EM-Finalist England
Englische Erfolgsstory
23. Juli 2025, 22:08 Uhr

Der EM-Titel 2022 hat Englands Frauenfußball einen enormen Schub gegeben. Verbesserte Strukturen, mehr Medienpräsenz und finanzielle Unterstützung treiben den Erfolg voran. Nun stehen die Titelverteidigerinnen am Sonntag erneut im Finale.
Grosse Sportereignisse wirken häufig wie ein Turbo: Sie können Entwicklungen beschleunigen, die andernfalls nur schleppend vorankommen würden. Das gilt womöglich auch für den Schweizer Frauenfussball im Kontext der nun im Land stattfindenden Europameisterschaft. Ein Vorbild dabei könnte England sein: Der Gastgeber der letzten EM nutzte das Heimturnier im Jahr 2022 und den erstmaligen Titelgewinn der eigenen Nationalmannschaft, um die Förderung des Frauenfussballs auf allen Ebenen – vom Breiten- bis zum Spitzensport – systematisch und nachhaltig auszubauen. Symbolisch dafür steht der vor dieser EM vorgenommene Generationswechsel im Nationalteam. Einst gesetzte Spielerinnen wurden durch vielversprechende Talente ausgetauscht. Am Sonntag um 21 Uhr bestreiten Englands «Lionesses» (zur Unterscheidung vom Männerteam, den «Three Lions») den Final in Basel.
Der ursprüngliche Impuls für den Aufschwung in England entstand bereits durch den Zuschlag für die Austragung der EM 2022. Die englische Football Association (FA) arbeitete daraufhin eng mit der britischen Regierung und der Non-Profit-Organisation Sport England zusammen, um den Breitenfussball der Frauen zu reformieren. Gemeinsam mit den Spielorten verfolgten die Verantwortlichen eine einheitliche, zugleich lokal zugeschnittene Strategie: Das Ziel bestand darin, den Zugang zum Fussball für Mädchen und Frauen zu erleichtern, deren Betreuung zu verbessern und eine belastbare Infrastruktur zu schaffen. Diese Initiative mündete in das Strategiepapier «Inspire Positive Change» – sinngemäss: positive Änderungen anregen. Für die Umsetzung mobilisierten die Institutionen beträchtliche Millionenbeträge.
Der Durchbruch gelang mit dem EM-Titel 2022
Mit dem EM-Titel gelang der öffentliche Durchbruch: Der Erfolg der Lionesses löste landesweit eine Euphorie aus und veränderte das Bild des Frauenfussballs im ohnehin fussballbegeisterten England. Der zuvor häufig marginalisierte Frauenfussball erfuhr nun stärkere gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung. Das Interesse an den Spielerinnen und ihre Bekanntheit wuchsen rasant, was die Richtigkeit des Sprichworts belegt: Glück ist, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft. Dieses Zusammenspiel brachte eindrucksvolle Resultate, die die FA Ende 2024 präsentierte.
Zwischen 2020 und 2024 entstanden in England mehr als eine halbe Million neue Fussballangebote für Mädchen und Frauen, von Freizeitformaten über Talentförderung bis zu verbesserten Vereinsstrukturen. In diesem Zeitraum stieg die Zahl der Fussballspielerinnen um 56 Prozent. Und 129 000 Mädchen begannen neu in der Schule mit dem Fussball. Heute offerieren 77 Prozent der englischen Schulen Mädchen den gleichen Zugang zum Fussball wie Jungen. Auch bei den Trainerinnen und Schiedsrichterinnen zeigte sich ein positiver Effekt. Die FA zog erfreut Bilanz: Das Vermächtnis der EM sei eine «wahre Erfolgsgeschichte», die selbst gesteckten Ziele seien übertroffen worden.
