Belgien steht vor Rumänien-Spiel unter Druck

Neue Generation, alte Probleme

22. Jun 2024, 02:40 Uhr

Ein Riese mit fragil wirkendem Gemüt: Belgiens Romelu Lukaku (links) wird nach seinen vergebenen Torchancen gegen die Slowakei getröstet. (Foto: Vincent Kalut / Imago)
Ein Riese mit fragil wirkendem Gemüt: Belgiens Romelu Lukaku (links) wird nach seinen vergebenen Torchancen gegen die Slowakei getröstet. (Foto: Vincent Kalut / Imago)

Mit einer neuen Generation verfolgt Belgien bei dieser EM das alte Ziel: endlich einen Titel gewinnen. Doch nach dem Umbruch hat das Team das Kernproblem von einst eingeholt: die Abschlussschwäche in entscheidenden Momenten. Sie manifestiert sich bisweilen am glücklosen Mittelstürmer Romelu Lukaku.

Von Sven Haist, Köln

Nach dem ernüchternden Vorrundenaus der belgischen Nationalmannschaft bei der WM 2022 vollzog die Royal Belgian FA einen Umbruch auf allen Ebenen. Der CEO des Verbands, Peter Bossaert, wurde wegen einer nicht ordnungsgemäßen Gehaltserhöhung gefeuert, kurz darauf legte auch Präsident Paul Van den Bulck auf Druck des Vorstands sein Amt nieder. Das Führungsgremium hatte vom Management ein Schreiben erhalten, in dem dessen Arbeitsweise kritisiert worden war. Auch Trainer Roberto Martínez und verdiente Spieler wie Eden Hazard und Toby Alderweireld traten ab.

Um die damals überalterte Elf zu erneuern, installierte Belgiens FA den Deutschen Domenico Tedesco als unvoreingenommenen Nachfolger von Martínez. Bis dahin war Tedesco ausschließlich als Klubtrainer tätig und leitete keinen der relevanten belgischen Akteure an. Seine Aufgabe bestand darin, mit einer neuen Generation auf Sicht eventuell das mehrmals knapp verpasste alte Ziel zu erreichen: einen EM- oder WM-Titel.

Lukaku erzielte bei Turnieren nur ein Tor gegen eine Spitzennation

Nach dem misslungenen Turnierstart, einem 0:1 gegen die Slowakei, scheinen Belgien die Probleme von einst wieder eingeholt zu haben. Trotz einer vorzeigbaren Darbietung gelang dem Tedesco-Team kein Treffer. Die Abschlussschwäche in turnierentscheidenden Spielsituationen ist seit vielen Jahren das Kernproblem, zuletzt gab es bei der WM nur ein Tor in drei Spielen. Sie manifestiert sich bisweilen in der Personalie des Stoßstürmers Romelu Lukaku. Er steht beim FC Chelsea unter Vertrag und war zuletzt immer wieder nach Italien ausgeliehen. Gegen die Slowaken konnte der Torjäger eine Reihe formidabler Chancen nicht nutzen. Und als er tatsächlich zweimal den Ball ins Netz brachte, wurden die Tore aberkannt.

Die Situation hatte Ähnlichkeiten mit dem letzten Gruppenspiel der WM 2022. Damals kam Romelu Lukaku angeschlagen zur zweiten Halbzeit in die Partie und vergab einige kaum auszulassende Möglichkeiten. Auch auf Vereinsebene unterlief ihm ein vergleichbar beachtetes Missgeschick im verlorenen Champions-League-Finale mit Inter Mailand 2023. Grundsätzlich kommt Lukaku im Nationaltrikot, wie bei all seinen Klubstationen, auf bemerkenswerte Torquoten. Er erzielte 85 Tore in 116 Länderspielen für Belgien, bei Turnieren elf Treffer in 23 Einsätzen. Allerdings gelangen ihm neun davon seit der WM 2014 bei deutlichen Vorrundensiegen gegen Irland, Panama, Tunesien, Russland und Finnland. Sein einziges Tor gegen eine Spitzennation erzielte der 31-Jährige im EM-Viertelfinale 2021 gegen den Turniersieger Italien – es war ein Elfmeter.

