegen Ende zunehmend deutlich auf die Seite des Altmeisters schlugen und Anderson zu einer kurzen Aufholjagd trieben, haderte van Veen aufgrund der besonderen Konstellation nicht. Wie könnte er die Zuschauer kritisieren, die Anderson unterstützten, wenn er doch selbst immer noch dessen Anhänger sei? Anderson wiederum schien sich an der Nervenstärke seines Rivalen zu erfreuen, der Schotte schmunzelte immer wieder anerkennend. Der Routinier gilt als natürlich begabter, wenig verbissener Spieler – und zählt deshalb zu den Publikumslieblingen im Darts. „Mach weiter – und hol dir jetzt den Titel“, sagte Anderson zu van Veen, als er ihm gratulierte.

Bei seiner dritten WM-Teilnahme erstaunte Gian van Veen, an Position zehn gesetzt, die Szene, indem er zunächst den Weltranglistenzweiten Luke Humphries und nun Anderson aus dem Wettbewerb warf. In den beiden Vorjahren war er in der ersten Runde am Hongkonger Man Lol Leung und in Runde zwei am Deutschen Ricardo Pietreczko gescheitert. Durch seinen Durchmarsch verbessert sich van Veen mindestens auf den dritten Platz in der Weltrangliste der Professional Darts Corporation (PDC) und löst erstmals seit 2012 seinen Landsmann Michael van Gerwen (der im Achtelfinale an Anderson scheiterte) als niederländische Nummer eins ab.

In seiner derzeitigen Form könnte der amtierende Juniorenweltmeister van Veen selbst dem als fast unschlagbar geltenden Pfeilwurfprinzen Littler gefährlich werden, der zuvor seinem Landsmann Ryan Searle beim 6:1 keine Chance ließ. Der Showdown am Samstagabend (21 Uhr/Sport1 und Dazn) um eine Million Pfund Preisgeld – eine der höchsten WM-Einzelprämien im Sport – könnte ebenso gut das Finale eines Nachwuchsturniers sein, so jung sind beide Finalisten mit ihren 18 (Littler) und 23 Jahren. Es ist das jüngste WM-Endspiel in der PDC-Historie und steht exemplarisch für die momentan unaufhaltsam fortschreitende Verjüngung der Weltspitze im Pfeilwerfen. Van Veen und Littler gehören zu den Vorreitern jener Generation, die angesichts des finanziellen Anreizes gezielt in jungen Jahren auf eine Profilaufbahn im Darts trainiert.

Trotz desselben Ziels verliefen die bisherigen Karrieren der beiden Pfeilwurf-Cracks höchst unterschiedlich. Während Littlers Aufstieg bisweilen wie der eines Auserwählten anmutet, musste van Veen, einer der vornehmsten und intelligentesten Spieler auf der Profitour, gravierende Rückschläge verkraften. Als Teenager litt er jahrelang an einer psychischen Blockade, die es extrem schwermacht, den Wurf korrekt auszuführen. Ihre Spuren sind bei ihm bis heute sichtbar. Zur Lockerung seines Arms führt er vor seinen eigentlichen Würfen immer wieder Probeschwünge aus. Dazu kommt eine Farbenblindheit, die ihn laut eigener Aussage beim Darts aber zumindest nicht einschränkt.

In der damaligen Krise überkamen van Veen Selbstzweifel. Gegner warfen ihm vor, zu täuschen. In einem Spiel brach er in Tränen aus. Schlimmer noch war das Gefühl, die Eltern im Stich zu lassen, die Zeit und Geld aufwendeten, damit er an Wettbewerben in den Niederlanden teilnehmen konnte – ohne, dass er zu jener Zeit Preisgelder erspielte. „Da geht ihr Geld schon wieder drauf“, habe er nach Fehlwürfen gedacht, sagt er. Rückblickend habe ihm vor allem die mentale Komponente im Darts Probleme bereitet. Er dachte ans Aufhören, doch die Freude am Darts war ungeachtet aller Beschwerlichkeiten nach wie vor vorhanden.

Zum Wendepunkt wurde die Corona-Pandemie, als van Veen von zu Hause aus über eine Webcam an Turnieren teilnehmen konnte. So musste er sich keine Gedanken über die finanziellen Kosten seiner Eltern machen. Seine Leistungen verbesserten sich auf einmal konstant, und er qualifizierte sich vor zwei Jahren für die lukrative PDC-Tour. Es war der Start seiner Profilaufbahn. Bis dahin hatte er nebenher im Logistikbereich der heimischen Flugindustrie gearbeitet und ein Studium der Luftfahrttechnik abgeschlossen. Die Anstrengungen seien es wert gewesen, sagt er nun.

Das Finale zwischen Littler und van Veen ist nach 18 Jahren das letzte Darts-Match, das in der West Hall des Londoner Alexandra Palace stattfindet. Nächstes Jahr zieht das Turnier innerhalb der Palastmauern in die größere Great Hall um. Sollte Gian van Veen tatsächlich erstmals Weltmeister werden, würde es nicht überraschen, wenn er am Ende wieder überwältigt ist.

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