Die Spitzenklubs investiren nun mehr in den Frauenfussball
Gleichzeitig professionalisierte sich der Frauen-Spitzenfussball in England. Ein Jahr nach der EM 2022 kündigten die Women’s Super League und die Women’s Championship – die beiden höchsten Frauenligen Englands – ihre Unabhängigkeit von der FA an. Seit der Saison 2024/25 agieren sie zusammen als eigenständiges Wirtschaftsunternehmen. Dieser Schritt ermöglichte eine gezielte Kapitalisierung des vorhandenen Marktpotenzials, vor allem in Verhandlungen mit TV-Sendern und Sponsoren. Zugleich baute der englische Frauenfussball mithilfe der Spielerinnen seine Reichweite in sozialen Netzwerken aus. Die nichtlinear ausgestrahlten Ligaspiele werden etwa kostenlos auf einem eigenen Youtube-Kanal gezeigt – mit 39,6 Millionen Gesamtaufrufen im ersten Jahr. Damit ist die Women’s Super League nach dem Tennis der weltweit am zweitmeisten gesehene Frauensport-Wettbewerb auf Youtube.
Die wachsende mediale Aufmerksamkeit und die steigenden Zahlen der Zuschauer in den Stadien erhöhten den Druck auf die Spitzenklubs, deutlich mehr Ressourcen für ihre lange vernachlässigten Frauenfussball-Abteilungen bereitzustellen. Die Spielerinnen profitieren endlich verstärkt von der Infrastruktur, dem Netzwerk und Know-how der Männerteams. Mittlerweile spielen alle Frauenteams der grossen Vereine in der höchsten Liga.
Der Gesamtumsatz im englischen Frauenfussball stieg auf 70 Millionen Franken
Dieses Engagement zeitigte Wirkung – finanziell wie sportlich: Der Gesamtumsatz der zwölf Erstligateams stieg in der Saison 2023/24 auf 70 Millionen Franken, erstmals setzte jedes Team mehr als eine Million um, am meisten der Arsenal FC mit 16 Millionen Franken. Und der Klub aus London gewann als erster englischer Verein in dieser Saison die Champions League der Frauen. Damit übernahm die englische Frauenliga die Führung in der Fünfjahres-Wertung des europäischen Fussballverbands (Uefa). Zuvor hatten jahrelang die Konkurrenzligen aus Frankreich, Spanien und Deutschland dominiert.
Die Bündelung sämtlicher Kräfte hat Englands Frauenfussball nahezu in Rekordzeit nach oben katapultiert – mit der Folge, dass die Konkurrenz Gefahr läuft, den Anschluss zu verlieren. Zumal die Liga ab 2026 die Zahl der Klubs von 12 auf 14 aufstockt. Und die FA bestehende Förderprogramme bereits verlängert hat. Der FA-CEO Mark Bullingham erklärte, die Verantwortlichen würden nicht nachlassen – bis gleich viele Mädchen wie Jungen Fussball spielten.
Die Rahmenbedingungen zwischen den Ländern lassen sich nicht vergleichen
England hat also eindrucksvoll bewiesen, wie sich Frauenfussball mit realistischem Konzept und Konsequenz in der Öffentlichkeit platzieren und aller Wahrscheinlichkeit nach auch etablieren lässt. Zwar unterscheiden sich die Rahmenbedingungen zwischen den verschiedenen Ländern hinsichtlich der Fussballtradition, finanzieller Mittel und struktureller Gegebenheiten. Und doch kann auch der Schweizer Frauenfussball von den Ideen und Erkenntnissen der Engländerinnen profitieren. Indem er versucht, sie auf die eigenen Voraussetzungen zu übertragen und anzuwenden. Die erste Hürde hat die Schweiz diesbezüglich bereits genommen – die Ausrichtung der EM.
"Wir sind wie beste Freunde"
Lauren und Reece James mischen die Fußballwelt auf: Beide spielen für England, sind Leistungsträger – und ein Duo, das es so im Profisport kaum je gegeben hat. Während Reece die Klub-WM gewann, könnte Lauren bei der EM reüssieren. Reece sagt über seine Schwester: "Sie ist technisch besser als mancher Profi in der Premier League.