Trainer Tedesco wollte Lukaku stärken – wies ihm aber wohl eine zu prominente Rolle zu

Die Bilanz legt nahe, dass dem immer wieder rassistisch verunglimpften Lukaku die Fortune für einen internationalen Ausnahmestürmer fehlt. Das dürfte an seiner ausbaufähigen Präzision in der Ballannahme und im Abschluss liegen – und auch in seinem fragil wirkenden Gemüt. In der Szene ist es ein offenes Geheimnis, dass Lukakus Erscheinungsbild als unerschütterlicher Riese wohl eher eine Illusion darstellt. Er hat seine besten Leistungen immerzu abgerufen, wenn der Druck einigermaßen erträglich war, wie etwa bei Inters ungefährdeter Meisterschaft 2021.

Trotz zahlreichen Chancen gelang Belgien kein Tor gegen die Slowakei.

Bei dieser EM ist jedoch das Gegenteil der Fall. Alle Augen sind auch auf Romelu Lukaku gerichtet, weil ihm sein Trainer eine prominente Position eingeräumt hat. Als Zeichen der Wertschätzung bestimmte Tedesco ihn zusammen mit dem als eitel geltenden Weltklasse-Torwart Thibaut Courtois zum stellvertretenden Spielführer hinter Kevin De Bruyne. In dessen Abwesenheit wollte Tedesco Lukaku stärken und übertrug ihm im Juni 2023 das Kapitänsamt für ein Länderspiel, bei dem ausgerechnet Courtois für seine Verdienste im Nationaltrikot geehrt worden war. Der Schlussmann von Real Madrid fühlte sich brüskiert und reiste überstürzt aus dem Quartier ab. Tedesco schilderte die Situation detailliert der Öffentlichkeit, was Courtois in Rage versetzte.

Das Zerwürfnis mit Courtois ist weiter ungeklärt

Kurz nach dem Vorfall erlitt Courtois einen Kreuzbandriss und kündigte zum Jahresende 2023 an, für die anstehende EM „nicht zu hundert Prozent bereit“ zu sein. Damit wollte der gerade für viele beste Torwart der Welt mutmaßlich einer Nichtnominierung durch Tedesco zuvorkommen. Vor ein paar Wochen kehrte er ins Real-Tor zurück und hielt mit bestechenden Paraden den Königsklassensieg gegen Borussia Dortmund fest. Im März 2024 hatte Tedesco zur Courtois-Personalie kryptisch und unpräzise verlautet, „alles, wirklich alles“ versucht zu haben. Einen Beitrag mit dem Zitat kommentierte Courtois mit Pinocchio-Emojis.

Der ungeklärte Disput begleitet die Belgier nun ähnlich wie die tiefen Zerwürfnisse zwischen einzelnen Spielern bei der vergangenen WM. Der Mannschaft mangelte es im ersten Spiel sichtbar an Stabilität in beiden Strafräumen. Courtois-Ersatzmann Koen Casteels vom VfL Wolfsburg wehrte einen Schuss direkt vor die Füße des slowakischen Siegtorschützen Ivan Schranz ab, der ihn dann aus spitzem Winkel überwand. Die Aktion wirkte so unglücklich, dass es kaum vorstellbar war, Courtois hätte ein solches Tor kassiert. Und vorne hat sich Tedesco mit seinem Vorgehen quasi auf Romelu Lukaku als Mittelstürmer dauerhaft festgelegt. Dabei häufen sich die Meinungen, dass Loïs Openda nach seiner starken Saison bei RB Leipzig vielleicht eine Alternative sein könnte.

Aus den verbleibenden Gruppenspielen gegen Rumänien am Samstag und die Ukraine benötigt Belgien wohl mindestens einen Sieg zum Weiterkommen. Sonst könnte bald der nächste Umbruch bevorstehen.

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